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Lyrik von Jetzt 3 – BABELSPRECH

Hrsg. von Max Czollek, Michael Fehr
und Robert Prosser.
Göttingen: Wallstein Verlag 2015.
360 Seiten; broschiert; EUR 20,50 (A).
ISBN 978-3-8353-1739-0.

Leseprobe

Präsentation im Literaturhaus am Do, 29. 10. 2015

Mit „babelsprech“ assoziiert man unwillkürlich ein alttestamentarisches Kommunikationsdesaster, so unwillkürlich, dass dieses Sprachbild schon wieder als ironische Brechung erscheint. Es mutet ein wenig wie Trotz an, Trotz der LyrikerInnen der jüngeren Generation, nach 1980 geboren, gegen einen Literaturbetrieb, der Lyrik nur am Rande wahrzunehmen bereit ist, der die künstlerische Gestaltung nachmoderner Sprachmuster in all dem omnipräsenten Werbegedöns auch der literarischen Szenen selbst, der Buchmessen und Medienrezensionen nur mehr als Konvolut von Geheimsprachen zu verstehen bereit ist, die sich eine von der anderen so stark unterscheiden wie Niederbayrisch von Exiltibetanisch. Und dieser Trotz, gar nicht einmal bewusst und laut vorgetragen, sondern mit der Beharrlichkeit der unverdrossenen lyrischen Betätigung selbst, hat dazu geführt, dass poetische Veranstaltungen wieder (gerade auch von einem jüngeren großstädtischen Publikum) angenommen und sogar mitunter begeistert gefeiert werden.
Die beiden Vorgängerbände der „Lyrik von Jetzt“-Reihe, 2003 und 2008 von Björn Kuhligk und Jan Wagner herausgegeben, leisteten Pionierarbeit bei der Sichtung der jungen deutschsprachigen Lyrik. Zum einen, weil so erstmals eine Gesamtschau schöpferischer Kraft der in den Kulturbetrieb nachrückenden Jahrgänge versucht wurde, zum anderen, weil sie die traditionelle Dokumentation dessen waren, was sich parallel zum „analogen“ literarischen Geschehen auf virtueller Ebene im Internet zu entwickeln begann, ohne dessen Vernetzungs- und Werbemöglichkeiten die moderne Lyriklandschaft anders aussähe. Daran knüpft der vorliegende Band nun konsequent an. Kuhligk und Wagner, inzwischen selbst schon so etwas wie Säulenheilige der nachmodernen deutschsprachigen Lyrik, sind der dokumentierten Gruppe von GedichteschreiberInnen natürlich längst entwachsen, und so haben Max Czollek (D), Michael Fehr (CH) und Robert Prosser (A), alle um die dreißig Jahre alt, die Positionen der Kuratoren übernommen. Gleichzeitig wird nun explizit auf den gemeinsamen Sprachraum zwischen Flensburg und Bozen – auf das grenzüberschreitende Moment also – Wert gelegt.

