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Verena Mermer: die stimme über den dächern.

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Leseprobe:

frida und nino beschließen, in die altstadt zu gehen. es sind dort noch kaum menschen anzutreffen. einer putzt die straßen. ein anderer raucht, während er telefoniert. unweit von ihm ist eine ganz in ihr telefonat versunken. eine schiebt einen kinderwagen vor sich her. einer steht mit einem anderen unter den arkaden und blickt verstohlen um sich. die beiden beginnen leise über die politik zu schimpfen. eine zieht ihren lippenstift nach und blickt auf die uhr. einer hat es eilig. er läuft, als liefe er um sein leben. und einem fällt der kopf ab. er trägt ihn von da an unterm arm. er fällt kaum jemandem auf, bis er nunmehr kopflos versucht, eine frau zu küssen, die ihm entgegengestöckelt kommt. da schimpfen und keifen die alten und kichern die jungen. und er geht weiter oben ohne spazieren, bis er an einer reparaturwerkstatt vorbeikommt. dort wird der leicht aufgeplatzte kopf mit nadel, faden, klebstoff, einem fahrradschlauch-flicken und etwas geduld ausgebessert wie der alte fußball, mit dem die kinder in der hazi aslanov küçasi spielen, so kein auto daherkommt. Der mann setzt seinen kopf wieder auf und nino geht in die apotheke, um eine schachtel aspirin zu kaufen.

dann gehen nino und frida ins kaffeehaus, um zu frühstücken. denn es gibt keine zeit mehr, um nach hause zurückzukehren, sie müssen schließlich beide in die arbeit. der kellner kommt ihnen von irgendwoher bekannt vor. er bringt tee, brot und käse, ein schüsselchen honig und ein tellerchen butter. die beiden trinken langsam aus den birnenförmigen gläsern. Nino spielt mit dem löffel, lässt ihn an die ränder des glases anstoßen, was ein leises klingen erzeugt. Ein blick auf die uhr, zahlen, aufbrechen: vom kafeehaus in die schule. Sie muss nur vier stunden halten, die seltsamerweise verfliegen wie die federwolken am himmel. sie steht heute neben sich. vielleicht ist ein teil von ihr in die wolken gegangen, wo ihr die dünnen weißen federn das gesicht streicheln. oder zu ali?

(frida)

frida probt von früh bis spät. sie ist unglücklich. nichts mag mir gelingen heute, auch die anderen sind aufgebracht – stimmen setzen zum falschen zeitpunkt oder in der falschen tonlage ein; schritte geraten zu groß, zu klein, zu ungelenk; kostüme verheddern sich und masken fallen zu boden; im fliehen aus mir gewinnt der auswendig gelernte text ein eigenleben. um neun uhr abends beschließt die besetzung, aus ihren rollen auf die straße hinauszutreten und in der kleinen spelunke in der nizami kücesi eine weinflasche zu köpfen. frida ist schweigsam, sie trinkt zu wenig und raucht zu viel, hört den gesprächen der anderen nur mit einem ohr zu. sie geht spätnachts allein nach hause, sie unterlässt es, sich eine weitere zigarette anzustecken, und geht schnell. einem, der zwischen der nizami kücesi und ihrer wohnung ihren weg kreuzt, rutschen herz und hirn in die hose. nach 3 straßen und 3 straßenseitenwechseln geht dieser eine immer noch hinter ihr her mit 3 metern abstand und verdächtig leisen schritten. in anbetracht dessen, was in den letzten tagen und wochen wirklichkeit geworden ist, hofft sie sogar, dass es das pumpende herz in seiner hose ist, das ihn steuert – dann würde sie ihn abhängen können, ihn loswerden, wahrscheinlich auf ewig. Sie geht in den gemüseladen um die ecke, der tag und nacht geöffnet hat, und trödelt gehörig dabei, je 3 ihrer herzfrüchte auszusuchen – äpfel, tomaten und rote rüben.

vielleicht aber hat sie sich das alles nur eingebildet: den kopflosen, die probe, den wein. es wurde schließlich im fernsehen verkündet: junge menschen, die aktiv sind in sozialen netzwerken und auf der straße, haben psychische probleme. vielleicht ist auch das auto nur eingebildet, das vor ihrer haustüre geparkt ist und auf dem in unsichtbaren lettern "KGB" steht.

(S. 73-76)
© 2015 Residenz Verlag, Salzburg.

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