Stefan Soder: club.

Roman.
Wien: Braumüller Literaturverlag, 2015.
360 Seiten; gebunden; Euro 21,90.
ISBN: 978-3-99200-127-9.

Autor          Leseprobe

Orgie mit Heidegger

Stefan Soder wendet mit seinem Roman "club" die Genrekonventionen des Spannungsromans auf ein nicht gänzlich triviales Thema an, und bleibt beidem - Konventionen und Thema - bis zu Schluß treu. Dabei das Leserinteresse bzw. eben die Spannung aufrechtzuerhalten, gelingt ihm dank der einleuchtenden Kombination einiger weniger inhaltlicher und formaler Entscheidungen. Ärgerlich an dem Buch ist, dass es sein Potential merklich nicht voll ausschöpft, weil Soder bei Figurenrede und Schilderung unnötige Rücksichten auf die (zu kurz angenommene) Aufmerksamkeitsspanne des Publikums nimmt.
Formal ist "club" gut konstruiert und ansonsten unauffällig: Soder macht kein Aufhebens um seine Sprache und benutzt sie so klar wie nötig und so einfach wie möglich. Der Plot dreht sich um die Undercover-Ermittlungen eines heruntergekommenen Journalisten in einem "dekadenten" Sterbehilfe-Club für Reiche und Superreiche. Thematisch liegt eine Auseinandersetzung mit proto- / existenzialistischen Ethiken vor, die an keiner Stelle beim Namen genannt werden, aber dennoch eindeutig erkennbar bleiben.

Der Roman läuft auf eine Art Lehrstück in Sachen Heidegger'scher "Sorge" hinaus, ein Lehrstück, dem der Plot klar untergeordnet ist: Die Biographien des Icherzählers und der zweiten Hauptfigur, eines "Wirtschaftsmathematikers in New York", werden kapitelweise detailliert gegenübergestellt und parallel konstruiert. Diese didaktisch zugespitzten Rückblenden nehmen meist mehr Raum ein als die Häppchen der "eigentlichen" Geschichte im Hier-und-Jetzt, in die sie jeweils eingebettet sind.
Was uns geschildert wird, ist ungefähr dieses: Zwei asoziale Zyniker und Statusmenschen verlassen auf unterschiedliche Weisen ihre gewohnten Bahnen. Der eine zieht sich, nachdem er mit der bloßen Möglichkeit der eigenen Sterblichkeit konfrontiert wird, freiwillig, geordnet und "ohne irgendetwas gelernt zu haben" in den namensgebenden "club" zurück, wo Angehörige der weltweiten Elite die Möglichkeit haben, im Zuge einer letzten Orgie, zugedröhnt von euphorisierenden Drogen und betreut von Prostituierten beiderlei Geschlechts, schließlich aus dem Leben zu scheiden. Der andere beginnt den Roman mit seiner plötzlich-spektakulären Deklassierung und lernt im Verlauf, konfrontiert mit der "Dekadenz" der "club"-Besucher, schließlich "Verantwortung" (für Frau und Kind).

Mit anderen Worten: Die Moral-von-der-Geschicht, zu der wir über den weiten Umweg einer deutlich didaktisch konstruierten Story geführt werden, ist Heideggers "Sorge". Der geneigte Leser wird selbst entscheiden müssen, ob es den didaktischen Aspekt von "club" in seiner Wirkung schmälert oder vielmehr verstärkt, dass sich Soder beharrlich weigert, Roß und Reiter zu nennen. Es ist wohl eine Geschmacksfrage, ob wir uns durch die atheoretische Anschaulichkeit "sanft an das Thema herangeführt" oder "manipuliert" fühlen – schon in der Schule gab es ja beiderlei Unterrichts- bzw. Lerntypen. Dass der Journalist an keiner Stelle Heidegger zitiert (oder zitiert bekommt), der Wirtschaftstyp an keiner Stelle Camus oder Sartre, wird zumindest mir dadurch um einiges unverständlicher, als andere Sorten Bildungsgut in "club" durchwegs, wo sie passend erscheinen, ausgestellt und beim Namen genannt werden - warum dann dieses große Schweigen just zur Crux der Handlung? Die Lesart, dass Soder auf die ethischen Diskurse, die sein Roman aufmacht, "von ganz alleine" gekommen sei, scheint unwahrscheinlich - zu detailliert spiegeln die Erlebnisse und Reflexionen der beiden Protagonisten von "club" die Entwicklungsschritte der deutschen bzw. französischen Schule des Existenzialismus.

Ob Soders Roman als Meditation über die Ethik des Existenzialismus "funktioniert", ist als Frage an die Leser weiterzureichen. Als Spannungsroman mit untypisch nicht-trivialem Thema funktioniert "club" leidlich - und das ist doch auch schon mal was.

Rezension von Stefan Schmitzer
10. Dezember 2015

Originalbeitrag
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