logo kopfgrafik links adresse mitte kopfgrafik rechts
   

FÖRDERGEBER

   Bundeskanzleramt

   Wien Kultur

PARTNER/INNEN

Netzwerk Literaturhaeuser

mitSprache

arte Kulturpartner

Incentives

Bindewerk

kopfgrafik mitte

Ulrike Kotzina: Verschwunden

Ulrike Kotzina: Verschwunden.
Roman.
Innsbruck: Edition Laurin 2015.
336 Seiten; gebunden; Euro 22,90.
ISBN 978-3-902866-30-1.

Autorin 
Leseprobe

Mit Haushälterin, Gärtner, Katze, Hund und Tochter leben Rhea und Jonathan in einer Villa im Grünen. Sophia ist zwanzig, so lange sind Rhea und Jonathan auch verheiratet. Er unterrichtet Mathematik und Physik, sie arbeitet als Oberärztin in einer der bedeutendsten Kliniken der Stadt und ist eine „Koryphae auf dem Gebiet der Krebsfrüherkennung“.
Ihr beruflicher Erfolg steht in engem Zusammenhang mit dem Schicksal ihrer Mutter, die stirbt, als sie drei Monate alt ist. Dieser Verlust hat Rhea geprägt. Seit der Studienzeit kämpft sie dafür, ein Medikament zu finden und ist dadurch ständig mit Menschen konfrontiert, „deren Überlebenschance bei lediglich fünfzehn Prozent liegt“. Das wirkt sich auf ihr Denken und Fühlen aus. „Die Vergänglichkeit des Moments“ lässt Rhea keine Ruhe. Zu gern würde sie ihr privates Glück festhalten und konservieren. Als jemand, dessen Stärke es ist, „durch logisches Denken Verbindungen herzustellen, die schlüssige und nützliche Resultate“ hervorbringen, weiß sie aber, das das nicht geht. Deshalb will sie „nur vorsichtig hinfühlen“ zum Glück, ist doch zu befürchten, dass es, wenn sie hineinfasst, „platzen, springen, (...) ausrinnen, fortlaufen“ könnte, wer weiß wohin. So beschäftigt sie sich sicherheitshalber damit, Familie, Haus und Garten zusammen zu halten. Dabei ist sie übergenau in allem, was sie tut, als Mutter überragend, als Ehefrau liebevoll.
Dahinter verbirgt sich allerdings eine schwierige Psyche, die „massenhaft Kontrollmechanismen, Zwänge, Ängste, Verschiebungen, Blockaden, Komplexe, Sperren“ aufweist. Sie kann und will nicht loslassen, ihr Bedürfnis nach Nähe ist „geradezu penetrant“, was bei den Betroffenen Spuren hinterlässt. So braucht Tochter Sophia auch als Zwanzigjährige noch ihre am Rand des Polsters Wache haltende Puppe, um einschlafen zu können, während ihr Vater Jonathan auf diese „Klebrigkeit“ mit Ablehnung reagiert. Er kann Rheas „Pfirsich-Teint“ und „Nofrotete-Profil“ sowie all ihren anderen Vorzügen, die sie „immer richtig, immer hübsch“ erscheinen lassen, nichts mehr abgewinnen. „Satt von der Ehe, satt von dem Mangel, den sie völlig schuldlos in das System“ hineingebracht hat, würde er sich gerne der unsichtbaren Fesseln entledigen, die ihm jede Bewegungsmöglichkeit rauben.
Sein Ehebefreiungskampf, den Ulrike Kotzina sehr authentisch und mit großer Empathie inszeniert, nimmt durch die Liebe zu seiner Musik und Zeichnen unterrichtenden Kollegin Cleo richtig Fahrt auf. In ihr, die mehr als zehn Jahre jünger und „eine heillos intensive Frau“ mit spektakulären Augen ist, findet Jonathan „die Andersartigkeit (...), die Leidenschaft der Künstlerin“ und sich selbst schließlich gefangen in einer grauenhaften Pattsituation. Es kommt ihm utopisch vor, sich von Rhea zu trennen und mit Cleo zu leben, weil Rhea „zu allem Möglichen fähig“ wäre, würde er sie verlassen. Und doch will er „eine Pause von ihr, vom Alltag, vom Trott, eine Pause vom Schönen, ewig Gleichen“. Weg will auch Sophia, und zwar mit ihrem Freund Artur zum Studium nach London.
Diesem Spannungsfeld auseinanderstrebender Lebensplanungen begegnet die Autorin mit erzählerischer Souveränität. Wie sie die Gefühlswelten ihrer Figuren offen legt, ist großartig. Kotzina beschreibt auf sehr einfühlsame Weise, detailliert und genau, zeitweilig geradezu überschwänglich.

