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Katharina J. Ferner: Wie Anatolij Petrowitsch Moskau den Rücken kehrte und beinahe eine Revolution auslöste.


Leseprobe:

Im Lift erklang die ukrainische Nationalhymne. Am Ende der letzten Strophe brach sie plötzlich ab. Anatolij Petrowitsch hoffte schon auf ein Zeichen seiner Befreiung, doch nach ein paar Minuten Rauschen setzte die Hymne wieder ein, wenn auch etwas verzerrt. Dann plötzlich eine Durchsage:
»Achtung, Achtung – «... Stille. Erneutes Rauschen.
Anatolij Petrowitsch hämmerte wütend auf die Tasten. Er betätigte wieder den Notrufschalter. »Aufgrund von technischen Problemen ist die Behebung Ihrer Situation derzeit nicht möglich. Benutzen Sie doch währenddessen unsere eigens für Sie eingerichtete Radiostation. Drücken Sie dafür die Tastenkombination...«
Anatolij seufzte. Wäre er doch bloß in seinem gemütlichen Zimmer geblieben oder hätte schlicht und einfach die Treppe genommen. Anatolijs Magen knurrte. Er hätte nichts dagegen, wenn er im Restaurant feststecken würde, dachte er. Das Essen im Hotel war ausgezeichnet und die Preise waren verglichen zu Moskau äußerst moderat.
Anatolij schüttelte ärgerlich den Kopf - Was Elisaweta wohl gerade machte? Jetzt tat es ihm leid, dass er nicht einmal versucht hatte, ihre Karte zu entziffern. Er wusste nicht einmal, wo sich seine Tochter gerade befand. Anatolij Petrowitsch sah sich im Lift um. Er war modern und glatt, eine Metallkabine, wie die meisten Lifte heutzutage. In Anatolijs Moskauer Wohnhaus allerdings gab es noch einen alten Holzlift. Dieser fuhr zwar schon sehr langsam, hatte aber Glasfenster, aus denen man hinausblicken konnte und die sich mit der richtigen Technik sogar öffnen ließen, interessanterweise nur von innen, was im Falle eines Steckenbleibens aber auf jeden Fall von Vorteil war. Das führte dazu, dass man ab und zu, wenn man auf dem Weg nach oben jemanden traf, einfach den Lift anhielt, das Fenster öffnete, und schon konnte man sich problemlos unterhalten. Und wenn der Lift einmal nicht daher kam, wusste man, dass in den oberen Stockwerken wohl wieder jemand tratschte. Blieb der Lift stecken, was allerdings nur ausgesprochen selten vorkam, musste man nur laut rufen, dann kam schon jemand und brachte einem Tee und ein paar Kekse und harrte mit einem aus, bis schließlich Hilfe kam. Anatolij Petrowitsch hatte schreckliche Sehnsucht nach seinem Lift. »Blödes Metallding.« Hoffnungslos drückte er auf die Tasten.
»Achtung, Achtung – dies ist eine friedliche Übernahme.« Anatolij hörte verschiedene Stimmen, die aufgeregt aufeinander einredeten.
»Hallo?« rief er.
Doch es war wohl wieder nur das Radio. Es knackste und rauschte. Aus den Lautsprechern ertönte die russische Nationalhymne. Anatolij Petrowitsch begann leise mitzusummen. Er hatte die Hoffnung auf seine Befreiung nun ganz aufgegeben, man hatte wohl Wichtigeres zu tun.

(S. 34-36)

© 2015 Verlag Wortreich, Wien.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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