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Simon Konttas: Die Verdunkelung.

2 Novellen.
Klagenfurt:
Sisyphus Verlag 2014.
161 Seiten; broschiert; Euro 12,80.
ISBN 978-3-901960-74-1.

Autor

Leseprobe

Dass die von mütterlichen Grundsätzen (Immerzu lauern einem „falsche Leute“ auf oder: Selbst von den zwei, drei Freunden, die man hat, wird man noch betrogen) getragene Entscheidung für ein Single-Leben sich als genauso wenig friktionsfrei erweist wie jene, sich der saturierten Beschaulichkeit einer finanziell abgesicherten, aber eigentlich langweiligen und die eigenen Bedürfnisse nicht allzu sehr im Fokus habenden Ehe mit einem Pedanten und Stubenhocker zu überlassen, ist einer der Schlüsse, die man aus der Lektüre der beiden sorgfältig gearbeiteten Novellen von Simon Konttas ziehen kann.
Am Ende wird einem auch klar, dass die auf beruflichen, familiären und freundschaftlichen Verkettungen basierende Eingebundenheit in gesellschaftliche Strukturen kein Allheilmittel darstellt, um das Aufkeimen von Einsamkeit, Angst oder Sehnsucht zu vermeiden. Zwei Frauen nimmt der Autor dafür ins Visier. In „Die Verdunkelung“ ist es Marianne, eine kleine, leicht stotternde, vorsichtige Frau, die Statistiken erstellt, Akten ordnet, tippt und notiert, ein viel zu großes Auto fährt und eine viel zu große Wohnung bewohnt; im Norden, wo der Sommer kurz, der Winter lang, die Landschaft flach und die „Überlegenheit der Ordnung und Pflicht über alle Dinge“ groß ist.

Ordnung und Pflicht sind auch Eckpfeiler im Leben von Katharina Malz in „Das Gartenfest“. Die als einfaches Mädchen mit einer allein erziehenden Mutter in einer Kleinstadt Aufgewachsene ist nämlich Frau eines Professors, der sein Leben hauptsächlich mit „Arbeit, lesen, schreiben, studieren“ verbringt. Seit zehn Jahren lebt sie mit ihm im Haus seiner Kindheit in der Nähe eines Flusses. Sie ist zwar „viel weniger der >poetische Typ<“ als er und auch kein „Mensch der >großen Werke<“, trägt aber doch einiges dazu bei, dass zumindest die der Doktorandin ihres Mannes gewidmete Zusammenkunft zu einem „schönen feierlichen Tag“ gerät. „Alle Beteiligten verstehen sich ausgezeichnet“. Man ist „gemeinsam Mensch und doch genießt jeder allein, für sich“. Und weil „Maßhalten und Menschbleiben“ für diese Leute zusammengehören, bleiben Sehnsüchte eher im Verborgenen. Doch nicht ganz, weil eben nicht jeder „den inneren Frieden mit sich selbst gefunden hat“, so wie Konrad Malz, dieser „in wohligem Komfort“ lebende alte Asket.
Seiner Gattin Katharina zum Beispiel fehlt er. Sie kämpft aber mit sich und auch gegen den „Zweifel am Geschlechtlichen“, den ihr Gatte im Gleichklang mit großen Dichtern, Denkern und Künstlern hegt. Und sie kämpft mit ihrer Zuneigung für einen „zum Zähneknirschen“ schönen jungen Mann, der als Halbbruder der Doktorandin ein Teil dieser sich als „humoriges Geplänkel“ entpuppenden Feier ist. Katharina hat ihn „geliebt, irgendwie“, scheint „ihn jetzt (aber) aus ganzer Seele“ zu hassen. Doch nichts davon dringt nach außen.
Hier steht sie auf einer Ebene mit Marianne aus der ersten Novelle, die es sogar als ihr gutes Recht sieht, „sich gewisse Unannehmlichkeiten vom Leibe zu halten“. Sie würde gern auch alles „einfach und klar“ sehen. Doch es gelingt nicht. Kaum unterläuft ihr ein Fehler, fühlt sie sich hilflos, scheint sie außer der „Unmöglichkeit, sich auf sich selbst verlassen zu können“, nichts mehr zu sehen.
Simon Konttas beschreibt die inneren Zustände sehr genau. Bis ins Detail schildert er Empfindungen, Wahrnehmungen, Abläufe und die Umgebung seiner Protagonistinnen. Er dringt tief in ihre Gedankenwelt vor. Entlarvt ihre Anfälligkeit für Gefühlsregungen, ihr Ausgeliefertsein, ihr Ringen „mit dem eigenen Schmerz“, in dem sich offenbart, dass es zwar manchmal etwas Erleichterndes hat, alles als erbärmlich hinzustellen, „die Familie, das Leben, unsere Einsamkeit, alles…“; man letztlich aber weder „Dinge hinterm Zaubertuch verschwinden lassen (kann), einfach so“, noch Menschen, so lästig diese einem auch sein mögen.

Dass der „von der Liebe eines Menschen bewirkten wärmenden Aufgehobenheit“ etwas Trughaftes anhängt und die Frage: Wie weiter? immer vordergründiger wird, dieser Brennpunkt löst sich leider nicht in Wasser auf, obwohl es ein wenig den Anschein hat. Immerhin kommt Marianne, obwohl sie schon glaubt, die Mutter würde über ihr schweben, „klein, aber doch, sich um die Glühbirne schwingen wie eine Tänzerin“, im kalten Wasser der randvollen Badewanne (vielleicht auch, weil das Kabel des Föhns zu kurz ist) wieder zur Besinnung, während Katharina, die sich gerade anschickt, die Reste des Festessens für ihre Gäste in Plastikgeschirr aufzuteilen, Gefasstheit zur Schau stellt und aus dem „gläsern-kristallenen Geprassel“ des Regens etwas Beruhigendes und Müdemachendes zieht. Ein Wink Hoffnung? Durchaus. Zumal wer „unerschütterlich bleiben“ will, ohne „Augenblicke großer Klarheit“ nicht auskommt. Das veranschaulicht Simon Konttas auf subtile Weise.

Andreas Tiefenbacher
6. Oktober 2015

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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