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Anna Baar: Die Farbe des Granatapfels.

Roman.
Göttingen: Wallstein Verlag, 2015.
320 S.; gebunden; Euro 20,50.
ISBN: 978-3-8353-1765-9.

Autorin

Leseprobe

Fulminanter könnte ein Roman gar nicht einsetzen als „Die Farbe des Granatapfels“, das Debüt der 1973 in Zagreb geborenen Anna Baar, die heute in Klagenfurt lebt und dort auch beim diesjährigen Bachmann-Bewerb las. Da „behängen“ vorbeiziehende Züge die Landschaft mit „flüchtigen Girlanden aus Pfiffen und Rauch“ und im Sommer glühen die Schienen „an manchen Tagen so, dass die Luft darüber aufsprang und in ungestüme Lichtwesen zerfiel, die sich leichtfüßig über dem Stahllauf kräuselten, schneller noch als die Mückenschwärme.“ Da sind geradezu Musil’sche Beobachtungsgabe und Präzision am Werk. Die Sprache ist mitreißend und differenziert; die Autorin meldet einen wohltuend hohen Anspruch an sich selbst und ihre Prosa an.
Doch leider offenbart sich schon auf dieser ersten Seite auch der Hang zu übertrieben wuchernden Sprachgebilden, zu ellenlangen Sätzen und einer Überzahl an Adjektiven. Über den erwähnten Bahndamm, an dem die Kinder Mutproben vollführen, heißt es: „Es gab keinen Zweifel, dass dieser verbotenste aller Orte der geeignetste war, die Orakel und Gespenster, die uns in Wermutnächten aus dem Traum schreckten, zu verhöhnen mit unserem Übermut, der der Übermut der Kleinlauten war, die ihre Schreckbilder wenigstens bis zum Einbruch der Dunkelheit ins Vergessen zu drängen hofften – einmal im verschwörerischen Flüstern, einmal im Narrengeschrei, denn wer hätte die Stille ertragen, die uns daran erinnerte, dass wir in den Klüften unserer Seele abgesprengt und allein waren und das Versprechen der Unzertrennlichkeit nicht einzulösen vermochten.“

Es sind also Nachtmahre aus der Vergangenheit, die das „Kind“ verfolgen, ein kleines Mädchen namens Anna, das winters bei den Eltern in Österreich lebt und die Sommer regelmäßig bei der Großmutter Nada auf einer kroatischen Insel verbringt. Das Familienleben in Österreich bleibt etwas nebulös. Der Vater ist wohl Pianist, die Mutter, eine unnahbare Erscheinung, Ärztin. Man ist großbürgerlich und streng und absolviert Klavierunterricht, die Kindermädchen wechseln, und beim Essen wird nicht gesprochen. Die Freude ist groß, als „endlich“ ein Stammhalter geboren wird. Nur Anna fühlt sich bald als zweite Geige. So distanziert Annas Eltern sind, so überemotional und wuchtig ist die Person der kroatischen Großmutter. Die kettenrauchende Nada erpresst vom Kind ständig Liebesbeteuerungen. „Sie: Wer ist mein Augenlicht?/ Ich schweige. Zähneknirschend./ Sie dann: Sag: Ich!/Den Teufel wird ich tun.“ Die aus bettelarmen Verhältnissen stammende Frau spart an Putzmitteln, am Licht und selbst verdorbene Speisen bewahrt sie auf.

Im Lauf der Erzählung schält sich heraus, dass auf der Familie eine Verfolgungsgeschichte lastet, über die nicht gesprochen wird. Es zeigt sich, dass die dominante Nada, die eine ominöse Affäre mit einem Admiral hatte, Partisanin war. Ihre Schwester wurde von den Deutschen umgebracht. Deutsche und Österreicher, an die sie in den Sommern vermietet, verachtet die überzeugte Antifaschistin als „Ibermenschen“. Daher soll das von Nada ängstlich bewachte Kind nicht deutsch sprechen oder deutschsprachige Bücher lesen. Im Kind hinterlässt das Verhalten der Großmutter eine „Heidenangst“, all die „Gespenster“, „Wermutnächte“ und „Schreckbilder“, die eingangs bereits zitiert wurden.
Erst gegen Ende des Romans nähert sich die erwachsene Anna doch noch der Großmutter an und kann sich von deren „Angstsaat“ befreien. Die Erinnerung entzerrt sich: Anna erinnert sich wieder daran, dass sie mit Nada auch unbeschwert herumtoben konnte. Die zeitgenössischen jugoslawischen „Gespenster“, die Kriege der Neunziger Jahre, kommen in „Die Farbe des Granatapfels“ hingegen kaum vor, obwohl sie in dessen zeitlichem Horizont lägen. Nur kurz ist von der absurden „Reinigung“ der kroatischen Sprache von serbischen Elementen die Rede. Doch was immer das Thema des nächsten Buchs dieser sprachmächtigen Autorin sein wird – in jedem Fall darf man gespannt sein.

Judith Leister
23. November 2015

Originalbeitrag
Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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