Sigrun Höllrigl: Odysseus X

Roman.
Graz: edition keiper, 2015.
144 Seiten; broschiert; Euro 16,05.
ISBN-13: 978-3902901682.

Autorin

Leseprobe

Vielfältige Verschränkungen

Es sind mehrere Ebenen, die Sigrun Höllrigl in Ihrem „Roman“-Debüt Odysseus X miteinander verschränkt. Wobei vorausgeschickt werden muss, dass es keineswegs klar wird, warum dieser Text, und das ist keine Kritik an selbem, ein Roman sein soll, wie am Cover angegeben, genauso wenig wie es – zumindest mir – einleuchtend erscheint, die Liebesgeschichte von Sally und Rod in jener Art und Weise in den Vordergrund zu stellen, wie es der Klappentext macht. Aber da stehen wohl werbetechnische Aspekte dahinter.
Die Verschränkung der Ebenen, um nun zum Text zurück zu kehren, äußert sich schon, aber nicht nur, graphisch, denn die Geschichte von Sally, der hochtalentierten jungen Schriftstellerin aus einfachem Elternhaus in Detroit, die Dank eines Stipendiums in Cambridge studiert und nun auch in England an die literarischen Erfolge in den USA anschließen möchte, wird immer wieder von zwei – zählt man die ausgewiesenen Plath-Zitate dazu drei – optisch leicht erkennbaren Strängen unterbrochen. Zum einen sind das Ausschnitte aus den Mails von Chris, Sallys durch und durch unsympathischem (Ex)Freund, einem halbprofessionellen Musiker, der, in den Staaten zurückgeblieben, trotz zahlreicher Affären nicht akzeptieren kann, dass Sally sich von ihm abnabelt. Zum anderen sind dies Zitate, die zum größten Teil, aber nicht nur, aus der Odyssee in der berühmten Übersetzung von Heinrich Voß stammen. Beide Einschübe konturieren den Text, motivieren die Wendungen, kommentieren Geschehen(d)es – und werfen doch zumindest gleich viele Rätsel auf wie sie zu lösen vermeinen.
Zumindest die Ausschnitte aus Chris‘ Mails, auf die Sally nur zwei Mal zu antworten scheint (S.45 und S.50) – 'scheint' darum, da nicht endgültig zuzuordnen ist, wem die zweite Stimme gehört – haben aber noch eine andere Funktion, die der Charakterisierung des Schreibenden. Diese wirkt deutlich zu klischeehaft, doch halt, ist das nicht vielleicht die Textstrategie? Denn wie Chris der Prototyp eines selbstverliebten, semi-erfolgreichen ‚Rockstars‘ (mit Koks, Whiskey und jeder Menge Frauen) ist, ist Rod, der neue Freund Sallys, Mitglied des berühmten Ruderteams aus Cambridge, wohl das, was man sich in Europa unter dem typisch amerikanischen 'Sunnyboy' vorstellt. Sallys Freundin Carol ist scheinbar einer TV-Serie über reiche, amerikanische 'Collegegirls' entstiegen und auch Sally entwickelt kaum ein Eigenleben, wirken doch ihre Gedanken, ihre Wünsche, Ideen und Vorstellungen sowohl im Privatleben als auch in jenem als Schriftstellerin klischeehaft, vorgeformt, wie angelesen und reproduziert – eine Kopie von Vorgeschriebenem (weil alles immer vorgeschrieben ist), Odysseus II eben, nein, Odysseus X, die x-te Fortschreibung des Mythos, wie der Titel auszurufen scheint.

Ebenso graphisch ausgestellt, und sogar mit konkreten Textnachweisen versehen, sind die zitierten Texte jener Autorin, welche Sally nicht nur erforscht, sondern der sie förmlich nach-lebt, oder, vielleicht besser, deren Leben den Text Höllriegels als eine weitere Ebene durchzieht, bis hin zu Momenten, in denen die Geschichte Sylvia Plath‘ jene von Sally, man beachte auch die Ähnlichkeit der Namen, fast zu verdrängen scheint. Das Changieren zwischen R und T (auch Sylvia Plaths Name wird nur mit 'S' abgekürzt) – auf der einen Seite durch die Verwendung des Vornamens eine Nähe evozierend, die zugleich, im Nicht-Niederschreiben/Aussprechen-Können des Namens, der auch ein anderer sein könnte (der auch für Sally stehen könnte) eine Distanz herstellt – gleicht jenem zwischen Rod und Chris. Beide Frauen suchen, selbstbewusst und doch völlig abhängig, von wem/was eigentlich genau? den eigenen Erwartungen? der Gesellschaft?, ihren Weg. Wie jener von Sylvia Plath geendet hat, lehrt uns die Geschichte. Wie jener von Sally enden wird, bleibt offen. Gerade an jenen Punkt, an dem der Text (die Texte, müsste man besser sagen) am meisten 'Fahrt' aufgenommen hat.
Aber auch das ist nur konsequent, denn wie sich Höllriegels Text der Zuordenbarkeit zu einem Genre entzieht und sich doch als ‚Roman‘ bezeichnet, wie er zwar manche, aber nicht alle Zitate aus Plaths Texten mit Verweisen versieht, wie er die Figuren vielmehr als Prototypen denn als psychologische Figuren zeichnet und doch dort und da Blicke auf das Innenleben preisgibt, so verweigert er sich letztendlich eine Geschichte zu erzählen, besonders radikal in dem Moment, in dem sie endlich doch zu beginnen scheint.

Peter Clar
22. Juli 2015

Originalbeitrag
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