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Corinna Antelmann: Hinter die Zeit.

Leseprobe:

Es dürfte unmöglich sein, sich im Dorf zu verlaufen, so klein und verloren liegt es in der Landschaft, nur ein kurzes Stück die Straße hinauf verliert es sich bereits wieder in weite Gerstenfelder, die noch nicht abgeerntet sind und Irina ihre Ähren golden entgegenstrecken, als sie sich ihnen nähert. Sie wäre sicher, die Strecke bereits einmal gegangen zu sein, wenn sie nicht gleichzeitig wüsste, dass sowohl der Gasthof als auch das Gehöft mit den gackernden Hühnern, wie Irina es insgeheim nennt, am anderen Ende des Ortes liegen, die Wege nach hier und nach dort wiederholen sich.
Befreit von dem Gewicht der Kirche und ihrer schwerwiegenden Religiosität, lockert sich Irinas Gang allmählich und wird mit jedem Meter Abstand beschwingter, ja, beinahe heiter, schon liegt das Rathaus der Gemeinde vor ihr. Direkt an das hintere Ende des Hauptplatzes geklatscht, ist es nicht zu übersehen.
Irina überquert den Platz, der durch seine Leere weiter wirkt, als ihm der Größe nach an Wirkung zustünde, und steuert auf das Gebäude zu, das umso schäbiger anmutet, als die Haupttür unübersehbar neu verglast worden ist, eine geschmackliche Verirrung, die sich im Zusammenspiel mit der Gesamterscheinung des Rathauses eigenartig stilpluralistisch ausnimmt. Sie tritt näher und entziffert das Hängeschild auch ohne besondere sprachliche Kenntnisse dahingehend, dass das Rathaus geschlossen hat.
Allerorts nichts als verschlossene Türen.
Astrids mahnende Stimme ist schuld daran, dass Irina abermals zum Stillstand verdammt ist, und auch die Verlegenheit der nicht geteilten Küsse, beides zusammen trieb sie zur Eile, um sie jetzt auszubremsen, und augenblicklich verschlechtert sich Irinas Laune wieder, warten, immerzu warten, die Zeit in diesem Ort gehorcht offensichtlich anderen Gesetzen als dem kontinuierlichen Fortlauf der Geschichte.
Widerstrebend setzt sich Irina auf einen Blumenkübel mit vertrockneten Hortensien und lässt den Blick über den freien Platz gleiten, die Leere lastet auf ihm, lastet wie ein unsichtbarer Fluch, und er wirkt, als leide er darunter. Und sie wünscht sich München herbei, dort wäre eine derart unbeschriebene Fläche von Cafes flankiert und gestützt, überall stünden Stühle und Bänke, und die Menschen lachten und tränken Cappuccino oder Aperol-Spritz. Fühlt sich so Heimweh an?
Ein bisher unbekanntes Gefühl.
Wo sind die Einheimischen? Vielleicht gibt es hier niemanden außer einer alten Frau und anderen irrealen Erscheinungen, oder, sicher, die Leute gehen ihrer Arbeit nach, einer Arbeit in der nächstgrößeren Stadt. Ober aber sie sind alle mit einem Schlag verstorben, ausgestorben, dem Erdboden gleichgemacht, so sagt man doch.
Was nicht alles so dahergeredet wird.
Und plötzlich tauchen die Grabsteine vor Irinas geistigem Auge auf, die Gräber nach 1945, in denen sie womöglich begraben liegen, die Bewohner und Bewohnerinnen des Ortes, die es im Leben nicht mehr zu geben scheint.
Ausgerottet von den Nachwirkungen des Krieges wie die kleine Helenka, liegen sie anklagend in ihren Gräbern und lassen sich von der Hilgertova versorgen, denn sie allein überlebte all die verborgenen Blindgänger, die hier in jeder Bodenspalte lauern, die Kirche ausgenommen, dort wagte sich kein Kriegsgerät hinein, sonst hätten die Arbeiter aus Budweis es wohl längst aufgespürt.
Und das ganze Team gleich mit.
Die Stille ist nervenzehrend, das Warten zeitraubend und sinnlos, also angelt Irina ihr Handy heraus, um die Mailbox abzuhören, tatsächlich, es gibt eine Nachricht, Henriks Stimme, die sie mit Vorwürfen betäubt. Er platze vor Eifersucht und bitte darum, ihm endlich ein Liebeszeichen zu übermitteln oder wenigstens ein Lebenszeichen.
Irina schiebt den Rückruf auf und versucht ihr Glück abermals bei Zoe, wieder hebt niemand ab, also bleibt ihr nichts anderes übrig, als es bei Jona zu versuchen, um sich nach ihrem Befinden zu erkundigen, vorsichtshalber und um sich zu beruhigen, diese blöde Helenka-Geschichte lässt sich nicht abschütteln, warum nur ist sie auf einmal so ängstlich geworden?
Aber auch unter Jonas Nummer meldet sich niemand, dieser Vollidiot, nie ist er greifbar, wenn sie ihn braucht.
Ungeduldig wendet Irina den Kopf zum Rathaus, in der Hoffnung, es könne jemand hineingegangen sein, ohne dass sie es bemerkt hätte, aber nein, das ist albern, wie sollte es Menschen aus Fleisch und Blut gelingen, einen leeren Platz zu überqueren, ohne dabei entdeckt zu werden?
Andererseits ist alles vorstellbar, Wunder geschehen immer wieder, zumal in diesen böhmischen Gefielden, und tatsächlich zeigt sich das Wunder, schneller als erwartet und schneller als erhofft, mit einem flüchtigen Blick auf das Rathaus-Portal. In der Glastür, gleich unter dem Geschlossen-Schild, spiegelt sich der leere Platz, doch durch die vermeintliche Leere tummeln sich Leute, der leere Platz ist zum belebten Platz mutiert, viele Leute sind unterwegs, wo nur kommen die plötzlich her? Bei einer solchen Erscheinung kann es sich nur um die Rache eines Glases handeln, das dort unfreiwillig hineinmontiert wurde.
In falsche Zeitzusammenhänge.

(S. 92ff)

© 2015 Septime Verlag, Wien

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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