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Hanna Sukare: Staubzunge

Hanna Sukare: Staubzunge.
Roman.
Coverabbildung: Hubert Dietrich, Stilleben mit grauer Schachtel (2006).
Salzburg: Otto Müller Verlag, 2015.
176 Seiten; gebunden; Euro 18,-
ISBN: 978-3-7013-1232-0.

Autorin

Leseprobe

„Am Morgen sinkt das Gebet des Vaters auf Kakao und Haferflocken, mittags schliert es in die Suppe, abends riecht es aus den Käsebroten.“ Der Vater ist Pastor der Herrnhuter Brüdergemeinde, das Pfarrhaus thront wie eine Insel auf einer Anhöhe, und „drei Meere“ trennen die kleine Pastorenfamilie vom Dorf: die Hochsprache, der rechte Glaube und die fremde Herkunft (7). Matti und Deli, die beiden Kinder, erlernen trotz ihres Insellebens den Dialekt der Dorfkinder, aber sie gehören nicht dazu, sie kommen aus Österreich, das ist Ausland, und sie erfahren im freikirchlichen Pfarrhof eine Erziehung, die nichts mit Gottes Liebe zu tun hat, dafür umso mehr mit Schuld und Buße und den Familiengeheimnissen, die die Eltern hinter ihrem Pastorenamt verstecken. Jad, die Mutter, ist eine polnische Flüchtlingsfrau, und Fau, der Vater, verrät gar nichts über seine Herkunft. In der Freikirche sammeln sich die Entwurzelten, die Fremden, die schließlich bei Gott Halt suchen, denn dieser verzeiht alles, verlangt jedoch viel: „Wer mir nachfolgen will, verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir.“ (130) Die schlüssige Verbindung von Religion und repressiver Pädagogik, die wir aus zahlreichen katholischen Internats- und Familiengeschichten kennen, erscheint hier in einer neuen Facette: Im Pastoren-Haushalt vereint sich das Wort des Vaters mit dem Wort Gottes. Gewalt und Strafe sind somit doppelt legitimiert, und die Kinder lernen sich zu verstecken, zu verleugnen, einander zu denunzieren. Viel zu früh verlieren sie dabei ihre Kindernähe, die ihnen kleine Freiräume und ein wenig Wärme bietet.

Mattis und Delis Kindheitsgeschichte bildet das erste Kapitel des Debutromans „Staubzunge“ von Hanna Sukare. Es ist der Schlüssel zu sieben weiteren Kapiteln, die aus unterschiedlichen Perspektiven einen Bogen über drei Generationen spannen, von der Vorkriegszeit in Polen bis ins heutige Österreich. Neben einer Erzählerin berichten vier Frauen über den Werdegang der Familie Röhricht: Mattis (Mathias') Frau Gitti, Deli (Adele), Jads Schwester Frantzek und schließlich Janina, eine Cousine aus Warschau, die Adele auf ihren rastlosen Reisen ausfindig macht. Wir erfahren aus der Sicht Gittis, wie aus dem jungen, sprachlosen Matti, den sie unter demütigenden Umständen heiratet und mit dem sie zwei Töchter hat, der erfolgreiche und wortgewaltige Konzernchef Matthias Röhricht wird. Nachts liegt er wach und spricht manisch über seine Familie, formelhaft, pathetisch, teils in Bibelzitaten. Auf seinen Geschäftsreisen begleiten ihn ständig wechselnde Assistentinnen.Während Gitti dies erzählt, hat Röhricht die Familie längst verlassen und alle bisherigen Beziehungen abgebrochen, er lebt irgendwo am Atlantik, ohne genauere Angaben. Später sitzt er nach einem Schiunfall im Rollstuhl und hat selbst seine Sprachfähigkeit verloren.

