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Martin Amanshauser: Der Fisch in der Streichholzschachtel.

Roman.
Wien: Deuticke im Zsolnay Verlag, 2015.
575 S., geb.; € 22,60.
ISBN 978-3-552-06292-4.

Autor

Leseprobe

Zumindest dem Umfang nach (575 Seiten) ist der neue Roman des Autors, Übersetzers und Reisejournalisten Martin Amanshauser ein Opus magnum. Doch von Bedeutungsschwere hält der in Berlin und Wien lebende Autor nicht so viel. Die Schwarte ist durchaus strandtauglich und auch während einer Hitzewelle noch verkraftbar.
Der Roman erzählt von einem Schiffsunglück am 3./4. April 2015. Der Kalender zeigt den Karfreitag, doch in der fiktiven Welt des Buches ist Faschingsdienstag. Nicht die Katastrophe wird uns zugemutet, sie erscheint als Humoreske, die Tragödie als Farce, der Ernst als Unterhaltung. Vielleicht ist das zeitgemäß, andererseits werden dadurch die quälendsten Fragen, wie etwa die nach der ungerechten Verteilung von Leid in unserer Welt, banalisiert. Diese Frage in Form der Theodizee wird im Roman immer wieder angesprochen. Warum leiden die Unschuldigen, während die Bösen gedeihen? In “Der Fisch in der Streichholzschachtel” wird diese Frage, die früher kulturelle Systeme vor grundsätzliche Legitimationsprobleme stellte, Teil einer durchaus vergnüglichen Ferienlektüre.

Es geht nicht um eine Streichholzschachtel, sondern um zwei Schiffe, die als Schachteln verstanden werden können. Das Kreuzfahrtschiff “Atlantis” und das Piratenschiff “Fín del Mundo”. Die Namen sind Programm. Ein furchtbarer Sturm bringt zusammen, was nur in der literarischen Fiktion möglich ist. Das Piratenschiff aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts begegnet dem Urlaubsdampfer aus dem 21. Jahrhundert. Amanshauser hat auf jedem der Schiffe einen Ich-Erzähler positioniert. Auf der “Atlantis” ist das “Alarm Fred”, “ein knapp vierzigjähriger Kleinunternehmer mit einer Firma ohne Einkommen”, der vom Erbe seiner Frau Tamara, einer erfolglosen Architektin und ausgebildeten Hebamme, einen Vorschuss nimmt, um mit ihr und den beiden Kindern Malvi (15) und Tom (11) auf dem Luxuskreuzfahrschiff eine “12NC” (Fachbegriff für ’12 Nights Caribbean’) mitzumachen. Abgesehen von den Finanzen hat er noch zwei weitere “gröbere Probleme. Das erste ist Amélie.” Sie ist die Exfreundin, die er zufällig auf der “Atlantis” trifft und erneut begehrt. “Das zweite sind die brennenden Hoden.” Solch degoutante Probleme sind für Amanshausersche Antihelden nicht gerade ungewöhnlich, erinnern wir uns etwa an Mika aus “Chicken Christl”, der sich beständig Gedanken über seine Po-Hygiene machen muss.

Der Erzähler auf dem Piratenschiff stellt sich so vor: “Salvino d’Armato degli Armati aus dem Fürstentum Piemont, Teil des Königreichs Sardinien, meines Zeichens Geograph und Chronist an Bord der ’Fín del Mundo’”. Bei ihrem ersten Aufeinandertreffen nimmt ihn Amélie dagegen so wahr: “Im wirklichen Leben ist das wohl irgendein aserbeidschanischer oder rumänischer Programmierer oder Graphiker, Jahrgang 1968, heruntergekommen, verschroben, ewig lange in seiner Agentur, nie “art director” geworden”. Unter seinem Namen kann man eine erfundene Figur googeln, was bedeutet, dass er als Erzähler nicht zuverlässiger ist als Fred, der von sich sagt,”privat und beruflich gleichermaßen ein Lügner” zu sein.

Auf dem Piratenschiff tummeln sich mythenumrankte Figuren wie der Kapitän Klaus Störtebecker und die von ihm schwangere Anne Bonny, die berühmte Piratin des beginnenden 18. Jahrhunderts. Als sie auf das im Verhältnis zu ihrem riesige Kreuzfahrschiff treffen, halten sie es für den Turm zu Babel. Die biblische Geschichte vom Turm zu Babel ist ein früher Versuch, die menschliche Kommunikationsmisere zu formulieren. Kommunikation zwischen Ehepartnern, Liebenden, Menschen verschiedener Kulturen und Zeiten ist ein durchgehendes Thema im Roman. Dabei erlauben die beiden Erzähler verschiedene Perspektiven auf die je andere Situation und manche Szenen erinnern an solche, wie sie etwa für Herbert Rosendorfers “Briefe in die chinesische Vergangenheit” grundlegend sind. Zur Unterhaltung von uns Leserinnen und Lesern trifft dabei zu, was Salvino d’Armato so formuliert: “Die Schöpfer der Fiktion haben, wie ich immer wieder bemerke, mit Bedacht auch einigen Humor in ihre Welterklärung gemischt.”

Da ist noch die Frage, was der Fisch in der Streichholzschachtel soll. Es handelt sich dabei um “Alarm Fred”, der von seinen Freunden “Flipper” genannt wurde, während sie hinter seinem Rücken von “Fisch” redeten. Die “12NC”, das unerhörte Ereignis, die “Endstation der Verbraucherhölle”, verändert freilich Menschen und, etwas schwierig nachvollziehbar, wird aus Fred, dem Fisch, auf den fast 600 Seiten Fred, der Flipper.

Der Reisejournalist Amanshauser beschreibt kenntnisreich und gewitzt die Babelianer auf dem Luxusliner, ruft mit seinen Ehedialogen nicht bloß ein Schmunzeln hervor, zeigt wie schwierig und oft lächerlich Kommunikation sein kann. Köstlich stellt er dar, wie kompliziert Familie und Selbstfindung sein können. Nicht so gut gelingt es ihm, Tiefgang in die Geschichte zu bringen. Das drohende (oder tatsächliche?) Sinken der Schachteln und die Gründe dafür werden verharmlost und verniedlicht. Das ist Biedermeier.

Helmut Sturm
2. September 2015

Originalbeitrag
Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.


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