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Jürgen Thomas Ernst: Vor hundert Jahren und einem Sommer.


Leseprobe:

Gemeinsam mit der Blüte der Kirschen im Mai spross das Gras, der Frühling tupfte die Wiesen mit dem Gelb des Löwenzahns und dem Weiß der Margeriten, das Dach des weitläufigen Kirschbaumhains schloss sich und warf grüne Schatten und bald reifte das Violettrot der Kirschen. Irgendwann Anfang Juli ragten steil und lang schmale Leitern in die Kronen, wurde Korb um Korb mit Früchten gefüllt und ins Tal verkauft. Die letzten Hochsommertage ließen die Bäume erschöpft und mit zerzaustem Laub zurück, und Monate später fegten stürmische Winde die vergilbten Blätter in Schwärmen davon und rüttelten so lange an den Kronen, bis sie eines Tages im späten Herbst nackt und grau dastanden.
Eingebettet in diesen regelmäßigen Lauf der Natur wuchs Annemie heran. Mit sechs Jahren wurde sie eingeschult und litt schon mit dem ersten Tag unter den zahlreichen Mitschülern. Ihr widerstrebte der Geruch, der frühmorgens im Klassenzimmer hing, das noch kühl war von der letzten Nacht und nach dampfenden Kinderkleidern, Stallmist, Schweiß und ranziger Butter stank.

(S. 83)

Einmal, als nur noch der Wind leise in den hohen Gräsern rauschte und kein Schuss mehr fiel, keine Kanone grollte, horchte er neben dem Zwitschern der Vögel das Gelände angestrengt auf das hässliche Geräusch eines platzenden, rohen Eies ab, das ihm verriet, dass in den Laufgräben der Feinde Ventile geöffnet worden waren, die im Wind einen gelben Nebel heranschoben, der die Augen zum Tränen brachte und den Atem mit einem Husten überfiel. Gleichzeitig kroch dieser Nebel die Luftröhre hinab und in die Flügel der Lungen, wo er Seen bildete, an denen man ertrank.
Immer wenn dieses Geräusch an Jonathans Ohren sprang, wurden seine Schritte hektisch, da er wusste: Du bist verloren, wenn deine Hand nicht rasch nach einer Maske greift, von denen es viel zu wenige gibt.

(S. 420)


©
2015 Braumüller Literaturverlag, Wien

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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