Marianne Jungmaier: Das Tortenprotokoll.

Roman.
Wien: Kremayr & Scheriau, 2015.
208 Seiten; Euro 19,90.
ISBN 978-3-218-00996-6.

Autorin

Leseprobe

Der andere Ruf der Natur

Worüber man nicht sprechen kann, darüber muss man schreiben. Wir wissen, dass es in der Literatur grundsätzlich nur zwei Themen gibt: Sexualität und Tod. Der Tod der Großmutter führt die Erzählerin Friederike zurück in die Provinz, in die Kindheit. Geflüchtet ist sie vor der Stummheit in der Familie, im Dorf, vor dem 'Fremdsein' in dieser Heimat.

Im Debütroman „Das Tortenprotokoll“ von Marianne Jungmaier ist das Erinnern schmerzhaft und befreiend zugleich. In der Erinnerung, die sich erst entfaltet, wenn der andere verschwunden ist, entsteht dieses vergangene Leben der Großmutter neu und es lässt durch den Verlust Erkenntnisse zu, die vorher nicht gesucht werden konnten. Programmatisch beginnt der Text mit dem Satz „Ich erinnere meine Großmutter in Details“.
Der aufmerksame Blick für die staubbedeckten Marmeladegläser im Keller, die gelben Früchte in den Kronen der Kirschbäume, die den Vierkanter säumen, und den Gram, der die Großmutter einschloss mehr und mehr. Der Titel des Buches ist einer Sammlung von Rezepten zu verdanken, die Friederike beim Stöbern in der Hinterlassenschaft der Verstorbenen entdeckt. Exemplarisch ist das Backen und Kochen für den Willen Sinnlichkeit zu erfahren, wenn sie schon anders versagt bleibt. Versagt auch durch die berechtigte oder unberechtigte Angst vor der üblen Nachrede, die dem gewiss zu sein scheint, der die Befriedigung von Bedürfnissen einfordert und sie nicht nur stumm beobachtet. Anderen Zuneigung zu zeigen geht anscheinend nur durch Süßes.

Während der konzentrierte, manchmal vielleicht gar autistische Blick der Erzählerin ein Familienbild generiert, in welchem jedem seine eigene Einzelhaft zugeschrieben wird, findet sie in Tobi (Tobias) einen Verbündeten von Kindheitstagen an. Am Beginn ein Seelenverwandter, dann ein Geliebter. Fast inzestuös mutet sie an, diese Beziehung von Kindern erst, Jugendlichen später, die zwar nicht direkt verwandt sind, die jedoch durch die Verhältnisse im Dorf einander gewissermaßen schicksalhaft verbunden sind. Zur Identifikation der Enkelin Friederike mit der Großmutter trägt auch die Namensgleichheit bei, aber mehr noch die Entdeckung einer geheimen Liebe, die fast als Spiegelbild von Friedrikes und Tobis Beziehung anmutet. Es sei nicht verraten, wem diese Liebe gegolten hat, denn schließlich ist dies die dankbarste Aufgabe, die den Lesenden gegeben ist: Selbst durch den Text zu gehen und hinter die Büsche zu blicken.

Wichtiger für die Dramaturgie des Romans ist dieses Auffangen der Großmutter in der behaglichen Vorstellung, dass trotz des frühen Todes ihres Mannes und des Aufziehens von Kindern noch etwas Sehnsucht übrigbleiben durfte. Sehnsucht, die nicht zur Gänze im Kuchenteig verrührt werden musste.
Es ist müßig mit allzu viel enervierender Kraft auf Traditionen und Stigmata österreichischer Literatur zu verweisen, auf die große Sprachmächtigkeit, die so gekonnt Sprachlosigkeit bloßstellt, auf das enigmatische Landleben, das sich in Regeln und Ritualen erschöpft und dem Individuum kein Eigenleben zubilligt. All das liest man in diesem Buch und könnte es in einem kontextualisierten Sinn in das „Österreichische“ der Literatur hinein reklamieren. Aber wozu?
Es ist eine opulente Sprache, die Jungmaier entwickelt hat, um den Mikrokosmos dieses Lebens mit großer Genauigkeit zu entfalten. Der Erzählstrom gleicht einem Mäandern von Dokumentation und Assoziation. An jedes Ding sind Geschichten geknüpft, deren Knoten Friederike löst. Fast alles geht sprachlich auf, einmal liest man von Spinnweben, die so zart sind, dass sie mit einem Hauch zerfallen. Dabei weisen gerade Spinnennetze eine erstaunliche Robustheit auf. Bei der Poetisierung der Wirklichkeit kann man die Stimmigkeit der Bilder nicht genug prüfen. Aber hier zu pedantisch zu agieren entspricht überhaupt nicht einer aufrichtigen Besprechung dieses Buchs, das seinen berührenden Ton von der ersten Seite an findet und bis zum Ende durchhält.

Interessant ist, dass der zweite Weltkrieg, ein riskanter und mitunter schon leerer Topos um das Verschwiegene zu kennzeichnen, hier nicht zum Grund und Maßstab des Schweigens wird. Das Schweigen der Familie braucht kein Weltereignis. Es ist außerdem bereits die Zeit der Nachgeborenen, es wird von einer Generation erzählt, die den Krieg bloß als Kind erfahren hat, und die sich der wirtschaftlichen Not der Nachkriegsära stellen musste: Hinein ins Österreich der 50er Jahre bis zur Jahrtausendwende. Und doch ist es so, als wäre in der Schilderung des Hauses der Großmutter Zeit keine Kategorie mehr, als würden die Möbel, die Tapeten, die Böden immer gleich aussehen.

Oft können Kinder nicht über Eltern schreiben, es müssen schon die Enkelkinder sein, die wohl ein Stück freier im Umgang mit dem Persönlichkeitsspektrum der Vorfahren sind, unbefangener die Wunden befühlen, vielleicht auch gnadenloser in ihren Zuschreibungen verfahren. Diese Großmutter ist keine einzelne. Viele wird es gegeben haben wie sie und viele gibt es wohl auch heute noch. Es braucht Mut ein solches Buch zu schreiben, das in der real erzählten Zeitspanne von wenigen Tagen angesiedelt ist, und das seine Tiefe aus der Erinnerung schöpft. Die gegenwärtigen Eckpunkte sind die Heimkehr der Erzählerin Friederike, die sich bald nach Erreichen der Volljährigkeit nach Berlin 'abgesetzt hat', das Begräbnis der Großmutter und der Abflug zurück in das Dasein anderswo. Erwachsen.

Alexander Peer
1. September 2015

Originalbeitrag
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