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Martin Amanshauser: Der Fisch in der Streichholzschachtel.

Leseprobe:

2 Könnt ihr auf mich bauen, oder könnt ihr das nicht? Ich mache das, was ich am besten beherrsche, ich grüble meine Andersartigkeit in mich hinein. Wenn die philippinischen Zimmerboys klopfen, öffne ich freundlich die Tür und stelle den Familienvater dar. Dabei schmerzt mein Hodenbereich, als Erinnerung an die Person, die ich geworden bin: privat und beruflich gleichermaßen ein Lügner.
Lehmkuhl habe ich zum Beispiel verschwiegen, dass ich in der entscheidenden Phase auf Urlaub gehe. Egal. Zum Glück kann ich schnell reagieren, moderne Kreuzfahrtschiffe sind an- gelegt wie ein Homeoffice. Nur unter der Bedingung einer Satellitenleitung bin ich überhaupt an Bord gegangen.
»Erschöpft, Flipper?«, fragt Tamara.
»
Glänzend gelaunt«, sage ich matt, nehme den Katalog zur Hand und versuche, meine Miene dem Anlass anzupassen. »Flipper ist Vergangenheit.«
»
Du hast angefangen.«
Im Namen Flipper habe ich mich nie wiedererkannt. Die Schulkollegen nannten mich so, seit ich 200 Meter Lagen in 2:17,08 geschwommen war, was damals Jugendrekord des Bundeslands und Rang 320 in der inoffiziellen Jugend -Weltrangliste bedeutete. Heute würde ich um die vier Minuten benötigen, wenn ich überhaupt die Kraft für einen korrekten Schlüssellochzug und den geschlossenen Beinschlag beim Schmetterling hätte.
Ich zähle die Palmen durch. Es sind auffällig viele Palmen abgebildet, neunzehn Stück. Dafür sieht man nirgends Bilder von den Speisesälen, nur Mahlzeiten in Super-Zoom, in einem Styling, das von einer Massenküche niemals angeboten werden kann.
Angesichts der Abbildung stelle ich mir vor, wie eines meiner Kinder an der Gräte eines solchen Lachses erstickt. Wie die Erste Hilfe versagt, wir das Kind auf den Kopf stellen, aber der Kopf immer dunkelblauer wird, die Augenbrauen aufzuplatzen scheinen, das Kind nach Luft ringt, wie ich mit dem Kopf gegen die Wand renne. Wie ich den Rest meines Lebens verfluche, diese Reise gebucht zu haben. Das sind keine produktiven Gedanken, aber ich kann nicht anders. Sie verfolgen mich. Schon als Kind erschlug die Tafel meine Grundschullehrerin. Sie war völlig zerquetscht, man musste alles auf den Müll werfen, Tafel und Lehrerin.
Um eine Kreuzfahrt zu genießen, sollte man gerne mit Puppenhäusern spielen und ein rechtes Herdentier sein. Die ersten Stunden an Bord sind laut Katalogtext »spannend«, in Wirklichkeit gehören sie dem Erlernen einer Routine, die jegliche Spannung unterbindet. Wir werden in die Seenotrettungsübung geschickt, ein ironisches Zitat eines Notfalls. Wie altes Vieh lassen wir uns auf das Mitteldeck treiben. Wir stehen in Reihen, Anwesenheitscheck, Stewards lesen die Passagiernamen von einer Liste. Es herrscht einige Verwirrung und Gelächter, weil sie die Namen lustig aussprechen, vor allem die deutschen.
Wir sind angeblich 22 Nationen an Bord.
»Schöne Grüße von der Costa Concordia«, sagt ein Typ mit zwei Beulen auf der nackten Kopfhaut.
»Ruf es nicht herbei, Uwe«, weist ihn seine ältere Partnerin zurecht, während sie ihm mit einem Papiertaschentuch die Stirn abtupft.
