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Doris Knecht: Wald


Leseprobe:

„Dann bindet sie die Haare mit dem stets am Handgelenk sitzenden Haargummi hoch und fängt sofort an, das Holz in den Schubkarren zu laden, es zum Haus zu fahren und unter dem breiten Vordach rechts neben der Haustür und ihren sieben Stufen aufzustapeln, bevor es feucht werden kann. Das Holz ist gut. Das Holz vertreibt viele Sorgen. Das Holz ist ein Segen, jedes Scheit, das sie an der Ostwand unter das schmale Vordach stapelt, macht ihr Leben leichter, und immer zählt sie die Scheite mit, die sie aufstapelt, immer höher stapelt, gut ineinander verkeilt. Ihr erster, mannshoher Stapel war ihr umgefallen, als sie sich umgedreht hatte, um weitere Scheite aus dem Schubkarren zu holen. Eins der schweren Hartholztrümmer hatte sie dumm am Kopf getroffen und ihr hinter dem rechten Ohr die Kopfhaut aufgerissen, es blutete lange und beängstigend. Sie hatte es dann selber mit Pflaster zugeklebt, vor dem Spiegel, der ihr fast nichts von der Stelle zeigt, sosehr sie sich auch verdrehte und ihre Augen anstrengte, und es wurde eine hässliche und noch immer taube, aber für sie selbst unsichtbare und unter ihrem Haar kaum erkennbare Narbe, die ihr nur einfällt, wenn Franz sie zufällig berührt. Das gestapelte Holz ist ihr nie wieder umgefallen, sie hat die Technik jetzt raus. Man darf das Holz nicht schon in der ersten Lage zu dicht an die Wand stapeln, dann fällt es um. Man muss die ersten Scheite ein wenig von der Wand weg stapeln und die folgenden langsam auf die Wand zu hinrichten, man muss die Holzscheite ineinander verkeilen, und während man stapelt, muss man immer und immer wieder an der wachsenden Holzwand rütteln, um ihre Festigkeit und Standhaftigkeit zu prüfen. Nach der fünften oder achten Wand, nach dem achten oder zehnten Kubikmeter Holz geht einem das in Fleisch und Blut über, in ihre Hände. Ihre Hände wissen jetzt, wie es geht, das Wissen, wie ein Holzstoß stehen bleibt, nicht umkippen kann, ist ihr ins Blut übergegangen, wie das Säen von Grassamen (über Kreuz) oder das Stricken oder das Jäten. Ihre Hände können das jetzt, so wie sie früher zuschneiden konnten, abstecken, fälteln, umnähen. Ihre Hände keilen schmale Holzscheite jetzt von selber in die Lücken zwischen große, und sie passt auf, dass sie den Holzstoß an seinem Fuß immer etwas von der Wand entfernt ansetzt, damit er sich später an die Wand lehnen kann. Obwohl sie schon lange nicht mehr direkt am Boden zu stapeln und schlichten hat beginnen müssen. Das neue Holz kommt jetzt immer, lange bevor das alte Holz zu Ende ist. Es ist jetzt immer Holz da. Franz hat ein Auge darauf. Er kümmert sich. Sie macht die Ofentür noch einmal auf, nur um die Hitze zu spüren, nur um zu sehen, wie es lodert, und es lodert schön.“
(S. 120 ff.)

© 2015 Rowohlt Verlag, Berlin

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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