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Gábor Fónyad: Zuerst der Tee.

Leseprobe:

Tschuktschiche Kasussuffixe waren in der Tat bar jeden Klisches. Nach diesem Abend galt Eduards Aufmerksamkeit tagelang ausschließlich dem syntaktischen Verhältnis von Orientativ und zweitem komitativ; den Designativ, zu dem er doch eine gewisse Neigung empfand, hatte er bereits erledigt, als Nächstes knüpfte er sich die restlichen Suffixe vor, Stück für Stück, Stunde um Stunde- bis er auf die Uhr sah, seinen Laptop zuklappte und sich pünktlich ins Café Orchard, in Parsley's Tearoom oder nach Rope Walk aufmachte. Manchmal stieß er dabei mit Oscar zusammen, der, wie es schien, ziellos durch die Straßen zog. Dann tauschten auch sie ein paar Worte miteinander aus, ehe jeder wieder froh war, seines Weges gehen zu können.
Als ehemals befestigte Hafenstadt befand sich Rye auf einer leichten Erhöhung und war dadurch vom Umland abgegrenzt: Die vorbeiführende Landstraße, der Fluss, der den alten Ortskern- beinahe so, als sei dieser eine Insel- umschloss, und das bis an die Küste reichende Marschland lagen unten, unterhalb der nur mehr bruchstückhaft vorhandenen Stadtmauer. In dieser Abgeschlossenheit war es für die drei, die für eine Zeit Gast in Rye waren, unmöglich, einander nicht über den Weg zu laufen. Ganz für sich konnte keiner bleiben.

Als Eduard an einem Abend Ende März das kleine Hinterzimmer in Rope Walk betrat, saß Pauline zwar am Klavier, aber sie spielte nicht. Stattdessen war sie damit beschäftigt, mit einem Tuch Taste für Taste die Klaviatur abzuwischen. Sie bemerkte Eduard erst, als er, sich künstlich räuspernd wie in einem schlechten Film, hinter ihr stand.
„Das ist kein modernes Stück, das ich da spiele“, begrüßte sie ihn. „Die Klaviertasten kleben vor Schweiß. Es ist diese Luft hier drinnen, die Heizung ist aufgedreht, und dazu Textil überall: Die Vorhänge, der Teppichboden, die Polsterüberzüge....“ Sie hielt den Kopf schräg, entdeckte Fettflecken auf der unteren C-Taste und begann diese zu schrubben. „Und dann entsteht eine stickige Luft, die sich auf meine Finger setzt und auf die Tasten und auf alles hier.“
Eduard blickte über ihren Kopf hinweg auf die Noten auf dem Klavier. Er legte hinter dem Rücken seine Hände ineinander, federte einmal auf den Fußballen und sagte: „Nun als doch der Beethoven? 'Allegro ma non troppo'“, las er laut vor.
„Aber nein“, berichtigte Pauline, ohne aufzuschauen, „ich habe soeben Prokofieff gespielt, auswendig. Das heißt, ich versuche mich zu erinnern, wie das Stück geht. Beethoven liegt nur aufgeschlagen da, weil mich das Notenbild in die richtige Stimmung versetzt, um Prokofieff zu spielen.“
„Ja, aber kann es dann nicht passieren, dass, wenn du die falschen Noten vor dir hast, du auch etwas Falsches spielst? Dass du dich also nicht ganz an die Vorgaben hältst? Man braucht die Noten, dort steht doch schwarz auf weiß, was man spielen muss!“
„Texttreue...“ sagte Pauline mit einer abwertenden Handbewegung- „so nennen das die Zahnärzte.“ Sie hatte fertiggeputzt und ließ sich in die weichen Pölster des Sofas in der Sitzecke fallen. „Keine Frage, das ist große Kunst. Alles befolgen, was der altehrwürdige Meister so hingeschrieben hat, jedes Detail. Da steht 'forte', also spielt man 'forte'. - Mich interessiert das alles nicht.“
Eduard war auf seinem ursprünglichen Platz vor dem Klavier stehengeblieben und versuchte krampfhaft, Pauline beim Zuhören anzusehen, dabei aber über ihre nun im Sitzen entblößten Knie unter ihrem Rock hinwegzuschauen. Als Pauline das bemerkte, überschlug sie die Beine. Damit konnte sich Eduard endlich setzen. Er nahm auf dem Klavierhocker ihr gegenüber Platz.
„Ich kann den Notentext doch so oder so auslegen“, sagte Pauline. „Die Vorschriften sklavisch befolgen zum Beispiel. Der Zahnarzt will zeigen, dass er die Fachbegriffe kennt. Oder aber frei. -Das ist wie mit der Bibel.“
„Die Bibel?“ Eduard vermochte keinen Zusammenhang zum Zahnarzt herzustellen.
„So entstehen Kriege. Wenn man versucht, möglichst richtig zu übersetzen. In der Musik kommt es Gott sei dank nicht zum Krieg. Aber es ist dieselbe Frage: Wieviel Prokofieff, wieviel Pauline? Wer spielt?“
„Das verstehe ich nicht“- Eduard verbesserte sich rasch - „das heißt, das ist nicht logisch. Man liest doch aus der Bibel, um das vorzulesen, was in der Bibel steht. Alles andere ergibt ja keinen Sinn. Und man geht in ein Konzert, in dem Beethoven auf dem Programm steht, um genau die Noten und Fortes und Diminuendos zu hören, die in den Noten“ - hier tippte Eduard mit seinem Zeigefinger auf die aufgeklappten Noten auf dem Klavier- „aufgeschrieben sind.“

(S. 81-84)

© 2015 Verlag Wortreich, Wien.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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