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Lydia Haider: kongregation

Roman.
Mit Illustrationen von Anton Oskar Granzner.
Salzburg/Wien: Müry Salzmann, 2015.
284 Seiten; gebunden; Euro 24,-.
ISBN 978-3-99014-129-8.

Autorin

Leseprobe

In den Bach gefallen, den Schädel aufgeschlagen, vom Zug überfahren, Glasscherben verschluckt, im Sägewerk zerstückelt, im Taufbecken ertrunken, vom Blitz getroffen – die Todesarten sind vielfältig, grotesk, grauslich. Zunächst sind es junge Männer, die es trifft. Jugendliche, Heranwachsende, Aufmüpfige oder Sanfte. Andreas, Johann, Michael, Franz, Simon, Thomas, Jakob: Namen, wie sie in der Bibel stehen und überliefert sind in Legenden. Aber das ist erst der Anfang. Am Anfang war der Unfall – wahrscheinlich nicht ganz zufällig an einem Sonntag. Ein Dorf, ein See, die Donau, die Erinnerung an ein Konzentrationslager, ein Nebenlager – in Lydia Haiders erstem Roman „kongregation“ bewegen wir uns möglicherweise im Landstrich zwischen Mauthausen und Ebensee, aber eigentlich wissen wir das nicht so genau. Und eigentlich ist es auch nicht wichtig. Wichtig ist vielmehr das überbordende „Wir“, in dem das Ich zur Unkenntlichkeit aufgeht – oder untergeht. Der ganze Roman ist in der „Wir-Form“ erzählt. Eine Kongregation ist eine Herde, eine Schar, eine Versammlung – oder gar eine Ordensgemeinschaft, die durch Gelübde an eine bestimmte Lebensform gebunden ist, Gelübde, die verlangen, dass individuelle Willensfreiheit zugunsten der Gemeinschaft aufgegeben wird. Operiert wird mit Einschluss- und Ausschlussverfahren: Ein „Wir“ verträgt als Gegenüber ein „Ihr“ – oder ein „Du“. Es bilden sich Scheidelinien zwischen den Generationen, da gibt es Gruppen, die dem echten oder vermeintlichen Stumpfsinn des Dorfes ein trotziges Anderssein entgegenhalten wollen, das teils aus Bildung und/oder intellektuellem Habitus besteht, teils aus Realitätsflucht mittels verschiedenartigster bewusstseinsverändernder Substanzen: „… denn an diesen Abenden waren wir die Chefs, da galt allein und ohne Einschränkung unser Wort, und unser Wille hatte so zu geschehen.“ (S.24)

Aber so anders sind die anderen gar nicht. Die, die sich unbedingt abgrenzen wollen von ihren Altvorderen, entpuppen sich als enger verwandt mit den Ewiggestrigen als ihnen lieb sein kann. Auch ihr „Wir“ hat sich zur Kongregation formiert, will höheren Ideen dienen, kontrastierend zu Anderen (Einzelnen oder Gruppen), die das nicht verstehen und deshalb auch kein Verständnis erwarten können. Das „Wir“ hat die Macht. Und es gebraucht sie auch. Immer wieder werden Einzelne isoliert und von der Gemeinschaft bestraft – in alttestamentarischer Grausamkeit, und diesmal querbeet durch die Generationen. Der Roman ist ein Thriller der Vorstellungen, eines gefährlichen Gemeinschaftspathos, das den Verstand ruiniert und Fundamentalismus Vorschub leistet. Grauenvoll sind die Todesfälle, beängstigend die Ideologien, auf die sie zurückzuführen sind. Religion und Faschismus vertragen sich bestens. Auch wenn die Jugendlichen die (vermeintlich?) geforderte Anpassung verweigern („Sie haben immer schon gewollt, dass wir wie eine Heerschar Chamäleons in der Umgebung verschwänden, zerflössen und eins würden mit ihren violettkatholischen Sonnenuntergängen hinter braunen Äckerfurchen.“ S.23), bilden sie doch ihrerseits ein „Wir“, eine Kongregation, die um nichts weniger auf den Herdentrieb baut. Ihre Bewegung hat zwar noch keinen Namen, aber tickt nach altbekannten Mechanismen.

