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Christian Steinbacher: Kollegiales Winken.

Gebrauchs- und Gelegenheitstexte.
Wien: Klever Verlag, 2015.
285 Seiten; Klappenbroschur; EUR 22,90.
ISBN 978-3-902665-98-0.

Autor

Leseprobe

Christian Steinbacher, inzwischen so etwas wie ein Leuchtturm sprachlicher Eleganz unter den nicht mehr ganz so jungen Wilden in der österreichischen Literatur, erweist sich in seinem neuesten Werk (das bei näherer Betrachtung so neu nicht ist, da es Texte aus mehr als 25 Jahren versammelt) einmal mehr als Vorzeigeexponent einer Autorenschaft, der es um die Verteidigung des Ungebremsten, der Spielfreude und der Sprachartistik geht – in einer literarischen Welt, die sich mit ihren Reflexionen über die eigene Bedeutsamkeit, mit ihrer (stets uneingestandenen) Jagd nach Ruhm und Anerkennung mitunter selbst den Atem zur Poesie raubt. Wenn nicht die Überzeugungsarbeit einiger Kollegen und des Verlages gefruchtet hätten, so wäre der Band mit „Gebrauchs- und Gelegenheitstexte[n]“, wie er bescheiden untertitelt ist, vielleicht nie zur Veröffentlichung gelangt. Doch so werden wir in die glückliche Lage versetzt, dem 1960 in Ried/Innkreis geborenen und seit Mitte der Achtziger Jahre in Linz lebenden Schriftsteller in das Schatzkästlein seines auch sekundärliterarisch vielfältigen Wirkens schauen zu können.

Schon im Titel klingt die Bezugnahme auf andere AutorInnen an. Das „Kollegiale Winken“ umfasst drei Abteilungen von Texten: die „Lektüren“, im wesentlichen Rezensionen einzelner Veröffentlichungen oder auch ganzer Werkschauen, die „Zurufe“, quasi die „Aneignung“ und interaktive Paraphrasierung von fremden Texten und schließlich die „Selbstauskünfte“, in welchen Steinbacher die Grundzüge seines eigenen literarischen Arbeitens auf unterschiedliche Weise offenbart. Ein Ineinandergreifen und Überlappen der drei gewählten Kategorien ist dabei so gewollt wie unvermeidlich. Wir begegnen in Steinbachers Einlassungen wichtigen Namen der neueren deutschsprachigen Literatur wie Czernin, Pastior, Franzobel oder auch Paul Wühr, zu dem der Autor ein besonders enges literarisches Band verspürt.

Steinbacher vertraut der Poesie, der eigenen und der der KollegInnen. Er verzettelt sich nie in trockenen Gescheitheiten, wenn er auch mitunter durch die schiere Unüberblickbarkeit des zu Überblickenden zu streng analytisch-kategorisierenden Begriffen Zuflucht suchen muss, wie etwa in der Phasenbeschreibung der Prosaentwicklung bei Waltraud Seidlhofer. Doch tut er dies als Brückenbauer, als Verständnisvermittler. Nicht umsonst wirkt er seit Jahrzehnten neben seiner literarischen Arbeit auch als Herausgeber und Kurator.

Überhaupt wird offenbar, wie sehr es Christian Steinbacher um Form geht, vielleicht sogar von Jahr zu Jahr mehr mit fortschreitendem Wirken, wie beispielsweise in den zwei Etüden zu Franz Sedlaceks Gedicht „Ode an mich“, die in den Band unter der Überschrift „Ungleiches Maß, was sonst“ Eingang gefunden haben und von 2012 stammen (S.192 ff.). Gerade auch in seinem Gespräch mit Florian Neuner zum Schluß des Bandes (welches ich empfehlen möchte, zuerst zu lesen, da sich hier manch wertvolle Handreichung zum besseren Verständnis der Sammlung empfangen lässt) weist der Autor des öfteren auf eine innere Logik der Bauart seiner Texte hin (S.270 ff). Und trotzdem steht das Ausprobieren, das vorwärtsstürmend Fantasievoll-Groteske im Mittelpunkt seines Schaffens.

Poetik und Poesie des Christian Steinbacher sind beide dialogisch, einem Du zugewandt, das je nach Intention und Textanlass ein/e DichterkollegIn sein kann oder ein/e LeserIn. Besonders deutlich manifestiert sich dies in den „Zurufen“, die ja schon von ihrem Titel her als literarische Antworten oder Interaktionen zu verstehen sind. Doch selbst wenn der Autor explizit von sich und seiner Arbeit spricht, atmet das entsprechende Notat gewissermassen ein Gegenüber, lässt den/die LeserIn intensiv teilhaben am Entstehungsprozess eines Gedichtes wie etwa in „eine art werkstattbericht. notizen“ (S.202ff).

Es darf dem Klever Verlag dafür gedankt sein, dass er an einigen wenigen Stellen auch die faksimilierte Handschrift Steinbachers buchstäblich zu Wort kommen läßt. Die rundlichen, fein geschwungenen Buchstaben, die fast etwas von der zarten Ästhetik thailändischer Schriftzeichen haben, werfen ihren eigenen Schlagschatten auf die Psychologie des Autors. Schön wäre es gewesen, den Band auch noch um Höreindrücke einiger Passagen per Audio-CD zu ergänzen. Viele der sprachrhythmisch hochinteressanten „Zurufe“ und „Selbstauskünfte“ schreien geradezu nach akustischer Umsetzung. Andererseits scheint die Papierform unerläßlich: beim reinen Hören, also ohne die Texte vor sich zu haben, ginge bei der Rezeption eindeutig zuviel verloren.

Natürlich ist die Lektüre auch in gewisser Weise anstrengend, vor allem, wenn am Stück gelesen werden soll oder will. Empfehlenswerter ist, das Dargebotene in den Happen ihrer natürlichen Unterteilung literarisch zu sich zu nehmen – und gerne mitunter auch laut zu lesen (s.o.). Das Element des Assoziativen, mit dem sich den Texten semantisch vielleicht am unmittelbarsten beikommen lässt, wird auf diese Weise nicht so schnell überstrapaziert.

„Na hoffentlich droht kein Gewinn“ (S.145) – diese Dialogzeile aus dem Text „ZWINGEN ZWICKEN“ mag für das Nicht-Korrumpierbare der Steinbacherschen Literatur stehen, gleichwohl muss entgegnet werden: doch, es droht Gewinn – den LeserInnen nämlich, die sich auf die geistvollen und stilistisch geschliffenen sprachlichen Kunststücke in „Kollegiales Winken“ einlassen, einem Band, der vielleicht neugierig machen könnte auf etliches von einer breiten Leserschaft wenig Entdeckte in der neueren österreichischen Literaturlandschaft der letzten drei Dekaden.

Marcus Neuert
15. September 2015

Originalbeitrag
Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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