Tom zeigt mit dem Finger auf eine faltige Glatze vor ihm. Beinahe berührt er sie. Er will Malvi auf die Glatze aufmerksam machen, aber seine Schwester starrt über alle hinweg.
Unsere Spezies, denke ich, ist so grausam. Mein leicht fettleibiger Sohn macht sich über einen kahlen Zwerg lustig. Ich wende mich ab. Sollen es die Kinder anderer Leute sein, ich habe nichts mit ihnen zu tun.
Tamara kriegt nichts davon mit, sie fahndet nach der Kreuzfahrtdirektorin Rafaela, die als unsere Bekannte gilt. Diese Rafaela ist eine Bekannte von Lotte, Tamaras bester Freundin. Ich weiß daher, dass Rafaela allein lebt, keinen Partner hat und Flugreisen ebenso hasst wie Möbelhäuser oder Unpünktlichkeit. Ich hatte immer gehofft, Rafaela würde eines Tages der See- fahrt den Rücken kehren und Lotte stärker als bisher für sich beanspruchen, damit dieser weniger Zeit für Tamara bliebe.
Lotte arbeitet in der PR-Abteilung jener Fluglinie, die uns hierher transportiert hat. Der Flug war, dank Lotte, gratis. Die Buchungslage der Riesenschiffe in der Karibik ist gerade »unter den Erwartungen«, als crew friends zahlen wir ein Drittel weniger als im Prospekt.
Bei dieser Reise kommen mir drei Frauen preislich entgegen – Tamara, Rafaela und Lotte.
Lotte bezieht ihr Vokabular aus Celebrity, Vanity Fair oder Joy. Lotte misstraut Männern. Gegen mich hegt sie nicht einmal eine spezielle Abneigung, sie betreibt nur ihr gewohnheits- mäßiges negatives Lobbying gegen mein Geschlecht.
Endlich werden auch unsere Namen aufgerufen, vierstimmig krächzen wir »yes« und »here«.
Die Seenotrettungsübung löst sich auf, wir schließen uns dem Gänsemarsch in die Kabinen an, ich stelle mir eine Massenpanik vor, wie die Leute rings um mich zertrampelt und zerdrückt werden, und ich selbst, gegen die Wand gepresst, noch versuche, die Hand meiner sterbenden Frau zu berühren, die sich mir entgegenstreckt, wie in der Sixtinischen Kapelle ... Keine produktiven Gedanken, klar.
Ich lege mich mit Ohrenstöpseln aufs Bett und blättere zum technischen Teil des Katalogs. Bei der Atlantis handelt es sich um ein Doppelhüllenschiff. Das bringt im Falle einer Kollision oder bei Grundberührung eine erheblich höhere Sicherheit.
Irgendwann höre ich meinen Namen, ich lockere die Ohrenstöpsel.
»Fred ist wieder einmal schockgefroren«, sagt Tamara, die Fachbegriffe für meine Eigenheiten hat.
Ich ziehe die Stöpsel heraus.
»Alles ist super«, sagt Tamara.
»
Alter Sack!«, ruft Tom. »Man kann heute ausnahmsweise bis zwölf Uhr frühstücken!«
Beim Frühstück sind wir die perfekte Familie, Fred, Tamara, Tom und Malvi. Die Hoden schmerzen, als würde mir ein unsichtbarer Feind Tritte versetzen. Ich verziehe keine Miene, kreise entschlossen um das Buffet, an dem sie uns »mit allem verwöhnen«. Es ist eine Lüge, Haferflocken fehlen. Es gibt allerlei zuckerreiche Haferflocken-Mischungen mit Rosinen und Schokostreuseln, aber keine Haferflocken ohne Zusatz.
»I need Ha-fer-flocken ... Oat flakes ... avena, in spanish avena«, erkläre ich dem Kellner.
Er nickt freundlich, verlässt den Tisch, ohne das Problem zu begreifen, und lehnt sich drei Meter entfernt an eine Säule, zufrieden ins Nichts blickend.