Das Projekt Babelsprech mit seiner eigenen interaktiven Website www.babelsprech.org enstand 2013 auf Initiative von Literaturwerkstatt Berlin und Literaturhaus Wien, es kooperiert mit diversen literarischen Einrichtungen und wird von Kulturstiftungen von Rang aus der Schweiz, Österreich und Deutschand unterstützt. Das nun bei Wallstein erschienene Buch ist quasi als Schluss- und Höhepunkt des Vorhabens zu sehen, welches sich von Anfang an als Plattform für Darstellung der AutorInnen, Diskussion und Organisation von Lesungen verstand.
Und was hat die geneigte Leserschaft nun hier vor sich? Dreihundertsechzig Seiten und vierundachtzig AutorInnen – das sollte doch ausreichend sein, um Strömungen zu sondieren, die Vielfalt dergestalt zu katalogisieren, dass sie erlebbar wird, zumal auch dem lyrisch interessierten Publikum viele Namen begegnen, mit denen es (noch!) wenig anfangen kann. Um es gleich vorweg zu nehmen: genau das scheint gerade nicht der Intention der Kuratoren entsprochen zu haben. Sie liefern ihrer Leserschaft außer einem kleinen Vorwort keinerlei Handreichung, um sich im Dschungel hunderter Texte zurechtzufinden. Immerhin wird in eben jenem Vorwort darauf hingewiesen, dass es zur Wahrnehmung der Vielfalt auch der „Aufmerksamkeit für das weite Spektrum poetologischer Zugänge innerhalb der Gegenwartsdichtung“ (S.6) bedürfe. Da weitere Essays zum Thema fehlen, kann man sich als LeserIn „nur“ direkt in den Texten der DichterInnen auf die Suche nach diesen Verknüpfungspunkten machen. Hierzu wird versprochen: „Die Texte sind nach Inhalt, Stil oder poetischer Herangehensweise geordnet.“ Da wäre es aufs erste Ansehen vielleicht hilfreich gewesen, mit Kapiteln und Zwischenüberschriften zu arbeiten, wie beispielsweise das „Jahrbuch der Lyrik“ es tut. Doch auch diese Orientierungshilfe wird offensichtlich bewusst verwehrt. Es bleibt also der Zugang über die einzelnen Gedichte selbst, um aus den poetischen Puzzleteilen den Zustand der Gegenwartslyrik zu synthetisieren.
Das systematisch zu tun, wie es getan werden müsste, wird den meisten RezipientInnen eher zu trocken sein. Sie werden in der schlicht und schön aufgemachten Klappenbroschur mal hier, mal da schmökern und sich vielleicht zuerst von den Texten, die ihnen durch ihre ungewöhnliche Optik auffallen, gefangen nehmen lassen, zum Beispiel vom (den Langversen geschuldeten?) Querformat bei Christoph Szalay (ab S.14), von den ausgeschnittenen und aufgeklebten Wörtern im Erpresserbriefstil bei Mónika Koncz (ab S.22 / formale Reminiszenz an Herta Müller?) oder von den mitgelieferten gezeichneten Bewegungsdiagrammen zu „Die Bahn eines Fisches“ von Sandra Burkhardt (ab S.54).
Die meisten Texte kommen jedoch in regelmäßigen oder unregelmäßigen Strophenbauten oder im Blocksatz daher, bei Tim Holland heißen die Gedichte dann sogar „block 7/8/9“ (ab S.291), es gibt Sonette über britische Naturforscher, natürlich stilecht in der Shakespeare-Variante mit 4/4/4/2-Struktur von Felix Schiller (ab S.77), selbst die seit dem Jugendstil kaum noch durchgehend bemühte Mittelachse gelangt zum Einsatz (bei Esther Strauss, ab S.309). So wirklich durchbrochen werden diese Formalien von Dagmara Kraus (wiederum aufgeklebte Wortfetzen, diesmal in skurriler Lautschrift und mühsam mit vielen Heiterkeitsausbrüchen zu entziffern: „vî‘ deur taout Der Hôf’hount Nâ’zeun-crank‘ aouf“, S.235 f.) und dem darauffolgenden Autor Andreas Bülhoff, der seine „plugs 1-4“ als fortlaufenden Zweizeiler in quadratischer Umrandung über das Papier schickt (S.237 ff.). Grüßt da von fern die gute alte Tante „Konkrete Poesie“? Marko Dinics Texte, von auffällig vielen Satz- und Sonderzeichen durchsetzt, scheinen dagegen eher zwischen dialogischer Slampoetry und Verballhornungen in der Nachfolge von Thomas Kling zu changieren (S.227 ff.)
Auf eine rein formale Weise ist eine Annäherung an das Kompendium mit dem Anspruch der literarischen Spurensuche eher nicht zu erreichen, auch wenn einem hierzu vielleicht noch Titus Meyers kunstreiche Anagramme und Palindrome (als kleine Erinnerung an Unica Zürn?) auffallen (ab S.230) oder die mit den Lebenstagen durchnummerierten Einträge von Barbara Arnold (ab S.178), die die Form des Tagebuchschreibens zur Bestimmung der eigenen Lebenspositionen und zur Erinnerungsbewahrung sehr literarisch zu verarbeiten weiß. Mit den Themen ist es ähnlich. Der rote Faden mag sich nicht wirklich finden lassen. Die Innenschau des lyrischen Ichs ist genauso vertreten wie der Dialog mit einem Du, es gibt Anklänge an Natur, Gesellschaft, Politik, es gibt Regionalia (so etwa Patrick Savolainens berndeutsche Kostproben, S.84 f.) wie die Zentrierung auf das sprachspielerische Moment.

