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Ulrike Kotzina: Verschwunden. Roman


Leseprobe:

Er trat einen weiten Schritt zurück. Grotesk, wie sie redete, beklemmend, wie sie lachte, ihre Stimme sich hochschraubte zur himmelhohen Arie. Er sollte wohl schleunigst das Zimmer verlassen, sich im Wohnzimmer auf die Couch legen oder besser noch zu Cleo fahren, die Nacht mit ihr verbringen, sein restliches Leben. Noch zwei Schritte bis zur Tür, und er wäre gerettet, könnte Rhea hinter sich lassen, dieses Haus, diesen Garten, die Stille, die Verantwortung, die ihn an sie band.
Er griff nach der Klinke, fasste und drückte sie, da fühlte er eine Hand an der Schulter, am Arm, die ihn packte und festhielt mit stählernem Druck.
„Dass Etta so krank ist, gefällt mir nicht, Jonathan.“
„Rhea, es geht doch jetzt nicht um Etta!“
„Aber Etta hat Grippe, seit mehr als vier Tagen. Liegt mit Fieber im Bett, kommt nicht aus dem Zimmer. Ist nicht mehr die Alte, seit …“
Er schüttelte ihre Hand ab, packte ihren Arm. „Das ist doch jetzt vollkommen unerheblich, Rhea. Es geht um uns beide, unsere Ehe, unser Leben!“
Sie starrte ihn an. „Aber Etta kann nicht putzen, wenn sie krank in ihrem Bett liegt. Und Sauberkeit und Ordnung sind wichtiger denn je!“
Er griff sich an die Stirn, rieb energisch die Schläfen. Sollte er gehen, sie im Schlafzimmer zurücklassen?
„Gut, dann fahre ich eben zu Cleo.“
„Chloe?“ Sie lachte.
Er wandte sich ab und drückte die Klinke.
„Leb wohl, Rhea.“ Es klang so förmlich. Ihm war, als stecke er in einem seltsamen Traum, aus dessen Fängen er sich nicht zu befreien vermochte.
„Ich werde einer Trennung nicht zustimmen, Jonathan“, sagte sie plötzlich mit schneidender Stimme. Er drehte sich um, und ihr Gesicht sprang ihn an: fahler, fast grauer Teint, bleiche Lippen und Wangen, Lider, die knittrig wirkten, wie Pergament. War sie wirklich so alt, oder hatte er vergessen, wie sie ohne Make-up und Mascara aussah, obgleich er sie gerade noch schön gefunden hatte?
„Aber ich möchte doch nur …“
„Ich werde einer Trennung nicht zustimmen“, wiederholte sie. Ihre Stimme war scharf, schnitt die Luft wie ein Messer. Sie stand ihm gegenüber wie ein Stein, eine Statue – eine Frau, an der es nichts Weiches mehr gab. War es noch Rhea, die da stand und ihn ansah wie etwas Fremdes, Unzumutbares?
Er öffnete die Tür, weil ihm nichts anderes einfiel, keine Handlung, die im Augenblick helfen hätte können. Er betrat die Galerie, ging schneller, lief fast, fühlte ein bedrängendes Unbehagen aufsteigen, das ein mögliches Verfolgtwerden durch Rhea betraf. Ihm war, als spürte er ihre Hand in seinem Rücken, mahnte sich zur Ruhe, stieg die Treppe hinunter.
Hinter sich hörte er als mehrfachen Nachhall die Worte: „Niemals, niemals. Niemals trennen!“ und konnte sich, noch als er schon unten, auf dem Sofa, lag, nicht entscheiden, ob sie nur in seinem Kopf nachklangen oder ob sie erneut von ihr gerufen worden waren.

(S. 116-117)

© 2015 Edition Laurin, Innsbruck

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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