»Er versteht oat flakes nicht«, sage ich zu Tamara, »ich kenne das Wort sogar auf Spanisch, nur auf Filipino, falls es diese Sprache gibt, kann ich es leider nicht sagen.«
Tamara konzentriert sich auf ihr Couscous, über das ein Spiegelei rinnt. Mich stört es nicht, wenn sie nicht antwortet, sie sieht beim Essen wunderschön aus. Mit ihren großen, runden Augen mustert sie die zerronnene Mischung vor sich wie ein wertvolles Kunstwerk.
Plötzlich fällt mir ein, dass auf den Philippinen ja zumindest teilweise Spanisch gesprochen wird – ob der Mann sich absichtlich dumm stellt?
»Señor, por favor!«, fahre ich auf.
Der Filipino, wie ein Buddha konzentriert auf Vorgänge in seinem Inneren, bleibt regungslos wie eine Statue.
»Asiatische Ruhe?«, frage ich mit lauter Stimme.
»Kannst du dich bitte etwas zurückhalten, bitte«, sagt Tamara, worauf ich antworte, dass sie gar nicht abschätzen kann, wie sehr ich mich zurückhalte, worauf sie sagt, mein Tonfall klingt wie das Gegenteil von Zurückhaltung, worauf ich sage, dass es nicht um den Tonfall geht, sondern um Grundsätzliches wie Haferflocken.
»Schrei Mama bitte nicht so an!«, schreit Tom, worauf ich ihm in aller Ruhe erkläre, dass nicht ich derjenige bin, der schreit.
Tom nimmt meine Erklärung mit satter Miene auf und wendet sich seiner Portion Belgian Waffles unter Schokoladensauce zu. Fehlt im Gegensatz zu Haferflocken nirgends. Ich habe das Süßigkeitsverbot gelockert, um mein ohnehin mittelmäßiges Renommee nicht auf einem weiteren Gebiet zu beschädigen. Tamara verbietet ihnen gar nichts.
Sie selbst isst jetzt noch einen Fruchtsalat, wie die meisten Frauen an den Nebentischen. Auf den Tellern der Männer türmen sich Schinken, Speck und Eier.
»Tagalog«, sagt Tamara.
»
Wie?«, fahre ich auf.
»Die Sprache der Filipinos heißt Tagalog.«
»
Nutzloses Wissen«, sagt Malvi.
Ich frage mich, wie unser Gespräch das Bewusstsein meiner Tochter erreicht, wo ihre Ohrhörer doch vor Lautstärke beben. Sie trinkt grünen Tee, isst Melonenscheiben und starrt, als würde da draußen das große Nichts warten, durch das Fenster auf die blitzblanke Fläche des Ozeans.
»Ruhe da drüben«, sagt Tamara. »Alles ist super!«
»
Außer dem Haferflockenskandal«, sage ich.
»Du weißt nie, wann Schluss ist«, sagt Tamara.
»
Jetzt«, sagt Malvi, ohne den Blick zu heben.
Malvi steht auf der Passagierliste, sie ist an Bord, und gleichzeitig fehlt sie. Das ist normal in ihrem Alter, sagt Tamara.
Sie sieht völlig anders aus als ein durchschnittliches fünfzehnjähriges Mädchen. Die meiste Zeit trägt sie eine Art Strumpfhose über den Haaren, hat die Nägel dunkelbraun lackiert, denn schwarz war gestern, ihr Makeup ist aber schwarz, denn da war dunkelbraun gestern. Neben dem Metall im Gesicht trägt sie Gürtel, Schnallen und Nieten, und sie benötigt auch in der Karibik unbedingt Stiefel von einer bestimmten Marke. Zu meiner Zeit hätte man Mädchen wie Malvi Gothic oder Grufti genannt, später Emo. Ihr Styling hat selbstverständlich nichts mit diesen »Schlagwörtern aus dem 20. Jahrhundert«, wie sie es nennt, zu tun. Sie hält auch Tamara und mich für so etwas wie »Schlagwörter aus dem 20. Jahrhundert«, für sehr – oder »massiv« – uncool – falls uncool nicht gerade ein uncooles Wort ist.
