logo kopfgrafik links adresse mitte kopfgrafik rechts
   

FÖRDERGEBER

   Bundeskanzleramt

   Wien Kultur

PARTNER/INNEN

   Netzwerk Literaturhaeuser

   arte Kulturpartner
   Incentives

   Bindewerk

kopfgrafik mitte

Annika Tetzner: Die rote Masche.

Ein Shoahbuch für Kinder & Erwachsene.
Wien: Edition Splitter 2015.
112 Seiten, zahlreiche Farbzeichnungen, Euro 15,-.
ISBN 978-3-901190-39-1.

Leseprobe

Autorin

Annika Tetzner, geboren in Prag, Überlebende des Ghettos Theresienstadt und der Konzentrationslager Birkenau und Mauthausen, ist mit diesem All-Age-Titel ein berührendes Werk gelungen. Sie beschreibt aus der Sicht eines kleinen Mädchens das Leben im Ghetto zur Zeit des Holocaust. Im Vorwort weist Elisabeth von Samsonow, Professorin an der Akademie der Bildenden Künste, auf die besondere Perspektive eines Kindes auf politische Geschehnisse hin. Anders als die Erwachsenen konzentrieren sich Kinder auf die nächsten Verwandten oder auf Situationen, mit denen sie direkt konfrontiert sind. Im vorliegenden Buch ist die kleine Protagonistin nur körperlich ein Kind, ihr hellwacher Verstand erahnt mehr von der schrecklichen Wahrheit als die meisten Erwachsenen glauben. Elisabeth von Samsonow hebt hervor, dass historische Ereignisse niemals eine Masse an Menschen betreffen, sondern immer Einzelpersonen mit eigenen Perspektiven, Lebensgewohnheiten und Ansichten. Sie sieht dieses Buch als Parabel über den homo politicus und bezeichnet es als „wunderbares Beispiel für eine ‚Mikrohistorie‘“ (S.15)

Das Buch ist in drei Abschnitte gegliedert, in „Die rote Masche“, „Herr Maximos und ich“ und „Die drei Drachenkämpfer“. Die erste Geschichte beginnt mit einer Widmung der Verfasserin an alle Tanten, die ihr eine Kindheit gegeben haben. Sie beschreibt danach das Leben im Ghetto Theresienstadt aus der Ich-Perspektive in kurzen und klaren Sätzen. Das Wort „Krieg“ versteht das Mädchen zwar nicht, sehr wohl aber die Angst in der Stimme der Erwachsenen, wenn sie das Wort aussprechen. Das ständige Umarmen der Familienmitglieder zieht sich durch die gesamte Geschichte, es ist ihr Widerstand gegen das Militärische, das Gegeneinander, das Distanzierende. Das immer hungrige Mädchen erhält von den Tanten immer wieder das letzte „Bröckerl“ Brot. Außer zu den Tanten, mit denen das Kind zusammenlebt, hat es auch ein inniges Verhältnis zum großen Bruder, der Schutz und Zuflucht bedeutet. Zugleich aber fühlt es sich mit ihm zusammen älter als die eigenen Tanten und Eltern und hat das Gefühl, auf diese aufpassen zu müssen. Kinder sind ein wenig besser geschützt als die Erwachsenen, das weiß das Mädchen, denn „die bösen Nazis schaun immer gradaus und niemals hinunter.“ (S.30). Die Familie feiert heimlich Seder und das Mädchen erhält als Geschenk einen kleinen Hampelmann, den ihr Bruder "Herr Maximus" getauft hat. Er wird ständiger Begleiter und Vertrauter des Mädchens. Dass Herr Maximus einen Fuß verloren hat, wird eher beiläufig erzählt. Interessant ist, dass das schöne Spielzeug plötzlich nicht mehr heil und perfekt ist, sondern einen Makel hat, genau wie die Jüdinnen und Juden im Ghetto durch den Rassenwahn der Nationalsozialisten plötzlich makelbehaftet sind. Das empathische Mädchen ist sich sehr wohl bewusst, dass es noch Glück hat bei ihren Verwandten wohnen zu dürfen und nicht in einem Heim zusammen mit anderen Kindern. Im zweiten Abschnitt des Buches wird Herr Maximus lebendig, beginnt zu sprechen und vertraut dem erstaunten Mädchen an, dass er in Wahrheit ein Zauberer ist. Er muss dem Mädchen, das in seinem Leben nur ein einziges Mal Zucker probiert hat, erklären was Honig ist, während es sich die ganze Zeit nach einer grünen Wiese zum Spielen sehnt. Die größte Angst der Familie ist, in den Osten geschickt zu werden, worunter sich das Mädchen nicht viel vorstellen kann. Essen ist das Hauptthema in diesem Buch. Gegen den Hunger lutscht das Kind sogar Kieselsteine oder braucht Herrn Maximus, der ihm einen Teller heißes Wasser, weil es sonst nichts gibt, in eine sättigende Kartoffelsuppe verwandelt. Im dritten Teil steht der große Bruder bzw. sein Zimmerkamerad Janos im Mittelpunkt. Die Mütter und Tanten müssen in der Chewra Kadisha arbeiten und tragen dem Mädchen auf, jeden Tag zu Mittag einen Eimer voll Suppe zu bringen. Doch das Mädchen hat große Angst, da es dafür durch einen dunklen Tunnel muss und überzeugt ist, dass dort ein Drache wohnt. Schließlich geht Janos mit und fängt wirklich einen Drachen. Allerdings ist dieser sehr klein und nennt sich der Drache aus dem Osten. Eines Tages ist der Drache verschwunden, es heißt, dass er zu seiner Familie in den Osten gefahren ist. Schließlich wird auch die Familie des Mädchens auf den gefürchteten Transport geschickt. Die Geschichte endet mit der Beschreibung des überfüllten und kalten Waggons.

