Irmgard Fuchs: Wir zerschneiden die Schwerkraft.

Erzählungen.
Wien: Kremayr & Scheriau, 2015.
208 Seiten; gebunden; Euro 19,90.
ISBN: 978-3-218-00990-4.

Autorin

Leseprobe

Flucht ist die beste Verteidigung

Die Protagonisten in Irmgard Fuchs' Wir zerschneiden die Schwerkraft stecken fest. Ob in der Liebe, im Beruf oder in Fantasiewelten. Sie wollen fliehen. Weglaufen vor der Realität, dem eigenen Leben, und manchmal auch nur dem Zahnschmerz – anders gesagt: dem Alltag. Fuchs präsentiert neun Fluchtversuche. Dabei erstreckt sich das Spektrum skuriller Figuren von Klem, dem Kugelschreiber-Zusammenschrauber, der Briefe ans All verfasst, bis zu einer Kartenabreißerin im Theater, die ihr eigenes privates Drama hinter sich hat. Doch der Erzählband hält noch weitere traurige Gestalten bereit. So etwa P. Gruber, Uni-Absolvent, hochqualifiziert, motiviert und flexibel. Derzeit auf Jobsuche. Dessen Bewerbungsschreiben erweisen sich jedoch vielmehr als Aufzeichnungen seines Verfalls denn als Selbstwerbung. Doch dazu später mehr. Für den Moment lässt sich festhalten: Gruber hat den Boden unter den Füßen verloren. Doch er ist damit nicht allein.

Der Wegfall der Bodenhaftung – sowohl der physischen als auch der psychischen – ist die Klammer, die die einzelnen Geschichten inhaltlich zusammenhält. Formal erledigt das die Ich-Perspektive. So ist man nicht nur dabei, wenn die Ich-Erzählerin in Einhundertsechzehn Abbildungen meiner selbst, interstellar über die goldenen Datenplatten der Voyager 1 und 2 aus dem Jahre 1977 philosophiert, sondern auch wenn sie Erste-Hilfe-Maßnahmen für die akute Lebenskrise preisgibt: „Ich sammle Beweise für meine Existenz: Meine Geburtsurkunde, meinen Staatsbürgerschaftsnachweis, meinen Meldezettel. Die Sozialversucherungsnummer auf der Plastikkarte. Meinen Vornamen, eingraviert in die erste Füllfeder […].“ (95) Durch die konsequente Ich-Perspektivierung gelingt es einem als Leser sich auch in die absurdesten Begebenheiten hineinzuversetzen. So etwa wenn ein alter Mann in der Erzählung Das Verweilen unter der schwebenden Last ist verboten in einen Koffer steigt und sich auf den Weg ins All macht: „Im Koffer ist die Luft für zwei Leben noch dünner als sonst. Ich mache die Augen zu, um Sauerstoff zu sparen. Mir schwindelt, während wir mit dem Koffer vom Boden abheben, durch die Decke, in den Nachthimmel aufsteigen.“ (174) Oder wenn die Ich-Erzählerin in Wolf im Streiflicht ihren Traum vom bösen Wolf schildert und dabei rätselt, wie sie samt Großmutter aus dem Bauch des Bösewichts entfliehen soll: „Von der Großmutter auf einen bequem geformten Haarballen drapiert ging ich hektisch alle möglichen Szenarien eines Ausbruchs durch: Könnte ich die Bauchdecke des Wolfs mit alle Kraft durchbrechen oder durch Kitzeln der Schleimhäute einen Brechreiz hervorrufen?“ (79)

