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Hilde Schmölzer: Frauen um Karl Kraus.

Klagenfurt: Kitab Verlag, 2015.
200 Seiten; gebunden; Euro 19,-.
ISBN 9783902878601.

Seit der Erstpublikation der Briefe von Karl Kraus an Sidonie Nádherný von Borutin, 1974 von Friedrich Pfäfflin im Kösel-Verlag herausgegeben, ist es allgemein bekannt: Der österreichische Moralist und Sprachkritiker war dem weiblichen Geschlecht durchaus nicht abhold; in seinen Briefen und Kurzbotschaften fand er die schönsten Worte der Liebesbegeisterung, des Liebesschmerzes und der Sehnsucht. Dieser Mann verfügte nicht nur über einen klaren Geist, sondern auch über tiefe Empfindungen. Dass er zwischen 1900 und seinem Tod im Jahr 1936 nicht nur mit Sidonie Nádherný, sondern mit einer Reihe anderer Frauen – mitunter gleichzeitig – mehr als nur freundschaftlich-kollegial verkehrte, weiß Hilde Schmölzer zu berichten. Ihr neues Buch widmet sich acht Frauen, die alle in engem Kontakt (phasenweise war es ein Briefkontakt) zum Herausgeber der Fackel standen. Nicht alle waren im eigentlichen Sinn des Wortes ‚seine Freundinnen‘, auf die eine oder andere Weise waren sie aber alle seine ‚Geliebten‘. Kraus hat nie geheiratet, er hat sich aber gern mit interessanten (das heißt auch: widersprüchlichen) Frauen umgeben, sie waren ihm Inspiration und Projektionsfläche für seine erotischen Phantasien. Auf seine Art aber konnte er den Frauen auch ‚treu‘ sein. Er erwies sich nicht selten als derjenige, der zu einer Frau hielt, sie materiell und seelisch unterstützte, als alle anderen sie längst verlassen hatten.

Bei all dem – und das ist auch gut so – geht es in Schmölzers Frauen um Karl Kraus aber letztlich nicht um den ‚im Zentrum’ stehenden Mann, sondern um die Frauen, um deren Leistungen und um deren häufiges Scheitern. Wer wie die Rezensentin sich nicht eigentlich für die Intimitäten anderer Leute interessiert, wer weder Kraus noch seinen Geliebten allzu tief ins Herz oder gar unter die Bettdecke zu schauen geneigt ist, weil dies letztlich nur spekulativ sein kann, wird anfangs etwas skeptisch sein und die eine oder andere Passage für nicht ganz glaubwürdig halten. Doch beim Lesen kommt zunehmend Freude auf: Es zeigt sich, dass Hilde Schmölzer ein wesentlich größeres Ziel im Auge hat als dies zunächst der Fall zu sein scheint. Die zentrale Absicht des Buches liegt in der Beleuchtung ganz unterschiedlicher Frauenleben in vergleichbarem Zeitkontext. Schmölzer trägt eine Vielzahl biografischer und zeitgeschichtlicher Details zusammen und setzt in acht Kapiteln die Frauen zu einem umfassenden Bild weiblicher Existenz in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zusammen. Dabei ist ihr Blick nicht rein ‚historisch‘ oder ‚gesellschaftskritisch‘. Hilde Schmölzer tritt nicht als Wissenschaftlerin, sondern als dokumentarisch arbeitende Autorin auf, wobei sie sich auf die Publikationen von Literaturwissenschaftlerinnen und Biografen stützen kann. Als Autorin nähert sie sich ihren Figuren aus einer subjektiven Warte und mit Einfühlungsvermögen. In Summe gelingt Schmölzer die schwierige Balance zwischen Empathie und Faktizität – eine Balance, die das Lesen bis zuletzt spannend macht. Auch als Leserin kommt man den dargestellten Frauen sehr nahe, kann in ihnen zeittypische Charaktere oder einfach konkrete Menschen in einem konkreten Umfeld erkennen.

