Gerhard Kofler: Meeressammlungen. Collezioni marine.

(Das Gedächtnis der Wellen. 3.
La memoria delle onde. 3)
Drei Gedichtzyklen aus dem Nachlass.
Innsbruck: Haymon Verlag 2015.
232 Seiten; geb; 19,90 Euro
ISBN 978-3-7099-7090-4.

Autor

Leseprobe

Am Ende unterlief Gerhard Kofler erstarrte Erwartungen. War doch der 1949 in Bozen geborene Südtiroler, der via Innsbruck und Salzburg nach Wien kam, wo er lange lebte und Anfang November 2005 einer nur wenige Monate zuvor diagnostizierten letalen Erkrankung erlag, halb im Scherz, von Helmuth Schönauer rubriziert worden als „Zweisprachen-Kofler“. Um ihn zu unterscheiden vom zwei Jahre älteren Werner Kofler aus Kärnten, dem „Guggile-Kofler“. Der bilinguale Poet, das war ein Gemeinplatz, über den alle Wege führten, wenn die Sprache auf den Lyriker Kofler kam. Als zweisprachiger Autor aber, der seine italienischen Gedichte selber ins Deutsche übersetzte – wodurch im Akt des Hinüberhebens Anderes, Neues entstand –, verabschiedete sich, nun nachzulesende Überraschung für seine Lesegemeinde, Kofler im Jahr 2005. Es war ein Addio von sich als sein eigener Übersetzer. Daher sprang bei der nun erschienenen posthumen und selbstredend zweisprachigen Edition „Meeressammlungen Collezione marine“, die Furio Brugnolo und Hans Drumbl besorgten, neuerlich der in Hiroshima lebende Autor Leopold Federmair als Übersetzer ein, wie schon bei „Taccuino su New York a distanza scritto in un Caffè Starbucks di Vienna / Notizbuch über New York aus der Entfernung geschrieben in einem Starbucks in Wien“ (2007). Kofler befreite sich von der offenkundig als linguistische Last eingestuften Aufgabe, für die so klang- und assonanzreiche italienische Sprache Entsprechungen im Deutschen zu finden. Dass Federmair dies in seinem kurzen Nachwort anspricht, leuchtet ein. Vielleicht noch nahe liegender mag die Vermutung sein, dass Kofler mit 55 Jahren so noch mehr Zeit hatte fürs eigentliche Dichten, ohne zu wissen, dass seine Lebenszeit damals bereits eine stark limitierte war.

Drei letzte Zyklen vereint dieser Band, der der Dritte der Trilogie „La memoria delle onde / Das Gedächtnis der Wellen“ ist: „Settebello argentino /Argentinischer Settebello“, sieben Gedichte, geschrieben in der ersten Novemberhälfte in Argentinien, „Solo e italiano / Allein und italienisch“, 39 Poeme, zu Papier gebracht beziehungsweise habituell in einem seiner zahllosen, durchaus legendären Notizbücher ausgearbeitet, an denen er zwischen der zweiten Dezemberhälfte 2004 und Anfang April 2005 arbeitete, sowie den titelgebenden „Collezioni marine / Meeressammlungen“, die er bereits eine Woche nach „Solo e italiano“ begann und wenige Tage nach der Krebsdiagnose am 28. Juli 2005 abschloss.
Gerhard Kofler ist ein leiser Dichter gewesen und dies durch sein gesamtes, keineswegs schmales Werk hindurch geblieben. Der Band „Poesie von Meer und Erde / Poesie di mare e terra“ (2000) allein umfasst 15 lyrische Zyklen und kommt auf monumentale 1066 Seiten (wenn auch im handlichen Westentaschenformat), die „Poesie von Meer, Erde und Himmel / Poesie di marre, terra e cielo“ (2003) beläuft sich auf 754 Seiten. Der Wiener Kulturkorrespondent der „Neuen Zürcher Zeitung“, Paul Jandl, konstatierte in seinem Nachruf auf Kofler: „Seinem Schreiben war jedes Getöse fremd.“ Dies galt trotz Koflers Funktion als rühriger Generalsekretär der Grazer AutorInnenversammlung. Der Tonfall dieses Dichters war feinsinnig, ironisch, abgeklärt, und dabei der Welt unmittelbar aufgeschlossen und unverstellt zugewandt. Die Ausgangssituationen sind Kofler-Lesern bereits aus früheren Gedichtbänden vertraut: das Kaffeehaus, die Kaffeetasse, die Reisen, der schlichte, dabei implizit dialogische Duktus, der Verzicht auf sämtliche hermetische Metaphern.
Vielmehr hat Kofler in diesen drei überaus zugänglichen Suiten seine ohnehin schon kunstvoll kunstlose Sprache heruntergebrochen zu einer vertikalen Dichtung. Keinesfalls handelt es sich hier um Prosasätze mit zahlreichen Zeilenbrüchen. Dagegen steht das stereophone und stereoskopische Lesen – obligatorisch beider Fassungen nämlich, der italienischen auf der linken Seite und der deutschen auf der rechten Seite. Der Klang, das akustisch Tändelnde und Tänzerische, das lautmalerische Verführerische, stets ist es bei Kofler vorhanden und an keiner Stelle zu überlesen.

„In der Hauptsache geht es um diese Trennungslinie zwischen fest und flüssig, Erde und Meer, allgemein und individuell.“ Mit dieser Einschätzung hat der Kofler-Exeget Helmuth Schönauer durchaus Recht. Das Fluide, Flüssige spielt in Koflers Gesamtwerk eine elementare Rolle: als Lebens-, somit als essenzielles poetisches Element, und nicht nur als Ferment. Hinzu kommen Humor, Ironie und Selbstironie – „es gibt / zu viele tage / an denen / zu viele dichter / denken / es gebe / zu viele dichter“ –, elementar den Sinnen Nahes, Atmen zum Beispiel („Atemzüge“ lautet auch das vorletzte Gedicht dieses Bandes), das Schreiben und der Akt des Schreibens, der ein ganz konkreter, weil handschriftlich-handwerklicher ist („ich aber / entsage nicht / der mir so teuren / gewohnheit / aus dem kaffee / den duft / der dichtung / zu nehmen // und erleuchtet / vom schwarz / der tasse / zum schwarz / der tinte / zu gleiten“), schließlich auch Illusionen und Inspirationen der Lektüre (mehrere Male sind von den Herausgebern gelehrte Anspielungen und literarhistorische Zitate mittels Fußnoten aufgeschlüsselt). Auch das Nachsinnen über das eigene schriftstellerische Tun, das Erfinden der Poesie in der Welt, rückt in den Mittelpunkt. So heißt es in „Im Regen erfinde ich mir den Regen“: „wieviel regen / ist schon gefallen / auf meine wiener / notizbücher // was mache ich / eigentlich / hier? // ganz / anders / der regen / in Irland // läßt glänzen / die grünen / augen / und das rote / haar // auch / der / regen / muß immerfort / selbst wenn es regnet / erfunden werden / im anderswo“.
Gerhard Koflers Anderswo ist kein irrlichterndes Irgendwo lyrischer Abgesondertheit. Seine Gedichte leben. Und werden weiterleben.

Alexander Kluy
23. November 2015

Originalbeitrag
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