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Ilir Ferra: Minus


Leseprobe:

„Ich habe es doch gewusst, das Sieben-Drei kommt.“
„Warum hast du nicht gespielt?“
„Weil ich kein Geld habe.“
„Wenn man nicht spielt, kommt es immer.“
„Ich habe dir doch gesagt, spiel Sieben-Eins, aber du hast nicht auf mich gehört.“
„Das ist wie bei den Automaten. Solange niemand spielt, kommt immer volles Bild.“
Eine Art Nebel stieg auf. Die Stimmen und Bewegungen wurden zu dumpfen Geräuschen und Rauch. Die Konturen lösten sich auf. Das einfache Leben verdunkelte sich. Es verlor seine Genauigkeit. Es verlor seine Bedeutung. Es war am Ziel angelangt. Die leuchtenden Buchstaben mit dem Firmenwappen über dem Bogen er Eingangstür könnten als die sinngemäße Übersetzung der Worte, die über Dantes Eingang in die Unterwelt standen, gelesen werden: „… per me si va tra la perduta gente“. Mit solchen Gedanken beschäftigt, zog ich die Schublade, in welcher sich die Kasse befand, heraus und blickte auf das Geld: Fünf- und Zehneuroscheine, eingeklemmt zwischen der Münzenbox und einer Trennung aus einer kleinen Spanplatte, hinter welcher meine Habseligkeiten – Geldbörse, Handy, Wohnungsschlüssel – und ein Alarmmelder lagen. Ich streifte mit der Hand über das Geld und versuchte einzuschätzen, wie viel es war.
Ich war nun ein Einschreiber. Georg bestand auf diese Bezeichnung, weil sie sich auf die Tatsache bezog, dass Einschreiber vor einigen Jahren die Aufzeichnungen der Buchmacher noch auf Blöcken mit Durchschlagpapier eingetragen hatten. Die Computer hätten lediglich die Blöcke und das Blaupapier ersetzt, das Wesentliche sei jedoch unverändert geblieben, meinte er. Für ihn waren wir also das Wesentliche.
„In den Schulungsunterlagen heißt es Buchmachergehilfe“, entgegnete ich.
„Die haben keine Ahnung“, beharrte Georg, „wir sind Einschreiber!“
In dieser Funktion nahm ich von den Kunden codes aus Zahlen und Buchstaben entgegen. Es gab keine Frauen, nur Männer, die schweigsam auf die Kassa zuschritten, sich aufbäumten, in ihren Taschen nach Geld und Zetteln kramten, die sie zuvor auf den grünen Tischen unseres Lokals ausgefüllt hatten. Ihre Notizen enthielten Fetzen der Zukunft, die in der Gegenwart verstreut waren. Jeder hoffte, dass seine Ahnungen ihn nicht täuschten. Jeder vertraute das Geld für den Einsatz seinem bröckeligen Wissen über Sport an. Aber nicht ohne ein scheues Zögern, das bei niedrigen Einsätzen größer war. Einer nach dem anderen gingen sie mit der Zukunft ihre Vereinbarungen ein. Ich, Buchmachergehilfe hin, Einschreiber her, war in Wirklichkeit ein Medium.


© 2015 Hollitzer Verlag, Wien.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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