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Ursula Wiegele: Im Glasturm

Roman.
Salzburg Wien: Müry Salzmann, 2015.
200 Seiten; geb.; Euro 19,-.
ISBN 978-3-99014-121-1.

Autorin

Leseprobe

Ihre Gehörlosigkeit trennt die Ich-Erzählerin wie eine Wand aus Glas von der Welt. Als Clara acht Jahre alt ist, gehen ihre kindlichen Träume in Brüche, denn nach einer Scharlacherkrankung kann sie nicht mehr hören. Sie, die begabte Klavierelevin, kehrt aus dem Krankenhaus heim und muss erkennen, dass ihre neue Welt ohne Laute sein wird.
Dies ist der Hintergrund, vor dem Clara aus der Erwachsenenperspektive, inzwischen in Italien verheiratet und Mutter zweier Töchter, erzählt. Denn die eigentliche, vordergründige Geschichte ist jene von der Räumung der elterlichen Wiener Wohnung, während der Clara von vielen, teils unaufgearbeiteten Erinnerungen heimgesucht wird. Clara ist mit der Räumung auf sich gestellt, da ihr Bruder Paul, der aktuelle Besitzer der Wohnung, plötzlich verschwunden ist. Stattdessen hat sich sein Freund Leo zusammen mit der Hündin Milka dort eingenistet, was Clara nicht nur deshalb unsympathisch ist, weil sie seine Lippen unter dem dicken Schnauzbart nicht lesen kann. Leo gibt sich gefällig, aber Clara verabscheut die Veränderungen und den Schmutz, den Leo und Milka hinterlassen, ebenso wie die suspekte Freundin Elena, die wortlos ein- und ausgeht.
Viel größere Sorgen aber bereitet Clara das spurlose Verschwinden Pauls, das sie weder ihren Eltern noch ihrer Großmutter mitzuteilen wagt. Viele Frauenfiguren hinterlassen in diesem Roman ihre Spuren: die Großmütter, die Schwiegermutter, die Mutter, schließlich die beiden Töchter Francesca und Stefania. Der Vater, der sich einst in der Hoffnung wiegte, in ihr eine berühmte Pianistin heranwachsen zu sehen, weiters der immer zur Seite stehende große Bruder Paul und der etwas blass bleibende Ehemann Michele ergänzen die große Familie. Das Aufräumen ihres ehemaligen Kinderzimmers lässt in Clara vor Erinnerungen an ihre Kindheit hochsteigen, als sie sich in der schmerzlich stillen Welt zurechtfinden musste. Doch auch die frühen Jahre ihrer Ehe und Mutterschaft, die jüngsten Vorfälle in ihrem Zuhause auf einem Landgut in Italien, wo sie als Gemälderestauratorin arbeitet – alles wirkt plötzlich verunsichernd. Zweifel über ihre Ehe befallen sie, denn es scheint eine alte-neue Geliebte bei Michele aufgetaucht zu sein und sie selbst hat sich in den afrikanischen Flüchtling Adem verliebt. Es scheint ihr, dass ihr Ehemann, ihre Töchter sie nicht mehr brauchen, und was ihr Weltbild nun vollends ins Wanken bringt, ist das Verschwinden des verehrten Bruders, der sich möglicherweise von den Machenschaften einer falschen russischen Geliebten verführen ließ. Mit all diesen Gedanken lebt Clara gefangen in dem bedrückend tonlosen Glasturm, aus dem es kein Entrinnen gibt.
Schließlich bringt ihre Tochter Stefania die Lösung für Claras Lebenskrise. Mit Elan wirft sich die junge Studentin in diesen Stillstand, sie kommt dem falschen Spiel Leos auf die Schliche, bootet Elena aus, holt Paul zurück und bietet der verunsicherten Mutter Paroli: Warum hat sie niemals die Gebärdensprache erlernt, ein Mittel, das ihr eine andere Art der Kommunikation erschließen könnte? Was ist ihr dabei im Wege gestanden? Clara muss sich stellen und erkennt, dass es diesen Anstoß brauchte, um wieder zu ihrer Kraft und neuem Mut zu finden.
Der zweite Roman der Kärntner Autorin Ursula Wiegele ist ein zartes, nachspürendes Porträt einer künstlerischen Frau, die sich in der Mitte des Lebens existentiellen Fragen stellt, wobei ihre Taubheit die ungelösten Probleme, Ängste und Zweifel noch steigert. Der Schmerz der Gehörlosigkeit wohnt dieser Sinnkrise inne, die schwelende Hoffnung, sie doch noch zu besiegen, muss scheitern. In allem jedoch leuchtet eine innere Kraft, mit der es ihr früher gelang, sich über den Schicksalsschlag hinwegzusetzen und ein freudvolles Leben zu führen, sie ist nur verschüttet in einer Phase der Ungewissheit über die Zukunft. Ursula Wiegele bringt uns mit diesem Buch eine Welt näher, die wir nicht verstehen, wenn wir sie nicht erlebt haben: eine Welt ohne Lärm und Geräusche, aber auch ohne den Zauber des Klangs von Musik oder der Stimmen von Menschen, die man liebt.

Beatrice Simonsen
17. November 2015

Originalbeitrag.
Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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