Auch Adele lebt lange ohne Kontakt zu den Eltern, sie kümmert sich jedoch um ihre Mutter, als diese das Gedächtnis verliert und nicht mehr weiß, dass Adele ihre Tochter ist. Der Tod der Mutter wird für beide Kinder zur Zäsur: Matthias wählt den völligen Rückzug aus seinem privaten und geschäftlichen Leben. Adele begibt sich dagegen auf die Spuren ihrer Herkunftsfamilie. Mit ihr reisen wir nach Polen und lernen die Stadt Lodz in der Vorkriegs- und Kriegszeit kennen, die von den Nazis erzwungene Teilung in eine polnische, deutsche und jüdische Bevölkerung, die die Familien auseinanderreißt, auch jene von Jad, deren Mutter und Großvater sich auf die deutsche Seite schlagen, während ein Onkel sich als Pole deklariert und deswegen mit seiner Frau zur Zwangsarbeit eingeteilt wird. Nach und nach entsteht ein Bild von der jungen Jad, sie ist ein begabtes Mädchen, das als Tochter einer Schneiderin ins Gymnasium geht, ihren verstorbenen polnischen Vater vermisst, ihren deutschen Stiefvater hasst, und sich – hier beginnen die Widersprüchlichkeiten – freiwillig zum Reichsarbeitsdienst meldet. Aus dieser anscheinend überaus glücklichen Zeit Jads berichtet ihre jüngere Schwester Frantzek. Sie ist es auch, die Adele nach dem Tod der Mutter Briefe und Fotos übergibt, die Jad mitten im Krieg in Österreich zeigen und viele Fragen aufwerfen. Wer konnte denn reisen mitten im Krieg? Als der Stiefvater zur Armee muss, in ein Amt der Wehrmacht an der Ostsee, übernimmt Jad die Firma, eine große Gärtnerei, und sorgt resolut und mit Zivilcourage für ihre Mutter und die jüngeren Schwestern. Ihre Familie gilt als deutsch, die Frauen sprechen jedoch zu Hause polnisch. In der gleichen Straße wird das jüdische Ghetto errichtet, dessen Bewohner ebenso wie zigtausende weitere Juden im nahen Lager Kulmhof vergast werden. Deli kennt Kulmhof aus Claude Lanzmanns Film „Shoah“, reist dorthin zu einer Tagung und erschrickt über die räumliche Nähe zum Wohn- und Arbeitsort ihrer Mutter, denn Jad hat über „die Jidden“ nie gesprochen, angeblich „vom Ghetto nichts mitbekommen“ (96). Zu Kriegsende beweist Jad wiederum enorme Tüchtigkeit und organisiert rechtzeitig die Flucht nach Westen, mit Pferdewagen, Wehrmachtskarten (woher hat sie diese?) und Zügen erreicht die Familie Bad Ischl, das Jad sehr gezielt ansteuert, wo sie aber zuvor noch nie gewesen sein will. Jad nimmt all ihre Geheimnisse mit in den Tod, mit ihrem Eintritt in die Freikirche vermauert sie ihr erstes Leben zur Gänze, es bleibt „verschwiegen unter der Staubzunge“ (133), für immer.

Zunehmend weitet sich die Geschichte von Matti und Deli aus zu einer Erzählung über die Schmerzpunkte des 20. Jahrhunderts – Krieg, Rassismus, Flucht und Schuld lasten als „geballt Entsetzliches“ auf den Schultern der Nachgeborenen und versetzen sie in Unruhe und/oder seelische Erstarrung. Hanna Sukares Bericht ist spannend, sprachlich präzise und vielstimmig, die Figurenrede jeweils fein auf die sprechenden Personen abgestimmt. Auch eine Randfigur wie Jads Schwester Frantzek wird in ihrer betont einfachen Sprache äußerst lebendig und lässt jene Wärme spüren, die Jad in ihrem späteren Leben so sehr vermisst. Insgesamt werden die Frauenfiguren, besonders Jad und ihre Mutter Magdalena, viel intensiver erfahrbar als etwa Matthias Röhricht, dem im Klappentext des Verlags die zentrale Rolle zukommt, der in seiner Zurückgezogenheit jedoch wenig Identifikationsfläche bietet.
Ebenso suchend wie Adele in ihrer Familiengeschichte bewegt sich die Autorin Hanna Sukare in der Sprache, zuweilen unterbricht sie den Erzählfluss, um einzelne Worte genauer zu betrachten, etwa den Begriff „Hinterbliebene“, der erstmals beim Tod von Jads Vater Anton auf seine Bedeutungen abgetastet wird (78), ein weiteres Mal im Zusammenhang mit der Flucht (84), und ein drittes Mal in betont poetischer Form nach Jads Tod: „Hinterbliebene verharren eine Zeitlang wie Bäume. Sie vertrauen sich Jahreszeiten an, der Hitze, Niederschlägen, dem Reif. Sie schauen in Zerstobenes, warten. Was entsteht? Ein Ring, der Alter anzeigt. Die Nächsten, die fallen werden, sind sie selbst. Bis dahin bleiben ihnen Brocken des eigenen Lebens. Sie schneiden Hecken, kappen Wassertriebe, karren Laub zum Komposthaufen, sammeln Altholz, das der Wind zu Boden warf. Eines Nachts sagt ihnen ein Traum: Wirf dich in die hellgelb wehenden Vorhänge der Tage. (91)
Man folgt dieser Autorin ebenso atemlos in die Seelenlandschaft ihrer schmerzhaft in Mitleidenschaft gezogenen Figuren wie auf die Reisen nach Polen, wo am Ende mit dem Auftreten Janinas frischer Wind aufkommt und ein neuer Ton angeschlagen wird: Janina lebt in Warschau und ist Adeles Großcousine, sie ist Historikerin und keineswegs unwissend, aber auf sympathische Weise unbekümmert, frei von Schuldgefühlen, und sie hat Humor. Mit ihr bekommt Adele ein Gegenüber, das es ihr möglich macht die stumme Hinterlassenschaft ihrer Mutter in Worte zu fassen und einen angemessenen Platz für sie zu finden.
In diesem Sinne ist wohl der vorliegende Roman zu lesen, hier hat eine lange Geschichte ihre Form und ihren Ort gefunden, und es ist berührend, als LeserIn daran teilzuhaben. Letztendlich sind wir alle auf unsere eigene Weise „Hinterbliebene“ und manchmal mehr, manchmal weniger auf der Suche nach unserer Zugehörigkeit.

Sabine Schuster
12. Oktober 2015

Originalbeitrag
Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerefasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.


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