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Andrea Grill: Das Paradies des Doktor Caspari.

Roman.
Wien: Zsolnay, 2015.
288 S.; geb., Euro 20,50 [A].
ISBN 978-3-552-05744-9.

Autorin

Leseprobe

Der vierunddreißigjährige Entomologe Franz Wilhelm Rosalie Caspari lebt seit neun Jahren auf der tropischen Insel Mangalemi und erforscht dort den für ausgestorben gehaltenen Falter der Spezies Calyptra lachryphagus. Wie die lateinische Gattungsbezeichnung verrät, ernährt sich das Insekt von Tränen, die der Wissenschaftler für die Erhaltung der von ihm gezüchteten Individuen braucht. Zur Beschaffung des dringend benötigten 'Futters' besucht der junge Mann mit seinen Tieren regelmäßig Begräbnisse, wo erfahrungsgemäß ausgiebig geweint wird. Da aber nicht genug Bewohner sterben, ist Caspari gezwungen, auf seine Haushälterin, die sensible Mrs. Banerjee, zurückzugreifen, die er mit traurigen Gesprächen zum Weinen bringt. Um den hohen und schwer zu deckenden Bedarf an Tränen zu decken, besticht der findige Wissenschaftler sogar einen Fußballtrainer, der seine gewöhnlich siegreiche Mannschaft gegen eine hohe Summe verlieren lässt und damit schluchzende Anhänger garantiert.
Da Casparis Stipendium zur Neige geht und keine Anstellung an einer Universität in Sicht ist, spitzt sich seine finanzielle Lage zu. Hinzu kommt, dass er seine Falter ohne behördliche Genehmigung eingefangen hat, weshalb er mit einer hohen Geldstrafe belegt wird, die er nicht bezahlen kann. Ein Gefängnisaufenthalt und das Ende seiner Forschungen drohen. In einer ausweglosen Situation gefangen, steuert Caspari unweigerlich auf die Katastrophe zu.

In ihrem jüngsten Roman mit dem ironischen Titel Das Paradies des Doktor Caspari zeichnet Andrea Grill das bezaubernde Porträt eines passionierten Insektenforschers, der eine herausragende Begabung für die Lösung komplexer Forschungsfragen besitzt, sich im alltäglichen Umgang mit Menschen freilich rasch überfordert zeigt. Sein Bekanntenkreis beschränkt sich auf wenige Personen, darunter seinen besten Freund Heinrich, der ebenfalls auf Mangalemi lebt. Dieser braucht dank undurchsichtiger Geschäfte, die sein Bruder in der Schweiz betreibt und an denen er beteiligt ist, keiner Erwerbsarbeit nachzugehen und unterstützt Caspari sowohl finanziell als auch moralisch. Heinrich hat überdies die sympathische Angewohnheit, sich nicht aufzudrängen, was dem stets beschäftigten Wissenschaftler, der ab und zu Zerstreuung braucht, sehr entgegenkommt.
Komplizierter gestaltet sich indes der Kontakt mit Heinrichs Freundin, der Biologin Shambhavi, die meist unangemeldet auftaucht und Caspari mit ihrer irrationalen Weltsicht schlicht auf die Nerven geht. Dass sie mit ihm flirtet, wird von ihm nüchtern konstatiert, löst aber seinerseits außer Irritation keine Gefühle aus. Aus seiner Sicht ist es eben unlogisch, dass die mit seinem Freund liierte junge Frau auch an ihm Interesse zeigen könnte. Frauen scheinen Caspari, der sich ganz und gar auf seine Falter konzentriert, lediglich von seiner Arbeit abzulenken, die im Wesentlichen darin besteht, seine Forschungsobjekte in verschiedenen Versuchsanordnungen zu studieren, um danach die richtigen Schlüsse zu ziehen.
Typisch für das distanzierte Verhältnis, das der Entomologe zu seinen Artgenossen unterhält, die er – wenn sie nicht gerade als Dienstleister oder Kollegen fungieren – als notwendiges Übel erachtet, ist auch die Beziehung zu seiner Familie. Mit seinem Vater, der Italienisch lernt und seine Kenntnisse anwenden möchte, unterhält er eine E-Mail-Korrespondenz in der Sprache Dantes. Seiner hochbetagten Großmutter, die sich im Altersheim befindet, hat er einen so genannten Lebensüberträger geschenkt, ein Gerät, das es den Benutzern erlaubt, Berührungen und Empfindungen zu übertragen, ohne tatsächlich miteinander reden zu müssen. Die Technik erleichtert Caspari also in jeder Hinsicht die Kommunikation, sodass er zufrieden notiert: „Der Kontakt zu meinen Blutsverwandten von meinem Arbeitszimmer aus ist der bequemste und erfreulichste, den ich je hatte.“ Der Gedanke, dass er seine Angehörigen auch anrufen oder gar besuchen könnte, kommt ihm hingegen nicht in den Sinn.
Diese auf den ersten Blick einfache und zugleich heile Welt der Wissenschaft bekommt im Lauf der Handlung zusehends Risse. Caspari, der in der scientific community zwar kein unbeschriebenes Blatt ist, muss sich eingestehen, dass er trotz eines regen Austauschs mit Kollegen auf Dauer nicht an der universitären Peripherie existieren können wird. Ein Vertrag mit einer Forschungseinrichtung fehlt und Bewerbungen bleiben ohne Ergebnis. Darüber hinaus gestaltet sich die Publikation wissenschaftlicher Erkenntnisse immer schwieriger. Das Einreichprozedere von Artikeln, zumal via Internet, ist mühsam und zeitraubend. Anonyme Gutachter weisen Studien ungelesen zurück und machen so monatelange Recherchen zunichte, was Casparis Selbstvertrauen auf eine harte Probe stellt.

