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Petra Ganglbauer: Im Schonungslosen.

Gedichte.
Mit Photographien von Elisabeth Wörndl.
Wien: Edition ch, 2007.
52 S. (o. Pag.); brosch.; 8 Farbfotos; Eur 11,-.
ISBN 978-3-901015-37-3.

Link zur Leseprobe

Das Verlorensein des Ichs in der Welt. Die immerwährende und doch unbegreifliche Konstante der Zeit. Die Kälte und das Schweigen der Landschaft. Das sind die Themen des neuen Gedichtbandes der auch als Erzählerin und Radioautorin mehrfach hervorgetretenen Lyrikerin. "Im Schonungslosen" – der sehr geglückte Titel einer konsequent titellos gehaltenen Textsammlung - skizziert ausdrucksstark den dem Subjekt zugewiesenen Ort seiner physischen und psychischen Existenz: in einer abweisenden oder gleichgültigen Umgebung ausgesetzt, wird es sich seiner Macht- und Schutzlosigkeit und seiner Desorientierung bewusst.

Dieser Zustand findet wiederholt durch Kriegsbilder Ausdruck – Szenen aus einem (medial wahrgenommenen) Krieg stehen für die (sprachlosen) Qualen eines Krieges im Inneren, einer mit sich selbst kämpfenden und sich nicht begreifenden Identität. Durchaus realistisch anmutende Momente einer Kriegslandschaft kennzeichnen – sei es als einzelne Wörter oder etwas umfassendere Beschreibungen – nicht wenige dieser Texte, ohne dass ihre bloße Verwendung als Metapher für ganz andere Zustände je angezweifelt werden könnte. Äußerst geschickt setzt sie die Autorin – in Kombination mit anderen Stilmitteln – für den Ausdruck einer bestimmten Empfindung, eines inneren Kampfes ein. Hier – und das gilt beinahe für alle Texte des Bandes – befruchten sich Form und Inhalt ständig gegenseitig, erschaffen in diesem Ineinanderwirken sehr deutliche Bilder von beachtlicher Originalität: "Zerschossen zahle          zähle ich / Mich der Reihe nach auf, als wäre ich / Weiss der Himmel verloren gegangen".

Ganglbauers Gedichte sind gleichermaßen formbewusst wie inhaltsbezogen, sie konstituieren sich ständig aus dem Zusammenspiel der beiden Ebenen. Gerade die ersten Texte des Bandes weisen eine hochartifizielle Struktur auf; die Autorin arbeitet souverän mit Assonanzen, Alliterationen, (Binnen)reimen, Homonymen und Wiederholungen und verleiht dem Gesagten Rhythmus oder Melodie: "Im Krieg, in meinem inneren / Schrecklichen Gewehrdonnerlachen, In dem mein Körper nackt und ohne Gewähr liegt? / (Und ohne sichere Wiederkehr.)"
Zudem ist auch das Spiel mit Bedeutungen, vor allem mit Doppeldeutigkeiten ein immer wiederkehrendes Element dieser Lyrik. Das Sprachexperiment bestimmt nicht unwesentlich die Texte – im Übrigen ein wichtiges Merkmal aller Publikationen der edition ch, doch nirgends überdeckt die Sprache als Material die gewünschte Aussage, sie lenkt nicht ab vom Anliegen des sprechenden Ich. Das Empfinden und die Wahrnehmung stehen hier klar im Mittelpunkt des Interesses.

