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Hanna Sukare: Staubzunge.


Leseprobe:

MATTHIAS und ADELE

Am Morgen sinkt das Gebet des Vaters auf Kakao und Haferflocken, mittags schliert es in die Suppe, abends riecht es aus den Käsebroten. Lieber Vater im Himmel, beginnt der Vater auf Erden, wir danken dir für diese Gaben, fährt er fort, und wir bitten dich, segne sie. Amen. Das Amen sprechen auch die Mutter und die beiden Kinder. Sie sind erleichtert, wenn der irdische Vater zur Anrufung des himmlischen Vaters die kurze Version wählt. Oft folgen dem Gebet die Tageslosung der Herrnhuter Brüdergemeinde und eine neuerliche Anrufung. Komm Herr Jesus sei unser Gast und segne, was du uns bescheret hast, das sagen die Kinder. Sie blicken zur Tür, ob noch jemand kommt, der Herr Jesus im dunklen Anzug vielleicht, sie sind überzeugt, Jesus trägt einen dunklen Anzug, weshalb sollte der Vater ihn sonst Herr nennen. Der Vater wendet sich an den Vater im Himmel, manchmal spricht er mit dem Herrn Jesus Christus, manchmal mit einem Heiligen Geist. Alle drei scheinen sie Verwandte des Vaters zu sein und etwas mit dem zu tun zu haben, den er Gott nennt. Die Kinder beneiden diese Verwandtschaft. Der Vater ist mit ihr verbündet, dreimal täglich spricht er mit ihr, den Kindern schenkt er Schweigen, nennt sie nur selten mit ihren Namen, Matthias, Adele. Über seine irdische Verwandtschaft verliert er kein Wort, zeigt kein Bild. Wenn Jesus nicht kommt und die Eltern, sobald das erlösende Amen gesprochen ist, das Besteck zur Hand nehmen, dürfen auch die Kinder zugreifen.
Wer ist der Vater auf Erden, wer ist der Vater im Himmel? Täglich ist etwas von ihnen anwesend, doch die Kinder sehen beide unscharf, verschwommen. Beide Väter sind das Gesetz. Beide wachen über das Leben der Kinder.
Sonntags steht der Vater in Früdorf auf der Kanzel, er spricht, die Gemeinde lauscht. Wer bist du? Tadelloser, von den Frommen Geliebter, hoch Stehender. Bist du der Vater? Bist du mein Vater, fragt stumm ein Kind zur Kanzel hinauf. Amen, sagt die Mutter jeden Sonntag laut aus der Kirchenbank in die Augen des Vaters. So legt sie Zeugnis ab für die Sätze von oben und versieht sie mit einem Ausrufezeichen. Schließlich verlässt der Vater seine Bühne und schreitet durch den Mittelgang hinaus. Im Portal bleibt er stehen und erwartet die Brüder und Schwestern im Herrn. Für sie findet er Worte, er schüttelt Hände. Der Vater, die ewige Präsenz. Er hat die Welt schon als Vater betreten, als Diener des Herrn, ein Fels von Anbeginn. Ein Kind kann er nie gewesen sein; und seit je hieß er Fau.
Die Wohnung ist das Zuhause, und sie ist der Amtssitz des Vaters. Das geistliche Amt hat sich als Prunkwagen unter seinen Leib geschoben. Die Karosse führt ihn mit der Mutter auf die Anhöhe der Pfarrei, erhebt die beiden über die Dorfbewohner. Schmaler Sold kommt dem Vater zu und eine ehrenhafte Stellung im Dorf. Der Vater ist hier kein Fremder, die Mutter ist kein Flüchtling, und sie heißt Jad. Die Heimat der beiden ist das Reich Gottes. Niemand fragt den Amtsträger nach den Umständen seiner Geburt, nach seiner Herkunft, keiner will wissen, wer der unter dem Talar ist. Das Amt sichert dem Vater Würde, das Amt macht ihn unantastbar. Einer, zu dem wir aufschauen. Ein Besserer, von Beruf Vorbild. Er tut das Gute, zum Wohl des Nächsten.
Zur Einweihung der neuen Dorfschule spielt die Blasmusik, der Bürgermeister spricht, ein Mädchenchor singt, der Rektor hält eine Rede; nach ihm besteigt der Vater das efeubekränzte Podium und erbittet Gottes Segen.
Das Pfarrhaus ist eine Insel. Drei Meere trennen die Insel vom Dorf: die Hochsprache, der rechte Glaube, die fremde Herkunft. Jeden Sonntag kommen die Dorfbewohner die Anhöhe zur Kirche herauf. Ihren Dialekt verstecken sie unter den Sonntagskleidern. Drei Meere trennen die Kinder von Spielgefährten imDorf. Die Dorfkinder hören, diese Kinder sprechen nicht wie sie, das sind die Pastorskinder, glauben wohl, sie sind was Besseres, und die Dorfkinder wissen, die sind neu im Dorf, fremde Körper. Der Bub und das Mädchen finden sich hinein in das Inselleben, erlernen den Dialekt, aber sie gehören nicht dazu. Gehören nicht zu den Hügeln, die Früdorf umgeben, sie kommen ja aus Österreich, das ist Ausland; im Sommer tragen sie Lederhose und Dirndl. Herr und Frau Pastor mögen von weit her kommen und das Amt erhebt sie über das Dorf, als Fremde gelten sie hier nicht.

(S. 7-8)

© 2015 Otto Müller Verlag, Salzburg.

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