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Christian Schacherreiter: Wo die Fahrt zu Ende geht

Roman.
Salzburg/Wien: Otto Müller Verlag, 2015.
272 Seiten, gebunden; Euro 21,-.
ISBN 3701312311.

Autor

Leseprobe

Die Linke der Siebzigerjahre. Unsere Hoffnungen. Unser Wahnsinn“

Der Protagonist und Icherzähler von Christian Schacherreiters zweitem Roman „Wo die Fahrt zu Ende geht“ ist ein Mann in den sogenannten besten Jahren, der sich auf der sicheren Seite des Lebens wähnt. Schließlich hat er sich mit einer untergeordneten Funktion als Historiker und Beamter im Landesarchiv der oberösterreichischen Landeshauptstadt Linz zufrieden gegeben, auf Familie verzichtet und zieht sich gerne auf sein Landhaus im Mühlviertel zurück, das er liebevoll „Tusculum“ nennt.
Bereits der Titel spielt mit einem Paradox: „Wo die Fahrt zu Ende geht“ entlehnt die letzte Zeile des Eichendorff-Gedichts „Frische Fahrt“, das das Leben preist und – kennt man auch die vorletzte Zeile – eigentlich nicht danach fragen mag, wo es enden wird.

„Weiche dieser Begegnung aus!“, lautet der erste Satz – der erste Gedanke des sechsundfünfzigjährigen Johannes Rettenpacher, als er an einer Bushaltestelle unverhofft seiner Jugendliebe begegnet. Da er es sich in der Gegenwart so gemütlich gemacht hat, kann die Vergangenheit nur stören. Und die Zukunft, meint er, überlasse er sowieso lieber den „Fortschrittsfuchtlern“. „Eine merkwürdige Haltung für einen Historiker? Nein. Ich spreche nicht von den Gegenständen der Wissenschaft, ich spreche vom Privaten. Ich bin Experte für regionale Kulturgeschichte, aber nicht für meine Biografie. Niemand ist Experte für seine Biografie.“
Rettenpacher weicht nicht aus. Und versöhnt sich – so viel sei hier schon verraten – am Ende sogar ein wenig mit seiner Biografie. Dazu trägt die Begegnung mit Dora entscheidend bei. Die beiden haben sich, wie Rettenpacher flugs errechnet, exakt seit dem 1. Mai 1977 um sieben Minuten vor Mitternacht nicht mehr gesehen, was zum Zeitpunkt der Handlung im Jahr 2010 dreiunddreißig Jahre ergibt.
Die sich rasch entwickelnde Affäre mit der immer noch attraktiven ehemaligen Femme fatale gibt Rettenpacher Gelegenheit, seine Studentenzeit in den Siebzigerjahren in Salzburg Revue passieren zu lassen. Die linken Kreise, in denen er sich – argwöhnisch Abstand haltend – damals bewegte, werden dabei schonungslos und manchmal ein wenig schablonenhaft porträtiert. Rettenpachers Schulkamerad, der wilde Wolfi, hatte ihn in die Kommune Michail Bakunin eingeführt. Über den Salonrevoluzzer Konrad, der sich mit dreißig das Leben nehmen sollte, lernte er Dora kennen und liebte sie eine Zeitlang ohne Konrads Wissen.
Rettenpacher vermag auch im Rückblick der Mentalität seiner Generation nicht viel abzugewinnen. Er versteht ihre „Neugier auf Lebensformen, die andere sein sollten als die der Eltern“, aber nicht ihren revolutionärem Optimismus, hinter dem sich Großmannssucht verbarg oder vielmehr offen zur Schau getragen wurde. Die Romantiker und Metaphysiker der Revolution, die sich für politische Aufklärer hielten, wie Doras späterer Mann Konrad, schwärmten für Stalin und Mao und duldeten keine Widerrede. „Mein Gott, bist du zynisch, Hannes“, meint Dora, als Hannes ihre eigenen, eher rosigen Erinnerungen korrigiert. „Humor war noch nie die Stärke der Ideologen“, kontert dieser. Tatsächlich besteht die Stärke dieses Icherzählers in seinem ironischen Abstand – auch zu sich selbst.

Aus kleinbürgerlichem Elternhaus stammend, hielt Rettenpacher gegen allen Gruppendruck seine Vorliebe für die katholische Kirche und ihren Ritus aufrecht. Deswegen kommt es ihm zupass, mit einem Projekt zur Geschichte der oberösterreichischen Klöster betraut zu werden. Die Affäre mit Dora stagniert. Dafür ist da Lisa, die um beinahe dreißig Jahre jüngere Assistentin, in die sich Rettenpacher prompt verliebt, sich seiner Lächerlichkeit schamhaft bewusst und diese Liebe trotzig-bang genießend, als sich herausstellt, dass sie von Lisa sogar erwidert wird. Allerdings nur auf kurze Zeit, denn die „Generation Praktikum“ ist auf Weiterziehen gebucht. Auch der letzte Teil des Romans, dessen erste beide Teile mit „Dora“ und „Lisa“ betitelt sind, stellt eine Frau aus dem Leben des aus seiner Ruhe aufgescheuchten Mittfünfzigers in den Vordergrund: Teil drei, „Monika“, stellt den Lebensentwurf von Rettenpachers um fünf Jahre älterer Schwester zur Debatte, die nach zwei wilden Jahren in Wien mit Drugs & Rock’n’Roll in die Provinz heimgekehrt war, um dort Arztgattin und Mutter von vier Kindern zu werden. Bei einer Bergwanderung en famille und dem Begräbnis ihres Mannes kommen sich die Geschwister näher. Am Schluss beschließt der melancholische, vom Ansturm des Lebens ein bisschen zerzauste Held, sich endlich den seinem Alter entsprechenden Hut zuzulegen.
„Wo die Fahrt zu Ende geht“ lässt sich als Traktat oder vielmehr Abgesang auf eine Generation lesen, als Zeit- und Sittenbild der Siebzigerjahre im politisch linken Milieu der österreichischen Provinz. Manchmal stellt sich die Reflexion vor die Romanhandlung, aber nicht allzu oft. Dass der Autor, Literaturkritiker bei den Oberösterreichischen Nachrichten und Gymnasialdirektor in Linz, lange als Kabarettist aufgetreten ist (und als Duo Fratt & Schacherreiter 1982 mit dem Salzburger Stier ausgezeichnet wurde), merkt man diesem so klugen wie unterhaltsamen, so tiefsinnigen wie leichtfüßigen Roman übrigens positiv an.

Kirstin Breitenfellner
13. Oktober 2015

Originalbeitrag.
Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.


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