Die Natur – nicht selten eine stille, kühle, leblose Landschaft, die sich als unbegreiflich erweist – durchzieht den Band. Die nicht näher definierten Orte des Erlebens werden oft bewusst als solche bezeichnet: wiederholt ist die Rede von "Gegenden", "Landschaft" oder "Land". Dabei gelingen der Autorin surreale Bilder, die sie durch eine von Wortzusammensetzungen dominierte Metaphorik entstehen lässt: "eine weite gefasste (diese verfehlte) Landschaft aus / Weissem Rhizom: Wunschauge und Klugheit". Weitere Kombinationen gehen Elemente des Kriegsvokabulars mit Ausschnitten einer solchen Natur ein ("Gewaltstaub", "Grenzschnee"). Eine Unbehaustheit des sprechenden Ichs wird immer wieder thematisiert: "da stehe ich / Ein durchsichtiger Ort für Lebensverrückungen". Das schmerzhaft lebendige Gegenstück zur farblosen, kulissenhaften Landschaft bildet das empfindende Subjekt. Mehrmals ist wörtlich von der Seele die Rede, besonders von der kindlichen Seele und ihrer schutzlosen Existenz in einer fremdbestimmten Welt. Ein anderes Mal spricht wiederum ein jugendliches, fragendes Ich – und auch hier passt die Autorin die Sprache dem Thema an: Anklänge an jungverliebte Poesie finden mit den bewährten Metaphern zu einer Einheit ( "Du Mädchenauge? / Du Glimmerschiefer? / Veilchendusche du?" ).

Einen weiteren thematischen Schwerpunkt – vor allem in der zweiten Hälfte des Bandes – bildet die erotische Liebe. Auch sie wird oft in kühle, farblose oder helle Räume eingebettet, die ihre Vergeblichkeit wiedergeben. Ganglbauer entlehnt sich auch hier Begriffe anderer Kontexte – etwa der Fotographie – und setzt sie geschickt mit den beliebten Klangverfahren der Assonanz und Alliteration in Verbindung, um auf Grundfragen der Liebespraxis hinzuweisen. Die Notwendigkeit einer Revision der getätigten Vereinigung, die fehlende Sicherheit, genauso aber das Erlöschen der Leidenschaft, die Abnutzung der Gefühle – das Pardoxon der Liebeserfüllung eben - sind manche der Motive. An einer Stelle macht sich in der gewohnt behutsamen Verschlüsselung ein Wunsch, der unschwer als Kinderwunsch erkannt werden kann, bemerkbar; im einem anderen Text wird das schmerzhaft bewusste Gefühl eines Zeitüberschusses nach einer Trennung thematisiert. Überhaupt ist das Ende einer Liebe das Thema mehrerer Texte, das mit jeweils verschiedenen Mitteln seinen Ausdruck findet.

Die Fotos des Bandes – Arbeiten der Salzburger Künstlerin Elisabeth Wörndl – stehen in einem klaren Gegensatz zu den Texten: ihre grellen Lichter und Farben verbreiten eine belebte, dynamische, ja geradezu lebensbejahende Stimmung. Es sind fast ausschließlich Nachtaufnahmen von europäischen und Weltmetropolen. Das Leuchten der Bürotürmewälder von New York, Chicago und Berlin steht der Angst und Unsicherheit, die alle Gedichte durchzieht, diametral entgegen. Das erschafft eine interessante Konstellation. Sinnigerweise sind die Fotografien in der Mitte des Bandes zusammengefasst, was ihre Position als eigenständiger Teil und weniger als Textbegleiter unterstreicht.

"Im Schonungslosen" ist ein klares Zeugnis einer erfahrenen und stilsicheren Lyrikerin. Die Einbettung von Fragestellungen oder existenziellen Situationen in entsprechende Stimmungen überzeugt fraglos, genauso das stark Melodische der Sprache. Dennoch sind die einzelnen Texte von unterschiedlicher Qualität. Es gilt für sie, was für Gedichte allgemein gilt: je verschlüsselter ein Bild wiedergegeben wird, desto wirkungsvoller erfüllt es seine poetische Funktion; das direkte Aussprechen oder Beschreiben, der Verzicht auf Brüche oder gar der Übergang zur Prosasyntax entheben das Gedicht mehr oder weniger seiner Existenz. Daher sind die besten Texte des Bandes gerade jene, die sich auf Andeutungen beschränken, die – bei beachtlicher Formvariation – mit ganz wenigen semantischen Elementen eine Aussage erahnen lassen. Oft hinterlassen gerade die Zeilen, die sich einer Interpretation entziehen, den stärksten Eindruck und zwingen zum mehrmaligen Lesen – und Besseres kann einem Gedicht nicht passieren.

 

Jelena Dabic
29. April 2008

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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