Die Nahrungsaufnahme hat sie weitgehend eingestellt, um ihre halsbrecherische Figur zu betonen, die siebzehnjährige Jungen anziehen soll, die ihre Freizeit in Fitnessstudios verbrin- gen und durch Ganzkörperdepilationen zerbrechlichen Baby-puppen unklaren Geschlechts gleichen. Malvi trägt durchgehend Ohrhörer, die sie mit einem Quell an »Musik« verbinden, eine Art Lebenselixier, das als fein dosierte Droge in ihre Ohren fließt. Sie stillt wohl den Schmerz der Welt. Ich bevorzugte in ihrem Alter andere Mittel zur Schmerzstillung, die damals, wie ich fest glaube, auf individuellerer Basis verabreicht wurden – doch vielleicht irre ich an diesem Punkt.
Malvi hält absichtslos mit einer Hand das weiße Kabel fest, als würde sie sich so der Existenz des Musikgeräts versichern. Lieber ließe sie sich eine Zehe abschneiden, als sich von ihm zu trennen.
Es hat keinen Sinn, sie anzusprechen. Sobald meine Stimme an ihre Ohren dringt, verzieht sie den Mund. Ihrer Sichtweise der Welt folgend, entscheidet sie mittlerweile selbst, was sie tut und lässt. Da an ihr ein Wollen nur in äußerst geringer Ausprägung zu erkennen ist, läuft es darauf hinaus, dass wenig getan wird.
Ich habe ihr einmal Where is My Mind von den Pixies geschenkt, ich weiß nicht, ob sie sich das je angehört hat.
An unserem Tisch ist eine Pause entstanden.
»Tagalog, okay«, setze ich die Haferflocken-Sache fort. »Oder der Typ ist einfach ein Idiot.«
»
Hey du, wir stehen unter Beobachtung«, sagt Tamara in dem eindringlichen Tonfall, mit dem sie mich für Dinge in die Pflicht nehmen will, die mir gleichgültig sind.
Mein Körper reagiert direkt darauf und schickt mir einen stechenden Hodenschmerz.
Ich frage Tamara, wie sie das meint, worauf sie sagt, dass wir nicht negativ auffallen sollen, wenn wir schon mit einem Dreißig-Prozent-Rabatt als crew friends reisen, worauf ich sage, dass ich persönlich nicht im Geringsten crew friend bin, weil ich Freundschaft anders definiere, worauf sie mich bittet, jetzt nicht meinen Facebook-Hass auszubreiten.
»Facebook hat nichts damit zu tun«, stelle ich richtig, »aber ich zahle genug, um nicht als Gast zweiter Klasse zu fahren.«
»
Mama zahlt, nicht du«, wirft Tom ein.
»Nein, mein Lieber, ich zahle diese Reise«, sage ich und wende mich Tamara zu, »ich wollte nichts als mit einem Kellner eine gemeinsame Sprache für Haferflocken finden.«
»
Musst du diese Kleinigkeiten immer mit einer solchen Penetranz verfolgen?«
Ich atme aus und sage, dass sie ja recht hat, worauf sie lächelt und sagt, dass es schon in Ordnung ist, abweichende Meinungen zu vertreten, worauf ich sage, dass ein solches Schiff sich nicht für abweichende Meinungen eignet, worauf Tamara sagt, dass sie an mir eigentlich die abweichenden Meinungen am liebsten hat, worauf Tom sagt, sie soll nicht so kitschig sein.
»
Okay, morgen klopfe ich in der Früh bei Rafaela und frage nach ihrem Privatvorrat Haferflocken«, sage ich.
»Untersteh dich«, sagt Tamara und lacht.
»Na endlich, ihr schafft das«, sagt Tom, der solche Sätze in Vorabendserien hört.

(S. 10ff)

© 2015 Deuticke Verlag, Wien.

 

 

 

 

 

 

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