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Ilir Ferra: Minus.

Roman.
Wien, Hollitzer Verlag, 2015.
440 S.; Taschenbuch; Euro 9,90.
ISBN 978-3-99012-228-0.
(
Erstauflage: Wien, Edition Atelier, 2014)

Autor

Leseprobe

Die Mathematik des Wettspiels

„Anscheinend brauchen Leute wie wir irgendetwas, an dem sie sich festhalten…“, stellt der Erzähler von Ilir Ferras zweitem Roman „Minus“ fest. So hält sich er, der Erzähler, am Schreiben fest, während die meisten anderen Protagonisten des Romans sich „an die Spiele oder ans Kiffen“ klammern.
Der Ich-Erzähler, ein junger Albaner, der Schriftsteller werden will, arbeitet in einem Wiener Wettlokal der fiktiven Kette „BetOn“ als „Einschreiber“. Die beste Voraussetzung, um genau zu beobachten und zu beschreiben, was sich hinter den dunklen Scheiben der verrauchten Wettcafés abspielt. „Ich spürte, dass hier irgendwo jene Geschichte schlummerte, die ich schon immer schreiben wollte“, verrät der Erzähler. Und die biografische Verwandtschaft mit dem Autor ist unverkennbar, arbeitete der 1974 in Albanien geborene Ferra doch eineinhalb Jahre selbst in einem Wettbüro.
Im „BetOn“ wird auf alles gewettet: auf Fußball, auf Tennis, auf Hunde- und Pferderennen. Der Einsatz ist überschaubar auf einen Hunderter beschränkt, doch der Verlust kann ins Unermessliche steigen. „Das Geld glich einer keifenden Bestie, die aber angekettet war.“

Die Lust des Beobachtens

Ferra schreibt hier keinen Aufdeckerroman, er übt keine Kritik am System „Wettbüro“. Er lässt sich von der Lust des Beobachtens treiben und beschreibt ein „Universum, das von dem Rest der Welt weitgehend losgelöst ist“. Er erzählt von jener „materialisierte[n] Hoffnung“, die sich innerhalb von Sekunden in Luft auflösen kann. Er zeigt Schicksale von Menschen, die tagtäglich in Wettcafés, in einer Welt flimmernder Bildschirme und blinkender „Slot Machines“ sitzen und ihr ganzes Geld verspielen, während sie auf den großen Gewinn hoffen. Mit filmischer Dichte eröffnet uns Ferra eine Welt, in der man daran gewöhnt war „ausgenommen und betrogen zu werden“. Eine Welt, die jedes Las-Vegas-Glamours entbehrt. Hier gibt es immer ein Limit, wenn man gewinnt, aber nie eines, wenn man verliert.
Ferra beobachtet genau und beschreibt detailreich die Atmosphäre und die Menschen dieser hoffnungsvoll-tragischen Welt: „Der Zauber des Spiels verwandelte sich in einen Makel, der als körperlich empfunden wurde. Was als Spaß begonnen hatte, endete als Qual. Plus wurde Minus, die Illusionen zerstört. Die Beschaffenheit des Thermopapiers lud dazu ein, das Ticket zu zerknüllen. Die feierliche Entsorgung des Zettels war die einzige Entschädigung. Das Herz, als Zuflucht, blieb verschont. Dort sammelten sich zerbröckelte Hoffnungsreste und begannen sich neu zu formieren […].“
Dabei vermischen sich zunehmend die beiden Seiten dieser Unterwelt aus Drogenhändlern, Kleinkriminellen, Ex-Profifußballern und anderen ebenso sonderbaren wie traurigen Gestalten, die tagtäglich auf ihr Glück hoffen. „Emir, zum Beispiel, war Spieler und Einschreiber in einem. Das war für alle Beteiligten äußerst verwirrend. Denn jeder Einschreiber musste Abstand zu den Geschehnissen im Lokal halten, durfte sich auf keinen Fall darauf einlassen. Letztendlich ging es bei diesem Job vor allem darum, Spieler nicht als Menschen zu betrachten. Sie waren Bauarbeiter, Dealer, Pfuscher, Betrüger, Schmuggler und Gauner, die sich in Schattenwirtschaften verstrickten, um alles, was sie dadurch kriegten, an die Automaten zu verfüttern, als gäbe es in ihnen ein unstillbares Bedürfnis, zu zerstören und zu vernichten, was sie besaßen.“

Die Welt der Leere

Der Leser taucht in „Minus“ in eine Art Soziodrama, das ohne großartige Handlung, ohne viel Mitgefühl, dafür aber mit reichlich poetischen (Alltags-)Beschreibungen auskommt. Langsam mäandert der Roman seinem „Höhepunkt“ zu, einem nächtlichen Überfall, der das Arbeiten hinter der Theke mit Angst erfüllt und unerträglich macht. Dabei wird allerdings nie genau geklärt, ob der zwielichtige Einschreiber-Kollege Babel nicht vielleicht doch selbst darin verstrickt war. „Man funktionierte und musste über das, was man tat, nicht einmal nachdenken. Und vergessen konnte man auch nichts, denn das ließen die Gäste nie zu. Auf geistiger Ebene verhielt sich die Sache jedoch ganz anders. Man musste total leer sein.“
Im Wettbüro – und so auch im Roman – scheint die Zeit still zu stehen. Tag für Tag wiederholen sich die ewig gleichen Tragödien. Man schlittert langsam hinein und erliegt immer wieder der Faszination dieser tristen Welt, ohne eine emotionale Bindung zu auch nur einem der Protagonisten aufzubauen. „Das waren alles sonderbare Gestalten. Aber je mehr Zeit du mit ihnen verbrachtest, umso normaler erschienen sie dir. Irgendwann merktest du, dass es nicht anders sein konnte, weil du derjenige warst, der ihnen mit jeder Sekunde ähnlicher wurde.“
„Minus“ ist eine spannende Milieustudie voller kaputter Charaktere und bietet einen nüchternen Einblick in eine hoffnungslos verlorene Welt, in der man sich leicht verlieren kann.

Edit Rainsborough
15. Dezember 2015

Originalbeitrag
Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

 

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