Friedrich Hahn: Der Setzkasten. Oder: Erwin und die halben Luftballons.

Roman.
Graz: edition keiper, 2015.
144 Seiten; gebunden; Euro 17,60 (A).
ISBN 978-3-902901-74-3.

Autor
Leseprobe

Einer, der, der wartet

Wenn ein Buch Der Setzkasten und sein Protagonist Einer heißt, erwartet man sich gemeinhin einen sprachexperimentellen Roman, der ohne Figurenzeichnungen oder Handlung auskommt – doch weit gefehlt. Einer wurde aus dem Spital entlassen. Wie er dort hingekommen ist? Weiß er nicht. Was er mit seinem Leben anfangen will? Auch nicht. Ohne Namen, Familie, Schule oder Freunde, „als Münze ohne Prägung“ (71) läuft er durchs Leben. Doch er bleibt nicht lange allein. In seiner Wohnungsnachbarin Gisela findet er eine Gesprächspartnerin für seine teils verworrenen, teils genialen Gedanken. Im Laufe des Romans wird aus ihr seine Geliebte – sie bleibt nicht die einzige. Als Schauspieler versucht Einer sein Glück, bekommt jedoch nur einen Auftritt als Foto eines Toten. Er steckt fest. Nicht nur in seiner Karriere, sondern auch in seinem Leben.
Auch in diesem Roman zeigt Friedrich Hahn seine Vorliebe für Nonkonformisten. Bereits in seinem 2011 erschienen Buch Mitten am Rand ließ er die Hauptfigur Gregor Zuflucht in einem Wohnwagen finden. Und auch Engelbert, der Büchernarr aus Hahns Von allem Ende an (2010) verschanzte sich in seinem Turm, um sich selbst zu erkunden. Einer hingegen sucht seinen Platz in der Welt da draußen, er will sich ihr stellen. Das Reich der Bücher erscheint ihm dabei aber unattraktiv, „er kauft sie, stapelt sie und nützt seine Bibliothek der dicken Wälzer als Podest für sein Fernsehgerät.“ (46) Überhaupt ist er eher dem bewegten Bild zugetan. Das Kino ist sein Schutzort, die Versuchsanordnung für sein Leben: „Wo kann man denn schon eine Geschichte finden, seine Geschichte, wenn nicht in Filmen …?“ (34) Die Geschichten sind es, die ihn in den Bann ziehen. Die Enden nicht. Seine Abneigung gegenüber Abschlüssen offenbart sich auch in anderen Bereichen. Einer liebt unvollendete Symphonien, Drehtüren, Kreisverkehre, halbvolle Gläser – der Gang der Dinge zieht ihn an oder anders ausgedrückt: das Verharren im Moment.
Der Stillstand zieht sich durch den Roman. Er bestimmt auch
das Desinteresse der Figuren an neuen Erkenntnissen. Die Unkenntnis über seine Identität stört Einer keineswegs, vielmehr gibt er sich der Lobpreisung der Stagnation hin, „dem Gesetz des Stillstandes“, wie er es nennt. Dieses Gesetz ist für ihn genuin menschlich. Der Homo sapiens sei der Endpunkt der Evolution: „Seit 400.000 Jahren Stillstand. Keine neue Spezies. Nur die Art als solche hat sich weiterentwickelt.“ (8) Damit ist das Verharren im Moment für Einer eine anthropologische Konstante. So folgt er seiner These und entzieht sich einer signifikanten Weiterentwicklung, verliert sich stattdessen im Alltag. Die Beschaffenheit der eigenen Identität ebenso wie die Figuren werden in Frage gestellt. „Etwas haucht dich an. Und schon bist du die Idee von jemanden, den du nicht kennst. Bist die Idee eines dir völlig Fremden, ob du willst oder nicht. Da ist nichts zu machen.“ (77) So sind Bezugspunkte der Identität – Namen, Beziehungen, Herkunft, Beruf – für die Figuren nebensächlich und austauschbar: „Weißt du was, Einer, wir geben deiner Kindheit, also dem, was nicht gewesen ist, aber gut hätte sein können, einen Namen. Was hälst du von … Gisela hält ihren Kopf für etliche Augenblicke schief … was hälst du von … Erwin?! Erwin, ja, setzt sie gleich ein paar Ausrufungszeichen hinter ihr Ja.“ (79)

Die inhaltliche Fragmentierung scheint auch auf der formalen Ebene auf. Der Roman setzt sich zusammen aus unterschiedlich langen Textpassagen, die durch Leerzeichen klar von einander getrennt sind. Die Kürze einiger Absätze erinnert dabei an Kurznachrichten- und Chatdienste. Einen Großteil dieser Passagen machen die Dialoge zwischen Einer und Gisela aus, in denen sie sich meist über die Kleinigkeiten des Lebens unterhalten. Gisela zeigt sich hier meist als die Bodenständige der beiden. Während sich Einer zwischenzeitlich in philosophischen Betrachtungen zu verlieren scheint, die Hahns Wortwitz aufblitzen lassen: „Einer stellt sich vor, dass die ganze Welt nur noch aus Eselsbrücken besteht. Woran sie uns erinnern sollen, haben wir allerdings vergessen. So bleiben lauter Esel. Und halt ein paar Brücken als Motiv für die Euroscheine.“ (9)
So wie
Einer jegliche Ziele und Enden meidet, weicht auch der Roman einem klaren Ende aus. Hahn konzentriert sich in seinem Text auf die poetische Ausbreitung von gedanklichen als auch zwischenmenschlichen Momentaufnahmen. Abschlüsse scheinen auch ihn nicht zu interessieren. Statt dem unterhaltsamen Roman ein klares Ende zu gönnen, lässt Hahn ihn inhaltlich und formal verblassen. Die Schrift verliert sich auf den letzten Buchseiten vollkommen und hinterlässt sieben leeren Seiten. Und plötzlich ist die Geschichte vorbei. Aber wie stellt Einer fest: „Enden passieren. Irgendwann gibt es halt einfach keine nächste Szene mehr. Wie bei einem Buch: Da gibt es auch plötzlich keine nächste Seite mehr.“ (123)

Erkan Osmanovic
4. November 2015

Originalbeitrag
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