Corinna Antelmann: Hinter die Zeit.

Roman
Septime Verlag, Wien 2015.
288 Seiten; gebunden; Euro 22,50 (A).
978-3-902711-43-4. 284 Seiten.

Autorin
Leseprobe

Die Schatten der Vergangenheit

„… die Zeit hat offenbar einen Riss bekommen, und Irina stand zufällig daneben und glitt dort hindurch und befindet sich gestern wie heute irgendwo und irgendwann am Ende der Dreißigerjahre des zwanzigsten Jahrhunderts. Wie hilfreich es wäre, bei klarem Verstand zu sein.“ (96–97)
Irina ist Restauratorin und nimmt einen Auftrag an, in einem kleinen tschechischen Dorf eine halbverfallene Kirche und deren Freskenmalereien wieder instand zu setzen. Dabei fällt in Corinna Antelmanns Roman Hinter die Zeit gleich von Anfang an das Wort "Flucht"; Irina flüchtet vor der schwierigen Beziehung zu ihrer zwölfjährigen Tochter Zoe, sie flüchtet vor ihrer gescheiterten Ehe mit Jona, sie flüchtet immer auch ein wenig vor sich selbst. Dabei würde Irina das für sich anders bezeichnen, sie sei eben gerne unterwegs. Die Flucht vor sich selbst, seinen Erinnerungen und der eigenen Vergangenheit ist das große Thema dieses fein geschriebenen Romans, denn die Schatten der Vergangenheit, die verdrängten oder vermiedenen Ängste und Wünsche holen Irina in diesem vergessenen Ort irgendwo in Tschechien schon sehr bald ein.
Bei einem Spaziergang durch den Ort fällt Irina auf, dass sich etwas verändert: das Licht, die Stimmung, die Farben der Wolken und der Umgebung, als stünde sie plötzlich in einem Gemälde. Ihr kommt in den Sinn, dass ihr jemand davon erzählt hat, dass Tschechien das Land der tausend Geschichten sei, und von einem Moment auf den anderen öffnet sich für Irina eine Art Portal und sie wird wie in einer Zeitreise in eine andere Welt versetzt. Ein halb verfallener, verödeter Hof steht plötzlich bewohnt und vollkommen intakt vor ihr, Hühner gackern und eine Frau geht durch das Bild. Irina denkt an Geister und zweifelt an ihren Sinnen. Eine Vision oder eine Spiegelung, eine Täuschung.
Und diese Farben; sie erinnern Irina an Bilder von Edgar Ende, dem bekannten Maler der phantastischen und visionären Kunst in der erste Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts, der in seinen Gemälden surreale Visionen aus seinem Inneren abgebildet hat. „Die moderne Kunst führt zu neuen, nie bewusst betretenen Gefilden. Ein Abenteuer ist die Kunst, ein Vorstoß ins Unbekannte, eine Begegnung mit Dämonen und Engeln.“ So beschrieb Edgar Ende seinen eigenen Zugang zur Kunst in seiner Autobiografie.

Das passt, denn Corinna Antelmann schickt Irina in ihrem Roman auf eben diese Suche nach der eigenen Geschichte, den eigenen Ängsten und Sehnsüchten, und konfrontiert ihre Protagonistin mit Dämonen und Engeln auch der politischen Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts, den politischen Verwerfungen im Rahmen des Zweiten Weltkriegs. Gerade dieses kleine Dorf in Tschechien war – wie Irina nach und nach durch weitere Visionen entdeckt – Schauplatz dieser Verwerfungen. Brutalität, Mord, Verzweiflung, Vertreibung und: Flucht. Die sudetendeutsche Bevölkerung wurde nach der Niederlage Hitler-Deutschlands gewaltsam vertrieben, ihr Andenken ausgelöscht, ihre Gräber geschliffen. Nichts erinnert mehr an sie. Der Riss geht quer durch das ganze Dorf und die Familien, durch die Erinnerung, nicht nur durch die Zeit. Irina vollzieht in ihren Visionen nicht nur ein abstraktes Kapitel Zeitgeschichte nach, sondern spürt konkreten Menschen nach. Nicht nur Farben kündigen den Zeitensprung an, auch eine Melodie, gespielt auf einer Bratsche. Ein Zitat vielleicht, denn auf manchen Bildern von Edgar Ende kommen Bratschen vor. Irina lauscht schauend der zerbrechlichen Liebesgeschichte einer jungen Frau und eines jungen Mannes, einer Sudetendeutschen und eines Tschechen, deren gemeinsames Glück nur kurz währt; der Krieg trennt die beiden schließlich gewaltsam. Irina lauscht aber nicht nur fremden Personen nach, sondern taucht dabei tief in die eigene Familiengeschichte ein. Der kleine Ort in Tschechien hat mit ihr mehr zu tun, als Irina geahnt hätte.

Antelmann verknüpft geschickt die verschiedenen Erzählfäden und erzeugt jene atemlose Spannung, die den Leser begierig das jeweils nächste Kapitel lesen lässt. Man hofft und bangt mit dem jungen Liebespaar aus einer längst vergangenen Zeit, hofft, dass es ein gutes Ende nehmen wird, aber man weiß, dass der Krieg sich meist als erbarmungsloser Erzähler erweist. Irina erfährt parallel eine eigene Liebesgeschichte, neue Hoffnung. Tomáš ist als Restaurator in Irinas Team und die beiden kommen sich zögerlich näher, zwischen Anziehung und Abstoßung, denn Irina flüchtet meist rasch vor zu viel Nähe. Wie sie auch vor ihrer eigenen Geschichte flüchtet, der Beziehung zu ihrer Mutter etwa. Antelmann schreibt in Hinter die Zeit auch über die Möglichkeiten gelungener oder gescheiterter Mutter-Tochter-Beziehungen. Irina versucht, verstört durch ihre Visionen, Kontakt zu ihrer Tochter Zoe herzustellen. Diese nimmt ihre Anrufe nicht entgegen; eine schöne Metapher für die nicht nur räumliche Entfernung zwischen Mutter und Tochter. Am Ende wird es Irina gelingen, ihre Tochter zu erreichen, in mehrfacher Hinsicht. Sie wird mit Zoe erneut Kontakt aufnehmen und in eine andere Beziehung zu ihr treten. Irina wird aus den Verfehlungen der Vergangenheit lernen und endlich aufhören, auf der Flucht zu sein. Vielleicht wird sie am Ende ganz bei sich ankommen.

Die Tochter ist das Sehnsuchtsziel und Antelmann versteht es, sich da ganz auf sprechende Namen zu beziehen, schließlich bedeutet Zoe oder Zoë im Altgriechischen schlicht Leben, also „die einfache Tatsache des Lebens, welche allen Lebewesen gemein ist“ (Wikipedia). Antelmann hat mit Hinter die Zeit einen engagierten und sehr lesbaren Roman über ein schwieriges Thema geschrieben; die Flucht und Vertreibung insbesondere der deutschen Bevölkerung aus Tschechien und anderen Ländern galt lange Zeit als Tabuthema, das in letzter Zeit vermehrt literarisch verarbeitet wird, etwa in Steiners Geschichte von Constantin Göttfert oder zuletzt in Die gestohlene Erinnerung von Ulrike Schmitzer. Corinna Antelmann leistet hier mit ihrem Roman einen wertvollen Beitrag.

Schuchter BerndBernd Schuchter
9. Dezember 2015

Originalbeitrag.
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