Fluchtversuche ziehen sich als roter Faden durch alle Geschichten. Diese präsentiert die Sprachkünstlerin – die 1984 in Salzburg geborene Irmgard Fuchs studierte neben Theater-, Film- und Medienwissenschaft auch Sprachkunst an der Universität für angewandte Kunst in Wien – in neun unterschiedlichen formalen Gewändern. In der Erzählung Burnout für Quereinsteiger versucht der Ich-Erzähler Richard seinem trostlosen Leben mittels Meditationskurs zu entfliehen. Seine innere Unruhe ist auch im Textaufbau ersichtlich: „und ich atme immer noch/ein und aus/aus und/aus/ruhig atmen, das kann ich. bloß der kopf hält nicht still,/lässt sich nicht abstellen/vielleicht zähle ich noch einmal die tassen, die ich zwi-/schen den büchern gefunden habe, womöglich beruhigt/mich das“. (155) Dagegen zeigt sich Wohin mit der Spucke? als konventionelle Reiseerzählung, in der Fuchs selbst das Übergeben poetisch verdichtet darstellt: „Bis dahin drücke ich die Papiertasche an mich, die bis oben hin mit Fast Food gefüllt ist. Wärme dringt unaufhörlich aus ihr, durch das Papier und den dünnen Stoff hindurch, und von dort sickert ein neues Gefühl in meinen Körper hinein, wo eine Hitze wie Lava aufzusteigen beginnt. Aus meiner Magengrube quillt sie die Speiseröhre hinauf, in meinen Mund und zuletzt über die Lippen.“ (137)

Die letzte Erzählung Übergangsinseln ist sowohl inhaltlich als auch formal der stärkste Text. Er erzählt die Geschichte von P. Gruber, einem 29-jährigen Akademiker, der an der Stellensuche verzweifelt. Während das erste Anschreiben noch einen begeisterten Bewerber präsentiert: „Die ausgeschrieben Position stellt für mich auch längerfristig einen idealen Arbeitsplatz dar und ich habe sehr große Lust, mit viel Elan für Sie tätig zu sein.“ (180), zeichnet das letzte Schreiben das Bild eines desillusionierten Menschen: „Darum vernichten Sie bitte meine Bewerbungsunterlagen, die ich wider jede Vernunft und Selbstachtung an Sie gesandt habe. Je öfter Sie sie zerreißen, desto besser.“ (200) Die Briefserie besteht ausschließlich aus Bewerbungsschreiben und wirft einen kritischen Blick auf die Selbstoptimierung eines jungen Menschen. Schließlich hofft auch er, die Bürde der „vielen unerfüllbaren Erwartungen vor allem, die durch Eltern, Umfeld, Medien und durch einen selbst auf einem lasten“ (199), nicht mehr tragen zu müssen. Auch er wagt die Flucht. Die Flucht aus der Einöde des Alltags: „Jeden Tag fällt es mir schwerer zu akzeptieren, dass diese Realität, so wie sie ist, mir angewachsen scheint und also unabänderlich mein Leben zu sein hat, und so will ich mit aller Kraft an der kleinen Chance festhalten, dass es doch noch möglich ist, dass alles ganz anders sein könnte.“ (200)

Irmgard Fuchs zeichnet in ihrem Prosa-Debüt das Bild von ziellosen Menschen. Sie haben, wie der Klappentext bemerkt, „ihre Schwerkraft verloren“, doch die versprochene „Freiheit, die es ihnen erlaubt, anders zu sein“, sucht man vergeblich. Vielmehr suchen die Figuren ihren fixen Platz im Universum: „Alles zerfällt. Alle sagen es. Nur ich sage, dass wir davon ausgeschlossen sind. Wir werden uns aneinander festhalten. Es bleibt keine Wahl. Du und ich. Gegen die abnehmende Schwerkraft, gegen das auseinanderdrängende Licht. Gegen die Welt.“ (122-123) Fuchs zeigt sich als großartige Erzählerin, die die Fluchtversuche mit Wortwitz garniert. Hoffentlich nimmt sie sich kein Vorbild an ihren Figuren, sondern erfreut das Publikum möglichst bald mit neuem Lesestoff.

Erkan Osmanovic
15. Dezember 2015

Originalbeitrag
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