Auch in ihrer Sprache findet sich viel Ererbtes, Zusammengewürfeltes. Was nicht passt, wird passend gemacht. Vielstimmig wird der ideologische Filz repräsentiert durch das Ziehen verschiedener Register: Nazi- und Bibelsprüche, Redewendungen, Gemeinplätze, Verallgemeinerungen und Differenzierungen, Pathos und Ironie, distinguierte Prosa und Umgangssprache treffen in diesem Text aufeinander, stützen einander und bilden paradox eine dissonante Harmonie. Sekundenbilder aus den jeweils anderen Stilwelten treten zuweilen auffällig hervor, dann werden sie wieder vom Erzählfluss geschluckt wie die Ichs vom Wir. Erzählt wird abwechselnd im Perfekt und im Präteritum, mal mehr im verbrüdernden Plauderton, mal eher mit Posaunen und Paukenschlag, kunstvoll verpackt in lange, teils komplexe Sätze, und doch klar und kalt wie ein Gebirgsbach. Es ist, als wäre nicht ganz klar geworden, wer Pate stehen soll für diesen Roman: Wolf Haas, Thomas Bernhard, Stephen King – oder doch Michael Haneke? Und Elfriede Jelinek hätte dort und da auch noch ein Wörtchen mitzureden … das letzte Wort behält aber immer noch – die Kongregation.

Form und Inhalt sind eng verwoben in diesem Roman. Erzählformen und Sprache werden in den Dienst der Handlung gestellt, wie das immer wieder anders zusammengesetzte, aber ansonsten nicht weiter ausdifferenzierte „Wir“ in den Dienst der höheren Ideen, die ins (vermeintlich) Unausweichliche führen. Atemlos hetzen wir, getragen und vorangetrieben durch den Sprachrhythmus durch die ersten Kapitel, von einem Todesfall zum nächsten. Es gibt keine Absätze, keine Ruhepausen und keine Gnade. Aber auch das kann noch gesteigert werden. Nach den Unfällen und den „Unfällen“ kommen die Selbstmorde und „Selbstmorde“ und schließlich die Morde – die Grenzen sind fließend, die Wahrheit hat mehr als ein Gesicht. Und offenbar will es niemand genauer wissen (es gilt die Unschuldsvermutung, und wegschauen ist auch nicht schlecht). Wem Gerechtigkeit widerfahren soll, der richtet sich selbst – oder wird gerichtet (hier gilt die Schuldvermutung für Opfer wie Täter und wegschauen ist tabu), die Monstrosität des Mordens spiegelt sich in der Monstrosität der Syntax, in einem einzigen unglaublich langen Satz ergibt auf 54 Seiten eines das andere, führt ein Ereignis zum nächsten, fällt die Gruppe über die einzelnen her, wie die vielen Worte über den einen, einsamen Punkt am Ende des Kapitels: „… ja wir sind so viele und du bist ganz allein.“ (S.220)

Und am Ende wartet das jüngste Gericht. Was beginnt, als wäre Hieronymus Bosch zeitgereist um ein Computerspiel zu kreieren, wird auf einmal ein Gericht der anderen Art: jetzt hat es sich nämlich ausgerichtet. Keine „Gerechtigkeit“ mehr durch Rache und Strafen. Auch wenn die biblischen Mythen aus der Offenbarung des Johannes losgelassen werden in archaisch kurze Sätze und viele Absätze, man Posaunen bläst und das Ende naht (die Welt steht nimmer lang?) – so ist es doch nur das Ende des Romans – und nicht das Ende der Welt. Aufgeräumt wird nicht mit den „Sündern“ und „Sünderinnen“, sondern mit der Vorstellung von der Apokalypse. Es ist vielmehr ein Ende, das erstaunlich versöhnlich stimmt, Lämmern erlaubt, ihre eigene Richtung einzuschlagen und den Himmel statt der Erde untergehen zu lassen, mit dem jüngsten Gericht ins Gericht zu gehen, ganz im Sinne einer Emanzipation von Religionen, und allen anderen Weltanschauungen, die das „Wohl“ einer Gemeinschaft über das Wohl derer stellen, die diese Gemeinschaft ausmachen … oder ist auch das nur eine Falle? Ist das „Wir“ schon wieder dabei, sich anzupassen an eine mächtige, berauscht-berauschende Idee? „Wir haben ja in Geschichte gut aufgepasst. Die Zeit der Gesundung ist angebrochen“ (S.281) klingt doch ein wenig verdächtig pathetisch und somit nach einer neuen Ideologie der Macht. Ist dies der Haken bei der Sache? Das kann nur die Zukunft weisen. Und die Zukunft liegt bei den Kindern. Das war schon immer so.

Sabine Dengscherz
19. Oktober 2015

Originalbeitrag.
Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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