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Johannes Gelich: Der afrikanische Freund.

Roman.
Göttingen: Wallstein, 2008.
174 S.; geb.; Euro 16,-.
ISBN 978-3-8353-0356-0.

Link zur Leseprobe

Der das Buch begleitende Pressetext weist ausdrücklich auf Parallelen zu Camus hin, der Autor selbst tut es im Roman mit einer lakonischen Anspielung auf den todkranken Kater selben Namens. Die existentielle Gleichgültigkeit des Ich-Erzählers in "Der afrikanische Freund" drückt sich in folgendem Zitat drastisch aus: "Mein Schicksal hatte sich ohne mein Zutun vollzogen, es spielte überhaupt keine Rolle, was ich dachte und ob ich anwesend oder abwesend gewesen war. Man hätte mich genauso gut aus dieser Geschichte entfernen und an meine Stelle irgendjemand anderen setzen können. Markieren. Ausschneiden. Einfügen. Ich bereute nichts ..." (S.167) Die Frage nach der moralischen Verantwortung des Menschen, die uns hier mit Anleihen aus dem aktuellen medialen Zeitalter entgegentritt, hat nicht erst Camus gestellt. Mehr als an Camus denke ich dabei an die russischen Autoren des 19.Jahrhunderts, die gesellschaftliche Muster in ihren großen Romanen verarbeitet haben.

Johannes Gelich stattete die Ich-Erzähler seiner beiden ersten Romane "Die Spur des Bibliothekars" (2003) und "Chlor" (2006) bereits mit einer gewissen Lethargie aus – in "Der afrikanische Freund" treibt er diese Erzählhaltung auf die Spitze. Seit Gontscharow spricht man vom "Oblomowtum", das ein absolut passives ja parasitäres Verhalten trotz physischer und geistiger Fähigkeiten bezeichnet. Passivität und ihre Folgen ist ein Thema, das Gelich anhaltend beschäftigt. In den ersten beiden Büchern stellte diese Lebenshaltung (in "Chlor" durchaus subtil humorvoll) besonders die Arbeitswelt und die Beziehungen zu Frauen in Frage – in seinem dritten Roman hat sich der an sich bequeme Mensch zudem von jeglicher Moral befreit.

Den aktuellen Ich-Erzähler lernen wir zunächst über eine Reise in seine Heimatstadt Salzburg anlässlich des Todes seines Vaters kennen. Die Organisation des Begräbnisses ruft in ihm keinerlei Gefühle hervor, ist doch der Tod nichts als das Ende irdischer Existenz und Familienbindung ein Fremdwort. Erinnerungslos streunt er durch die Stadt und begegnet zufällig Max, einem ehemaligen Schulkollegen, dessen Einladung zu einem gemeinsamen "Weekend" er aus eben jener Geisteshaltung, das eine so gut wie das andere machen zu können, lustlos annimmt. Max, ein "echter" Salzburger aus ultrakonservativem, reichem Hause, organisiert zusammen mit zwei Freunden – Hugo, dem Promi-Koch und Marcel, dem Promi-Fotografen – ein Fest auf der familieneigenen Burg. Auf dem Programm stehen ein mittelalterliches Festmahl in den unterirdischen Räumen der Burg, reichlich Alkohol und Mädchen aus dem Bordell. Die Beschreibung des eher unappetitlichen Festes wird hin und wieder mit Kochrezepten unterbrochen (eine derzeit überstrapazierte literarische Usance), diese frischen die schmierige Atmosphäre aber nicht wirklich auf. Während sich die Männer dem Suff ergeben, behalten die professionellen Mädchen klaren Kopf und tun im Notfall das, was ihnen zu tun bleibt: sie ergreifen die Flucht. Während man sich in der ersten Hälfte des Buches nicht klar darüber wird, worauf der Autor mit diesem "Weekend" nach dem Motto "La grande bouffe" überhaupt hinaus will, vermittelt sich die Erkenntnis über den Unfall des afrikanischen Freundes quasi mit dem Holzhammer.

"Der afrikanische Freund" ist eine zufällige Erscheinung, ein Farbiger, der mit Zeitschriften an der Tür läutet, eingelassen in die Burg als vermeintlicher Drogendealer. Anstatt mit Drogen dealt dieser mit Religion und da die Partyveranstalter sich ungern mit Moral auseinandersetzen wollen, ist es nur Pech, dass der Afrikaner nach einem Handgemenge bewusstlos liegen bleibt. Die Freunde fesseln ihn (Assoziationen mit der Wirklichkeit österreichischer Asylsucher sind, nehme ich an, gewollt) und beraten über die weitere Vorgehensweise. Nach diesem Vorfall vergehen Tage, in denen keiner der Beteiligten zu irgendeiner rettenden Aktion fähig ist. Im Gegenteil, die Charaktere treten nunmehr verschärft zu Tage: Max ist ein entschlussloses Muttersöhnchen, Marcel ein aggressiver Macho, Hugo eine weichherzige, aber schwache Persönlichkeit. Alle drei verachtet der Erzähler zutiefst, er fühlt sich diesen überlegen und vollendet schließlich die Tat, die allen vieren als der einzige Ausweg aus der Situation erscheint. Aus einem nicht gerade harmlosen, aber doch erklärbaren Unfall entwickelt sich eine Mordgeschichte, die an emotionaler Kälte ihresgleichen sucht.

Sowohl bei Albert Camus, der in "Der Fremde" eine ähnliche Gefühlskälte beschreibt, als auch in Dostojewskis "Schuld und Sühne", wo der Mörder seine Tat für gerechtfertigt hält, geht es in letzter Konsequenz um die Sühne. Auch die literarische Gattung des Kriminalromans arbeitet damit, Mörder zu suchen, zu finden und zur Rechenschaft zu ziehen. Johannes Gelich dagegen lässt seinen Ich-Erzähler im Schlusssatz "vor lauter Freude" über den Domplatz laufen, offenbar in eine Zukunft ohne Konsequenzen. Das Thema des ungesühnten Mordes erscheint in dieser Radikalität neu und erschreckend möglich. Ein Leben ist wertlos, solange es niemanden kümmert, wie im Fall des untergetauchten afrikanischen Asylanten: wo kein Kläger da kein Richter. Die Rechtsgewalt in Form von Polizisten tritt gebrochen auf, augenzwinkernd nachsichtig oder nachlässig bis gewissenlos. Der 1969 geborene Salzburger Autor beschreibt eine Gesellschaft ohne Zivilcourage, die sämtlicher Ideale beraubt ist, und lässt uns keine Hoffnung auf eine Romanfigur, die in irgendeiner Form "die Moral" vertreten könnte. Nur ein böser Zufall oder eine lektorische Schwäche – die Komplizen besprechen ausgerechnet im Taxi ihr weiteres Vorgehen (S.139) – kann die Helden vielleicht noch dazu zwingen, die Konsequenzen ihrer Tat zu tragen. Aber das ist absolute Nebensache in diesem grausam überzeugenden Roman, der nicht nur von Gottlosigkeit sondern auch von Gewissenlosigkeit erzählt und von der Vision einer Gesellschaft ohne Scham.

 

Silvia Sand
8. Oktober 2008

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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