Die Autorin, die sich als promovierte Entomologin auf Erfahrungen aus erster Hand und entsprechendes Fachwissen stützen kann, bietet einen ernüchternden Einblick in die unmenschlichen Mechanismen des Wissenschaftsbetriebes, der Talente heranzüchtet, am Höhepunkt ihrer Leistungsfähigkeit fallen lässt und damit Karrieren und nicht zuletzt geistiges Kapital sorglos zunichte macht. Caspari, der sich mit Haut und Haar der Forschung verschrieben hat und mit der Wiederentdeckung und Züchtung der Calyptra lachryphagus ein Forschungsfeld betreten hat, das seinen wissenschaftlichen Ruhm begründen könnte, bleibt als modernem Sisyphos die erhoffte Aufnahme in den Elfenbeinturm versperrt. Als besessener Forscher– und darin besteht die eigentliche Tragik dieser Geschichte – scheitert er aber auch auf dem Weg vom Ich zum Du.

Grills ebenso humorvolle wie scharfe Abrechnung mit der Welt der Wissenschaft erweist sich als überaus gelungen und spiegelt das Los des wissenschaftlichen Nachwuchses, der, sich selbst ausbeutend, in die berufliche und menschliche Isolation schlittert. Indem die Autorin ihren Helden mit autistischen Zügen versieht, bedient sie allerdings das Stereotyp des weltfremden, verschrobenen Wissenschaftlers. Dieser Kniefall vor den vermeintlichen Erwartungen der Leserschaft erscheint angesichts der vielen Qualitäten dieses mit souveräner Hand geschriebenen Romans als unnötiger Effekt. Wirklich beeindruckend an dieser Fiktion ist aber die Tatsache, dass es der Autorin gelingt, mit trockener Naturwissenschaft Spannung zu erzeugen und dabei Insekten zu heimlichen Protagonisten des Handlungsgeschehens zu machen.

Walter Wagner
9. August 2015

Originalbeitrag.
Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.


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