Gleich wo man sich in „Lyrik von Jetzt 3“ festzulesen beginnt, der „Babelsprech“, die Vielstimmigkeit, ist allgegenwärtig, mindestens beim Wechsel von einer/m AutorIn zur/m nächsten. Das Schöne dabei ist die bei aller Bezugnahme auf literarische Vorbilder meist unverbrauchte Sprechweise. Ein Leiden an der Sprache und ihren Grenzen ist eher nicht spürbar. Diese Lyrik ist, selbst wenn sie mitunter mit abgeklärtem Fachjargon oder im Gegenteil dazu nahe an der Verstummensgrenze daherkommt, stets jung und überraschend. Da sind bemerkenswerte Jahrgänge herangewachsen, und es wird spannend sein, ihre Entwicklung weiterzuverfolgen.
Zu nennen wären etwa Kathrin Bachs unkonventionelle Beobachtungen des lyrischen Ichs („ich bewohne eine Gegend/die gelüftet werden müsste“, S.13), Marina Skalovas in wenigen Zeilen skizzierte Angstvisionen („darauf warten/die sprache zu verrücken//vor geschlossene türen“, S.20) oder Jan Skudlareks urbanes Beziehungssonett, das mit den Worten endet: „Ich habe das WLAN/nach Dir benannt, ich hoffe das ist okay“ (S.68). Auch Niklas L. Niskates „21 Punkte“, die sich als Statement zu den Fragwürdigkeiten des Internetjournalismus lesen lassen, erscheinen bemerkenswert (S.297) oder Jopa Jotakins augenzwinkernde gesellschaftliche Anmerkungen, in denen unter anderem von „analaortaplagiate[n]“ die Rede ist (S.321). Daniela Chana wartet mit Liebesgedichten zu Pharaonen, Gottheiten und Königen auf, die allesamt überraschende Wendungen nehmen („Beim Kondome-Holen bleibe ich im Aufzug stecken/Vergessen wir es, Jupiter“, S.103). Simone Lappert hingegen verbindet im Gedicht „1992“ Winter und Kindheitserinnerungen mit anrührenden Bildern („der durchstapfte rasen, aneinander geflockte weggehversuche“, S.39).
Die Liste selbst der persönlichen Vorlieben ließe sich angesichts der Fülle von AutorInnen und Gedichten noch lange fortsetzen – und mit einem Mal wird klar, was die Kuratoren bei ihrer Zusammenführung tatsächlich angetrieben haben könnte: darzulegen, dass auch diese Auswahl nur ein winziger (wobei freilich hochklassiger) Ausschnitt aus dem zeitgenössischen Lyrikgeschehen sein kann. Eben nicht der Kanon, als der er scheinbar daherkommt. Aber gerade dadurch vermittelt er die enorme Bandbreite, innerhalb der sich das dichterische Schaffen derzeit bewegt. Die Ismen sind mausetot, und das ist gut so.

© Marcus Neuert, 27. Oktober 2015

Originalbeitrag
Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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