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Katharina J. Ferner: Wie Anatolij Petrowitsch Moskau den Rücken kehrte und beinahe eine Revolution auslöste.

Roman.
Wien: Verlag Wortreich, 2015.
160 Seiten; Hardcover;
EURO 19,90 (A).
ISBN 978-3-9503991-6-5.

Autorin    

Leseprobe

Politik ohne Polemik, dafür mit Humor

Gut, über den Titel kann man streiten. Dass der bis dahin nicht nur brave, sondern fast schon erschreckend biedere Anatolij Petrowitsch Moskau (sowohl real als auch metaphorisch) den Rücken kehrt, wird bei der Lektüre klar. Warum er (auch nur beinahe) eine Revolution auslösen soll, weniger. Und doch funktioniert der Titel – wie im Übrigen auch die Gestaltung des Buchs – nicht nur als ‚eyecatcher‘, weil der Satz als solcher unkonventionell und schön zugleich ist, viel und zugleich gar nichts verspricht. Er passt dann auch zum Text, weil er funktioniert wie dieser: Weil auch der Text unkonventionell und schön ist, weil auch der Text vieles verspricht und nichts einhält, weil auch der Text keine Antworten gibt, sondern neugierig macht. Wie der Titel neugierig macht auf den Text, macht der Text neugierig auf Russland, auf die Ukraine, auf den Konflikt zwischen den beiden. Wie aber auch der Titel zu groß ist, ist der Versuch einer literarischen und darum nicht einseitigen Kritik an dem Riesenkomplex (welch schön zweideutiges Wort für ein Land, dessen Handlungen und Sehnsüchte an vergangener Größe ausgerichtet sind) Russland ein nicht gelingen könnender. Zu viele Probleme stehen für zu wenige Seiten an, allen voran der Umgang mit Oppositionellen und kritischen SchrifstellerInnen, das homophobe Klima, die Expansionslust Russlands und der Krieg gegen die Ukraine samt der Annexion der Krim etc. Und so wundert es nicht, dass vieles in diesem Buch stecken bleibt, nur angedacht, nicht fertig erzählt wird. Und dass dies zu Verständnisproblemen führt – warum nur gewinnt Anatolij Karten für die Olympischen Spiele? Andererseits ist das vielleicht der adäquate Umgang eines Textes mit einem derart heftig umstrittenen, von Ressentiments und Unversöhnlichkeiten geprägten und zugleich so aktuellen Thema wie der Politik in und um Russland. Denn indem der Text andeutet, Unfertiges stehen lässt, Handlungsstränge nicht auflöst, lässt er Raum für die LeserInnen. Auch wenn diese Rechtfertigung nicht durchgehend gelten kann – wieso beispielsweise die blasierte Mutter von Iwan eingeführt wird bzw. wieso überhaupt von der misslungenen Hochzeit von Iwan und Anatolijs Tochter Elisaweta erzählt wird (ein Satz hätte genügt), bleibt unklar.

Gut, man kann wohl auch den Verlag ein wenig kritisieren. Denn dort und da wirkt der Text schlampig lektoriert, zudem ist die Entscheidung, ein Glossar anzufügen, das recht willkürlich erscheint, nicht nachvollziehbar (Muss wirklich erklärt werden, wer Boris Jelzin oder was eine Datscha ist? Und warum wird Conchita Wurst im Text CW genannt, nur um dann eben als Conchita Wurst erklärt zu werden?). Doch auch hier überwiegt das positive: Denn nicht nur, dass einer jungen Autorin die Chance gegeben wurde, ein Buch zu publizieren, das Kritik an tagespolitischen Themen äußert und dem man zugleich die Zuneigung zu jenem kritisierten Land anmerkt, dieses Buch ist auch mit Liebe gestaltet. Der Verlag will offenbar nicht nur Bücher, sondern schöne Bücher machen.

Gut, könnten Sie nun sagen, wo bleiben in dieser Rezension Aussagen über den Inhalt, den Stil, die Qualität des Textes? Hier: Anatolij Petrowitsch wählt einen mehr als ungünstigen Ort und Zeitpunkt, um das erste Mal seit Ewigkeiten auf Urlaub zu fahren: Die Krim am Beginn des Konflikts zwischen Russland und der Ukraine. Prompt gerät er ins Visier der russischen Ermittler. Aber auch die ukrainische Journalistin Tatjana, die er während seiner Festsetzung durch russische Separatisten kennen lernt, trägt ihren Teil dazu bei, das biedere Leben der Hauptfigur völlig durcheinander zu bringen. Was Katharina Johanna Ferner trotz manch schief gegangenem Bild und manch gekapptem Erzählstrang schafft, ist einen sehr politischen und hochaktuellen Text zu schreiben ohne plakativ zu wirken, ernste Themen zu behandeln und trotzdem humorvoll zu sein (nicht zuletzt auf Grund der doch einigermaßen skurrilen Hauptperson), informativ zu sein ohne ständig zu belehren. Dass die vielerzählte Geschichte des Einflusses der ‚großen Politik‘ auf den ‚kleinen Mann‘ hier dahingehend variiert wird, dass die politischen Katastrophen (auch) privates Glück auslösen, ist zudem ein origineller Zugang, der nicht nur der Autorin ‚lesbar‘ Spaß gemacht hat, sondern auch ein sehr kurzweiliges Lesevergnügen ermöglicht.

Peter Clar
14. Dezember 2015

Originalbeitrag
Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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