Die Dramatisierung des Geschehens ist schon an den sechs Kapitelüberschriften ablesbar. Der Roman beginnt als „Heitere Tage“ recht beschaulich inmitten gutbürgerlicher Verhältnisse. Doch die Pseudoidylle wird schnell entlarvt. Dementsprechend schlägt das Wetter um: Auf „Eintrübung“ folgt „Nebel“, „Erster Frost“, „Schneetreiben“ und letztlich „Eiszeit“.
Die sich immer mehr zuspitzende Wetterlage geht einher mit der prekärer werdenden Allgemeinsituation. Überall verschwinden Menschen: in der Nachbarschaft, in der Stadt, im ganzen Land. Es herrscht „höchste Alarmstufe“.
Ob diese nur als Hirngespinst im Kopf von Rhea existiert, in welcher der Verlust ihrer Eltern (...) schwere Störungen verursacht“ hat, oder wirklich Realität ist, kümmert Jonathan schlussendlich nicht mehr. Er will bloß zwischen beiden Frauen, zwischen denen er steht „wie zwischen zwei Wegen“, nicht untergehen, was angesichts der Schneemassen, die vom Himmel fallen, gar nicht so leicht scheint. Doch Jonathan bringt sich per Brecheisen auf den richtigen Weg. Leider wird dabei Rheas Kleid „in Stücke gerissen“, was diese „schwierige, labile, verkorkste Frau mit Trennungsangst“ jedoch regelrecht provoziert.
Ungeachtet aller schicksalhaften Tragik und psychischen Irrfahrerei bleibt eines klar: Man darf „ans Verschwinden keine Ansprüche stellen, (...) das Suspekte und Diffuse nicht herausfordern, (...) das Schamlose, Dunkle nicht reizen. Denn wer verschwindet, ist weg und erscheint nie wieder“.
Nichts mehr und nichts weniger vermittelt Ulrike Kotzina in ihrem kammerspielartigen Roman auf eindrucksvolle Weise.

Rezension von Andreas Tiefenbacher
10. Dezember 2015

Originalbeitrag.
Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

Link zur Druckansicht
Veranstaltungen
Super LeseClub mit Diana Köhle & Didi Sommer

Mo, 17.06.2019, 18.30-20.30 Uhr Leseclub für Leser/innen von 15 bis 22 Jahren Wir treffen uns...

Das Erste Wiener Lesetheater präsentiert "Erinnerung an Elfriede Gerstl – Alle Tage Gedichte"

Mo, 17.06.2019, 19.00 Uhr Lesung mit Musik Als jüdisches Kind überlebte Elfriede Gerstl...

Ausstellung
Christine Lavant – "Ich bin wie eine Verdammte die von Engeln weiß"

09.05. bis 25.09.2019 Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit ihrem Werk und die...

"Der erste Satz – Das ganze Buch"
– Sechzig erste Sätze –
Ein Projekt von Margit Schreiner

24.06.2019 bis 28.05.2020 Nach Margret Kreidl konnte die Autorin Margit Schreiner als...

Tipp
OUT NOW - flugschrift Nr. 27 von Marianne Jungmaier

Eine Collage generiert aus Schlaf und flankiert von weiteren auf der Rückseite angeordneten...

Literarischer Sommerbeginn

Die Literaturtage Steyr läuten am Pfingstwochenende den österreichischen Festival-Sommer 2019 ein,...