Der Text ist teilweise im österreichischen Dialekt geschrieben, es kommen Wörter wie Pupperl, Maxerl oder Bröckerl vor. Interessant sind auch die Zeichnungen. Während zu Beginn die Erwachsenen mit traurigen Gesichtern, aber mit bunter Kleidung dargestellt werden, sind ihre Gesichter im letzten Bild, das das Innere des Waggons zeigt, nur noch angedeutet und die Figuren in Grautönen gehalten, während die Kinder weiterhin bunt gezeichnet sind, wenn auch mit ernsten Gesichtern.
Dieses Buch ist meiner Meinung nach eher ein historisches Zeitdokument als ein Kinderbuch. Selbstlesenden Kindern bleiben sicherlich zahlreiche Fragen, da bedarf es vieler Ergänzungen und Erklärungen. Erwachsenen, an die das Buch ja ebenfalls gerichtet ist, enthüllt sich in diesem Text eine aufschlussreiche Perspektive auf das Leben im Ghetto. Nicht der Blick zurück eines erwachsenen Menschen, sondern der Blick eines betroffenen Kindes, das in seinen Ängsten und Unsicherheiten gefangen ist, führt uns das Ausmaß des Holocausts vor Augen. Das Mädchen wird nie beim Namen genannt, heißt im Buch nur „Pupperl“ oder „die Kleine“, damit steht es stellvertretend für alle Kinder. Die diese Situation durchlebten oder als verfolgte Flüchtlinge heute noch durchleben.
Das Glossar am Ende des Buches erleichtert das verstehen. Das Gedicht „Ein kleines Mädchen, das dem Sterben trotzt, steckt in mir“, greift noch einmal, diesmal aus der Sicht der Erwachsenen, das Schicksal zahlreicher jüdischer Kinder auf.

Susanne Blumesberger
16. Dezember 2015

Originalbeitrag

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Suche in den Webseiten  
Link zur Druckansicht
Veranstaltungen
Displaced. Die Figur des (R)Emigranten im Film nach 1945.

Di, 17.10.2017, 19.00 Uhr Montage in Bild und Ton Dass die Heimat Fremde geworden ist, hat...

Doing Gender in Exile. Flüchtlings- und Exilforschung im Dialog

Mi, 18.10.2017, 19.00 Uhr Diskussion Die Eröffnungsveranstaltung der Jahrestagung der...

Ausstellung
Sabine Groschup – AUGEN SPRECHEN TRÄNEN REDEN* 101 Taschentücher der Tränen und ausgewählte Installationen *F. M. gewidmet

Mit AUGEN SPRECHEN TRÄNEN REDEN präsentiert das Literaturhaus Wien textspezifische Arbeiten sowie...

Tipp
flugschrift Nr. 19 von KIKKI KOLNIKOFF aka MIROSLAVA SVOLIKOVA

Beim Auffalten der flugschrift Nr. 19 wird man umgehend konfrontiert mit einem ständigen...

Incentives – Austrian Literature in Translation

Neue Beiträge zu Clemens Berger, Sabine Gruber, Peter Henisch, Reinhard Kaiser-Mühlecker, Barbi...