Da ist einmal die junge Schauspielerin Annie Kalmar (1877–1901), Kraus‘ erste große Liebe, eine Kindfrau, die sich von zahlreichen Männern verehren und auch aushalten lässt und deren Lebensgier durch Krankheit und einen frühen Tod jäh gebrochen wird. Da ist eine Kete Parsenow (1880–1960), die ebenfalls als Schauspielerin Karriere machen und ein selbstbestimmtes Leben führen will, letztlich aber von der Gunst einflussreicher Männer abhängig bleibt. Subtile Formen der Ausbeutung treten zutage, daneben auch das Repertoire weiblicher Strategien im Streben nach Status einerseits, nach Behauptung andererseits. Da ist die gesellschaftlich privilegierte Baroness Sidonie Nádherný (1885–1950), Herrin auf Schloss Janowitz, deren Leben jedoch von zahlreichen Verlusten, von Rastlosigkeit und Zerrissenheit, schlussendlich auch von staatlicher Willkür und roher Gewalt gekennzeichnet ist. Die intellektuelle und hochkreative deutsche Adelige Mechthilde Lichnowsky (1879-1958) wird in ihrem lebenslangen Kampf um Anerkennung ihrer literarischen Arbeit gezeichnet: Die Schriftstellerin publiziert zwar recht viel, von der Literaturkritik wird sie aber letztlich auf ihren gesellschaftlichen Staus einer Fürstin reduziert, häufig missverstanden und literarisch ‚unter ihrem Wert‘ gehandelt. Lichnowsky stirbt völlig verarmt in London und wird als Autorin zunächst vergessen. Sehr eindrücklich liest sich auch das Leben der Schriftstellerin und Drehbuchautorin Gina Kaus (1893–1985), deren unglaubliche Stärke allen Lebenskrisen zum Trotz überdurchschnittliche Erfolge zeitigt. Im letzten Teil des Buches setzt sich Hilde Schmölzer mit einer der bedeutendsten deutschsprachigen Dichterinnen des vergangenen Jahrhunderts, Else Lasker-Schüler (1869–1945), auseinander. Das Schicksal dieser exzentrisch-genialen und jenseits aller Bürgerlichkeit lebenden Frau rührt tief. Lasker-Schüler durchlebt Phasen bitterster Armut, sie und ihr Sohn Paul, der früh an Tuberkulose stirbt, haben zeitweise weder ein eigenes Dach über dem Kopf noch genug zu essen. Lasker-Schüler verschenkt oft ihre kargen Einkünfte an noch ärmere Menschen. Auch ihre Liebe verschenkt sie großzügig, ja überschwänglich – an alle möglichen Leute, hauptsächlich Männer, unter ihnen solche, die die Liebe ‚dieser Verrückten‘ gar nicht haben wollen, sie kalt zurückweisen.

Die vielen informativen Details, die Hilde Schmölzer in ihrem Buch auffächert, könnte man vielleicht auch anderen Büchern entnehmen – man könnte sie aber gewiss nicht so, nicht in dieser erhellenden Zusammenschau lesen. Frauen um Karl Kraus ist nicht zuletzt deshalb ein informatives und gewinnbringendes Buch, weil es die Verbindungslinien einerseits, die Zeitbedingtheit andererseits herausarbeitet. Zu den wichtigsten Abschnitten zählen jene, in denen es um die unterschiedlichen Facetten weiblichen Anrennens gegen die gesellschaftlichen Zuschreibungen geht. Auch machen manche Passagen deutlich, wie verletzlich geistig arbeitende Menschen generell sind. Am Beispiel der in der Nazizeit und später im realen Sozialismus herrschenden Willkür und Gewalt gegenüber Frauen und Männern, die nicht gleichgeschaltet funktionierten, sondern eigenständig dachten und die Vorgänge durchschauten, zeigt Schmölzer, dass Menschen der Rohheit oft nichts entgegenzusetzen haben als ihre innere Würde.

Erika Wimmer, 28. 10. 2015

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