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Petra Ganglbauer, Erika Kronabitter (Hg.): Aus Sprache

Anthologie.
St. Wolfgang: edition art science, 2015.
ISBN 978-3-902864-14-7.

Zehn Autorinnen umkreisen die Sprache in fünf Dialogen. Im Vorwort weisen die Herausgeberinnen Petra Ganglbauer und Erika Kronabitter auf den Unterschied – nach der Theorie des Sprachwissenschaftlers Ferdinand de Saussure – von Sprache (langue) und Sprache (parole) hin: hier „die Gesamtheit der im Geiste der Menschen gespeicherten Wortbilder“, dort „die konkrete Sprechhandlung (...) bei der nicht zuletzt der Ton die Musik macht“ (S. 8). Aber wie nun kommt die Sprache auf’s Papier? Hierzu gibt es viele gedankliche Ansätze, denn schließlich geht es in den Dialogen ja nicht um das Sprechen, sondern um das Aufschreiben – immer im Hinblick natürlich auf die Veröffentlichung, also mit dem Wunsch, dass das Gesagte / Geschriebene nicht nur das einzelne Gegenüber, sondern auch viele Leser_innen interessieren möge. Welche Strategie bei den Paarbildungen verfolgt wurde, wird nicht offenbart, weder ob sich die Autorinnen ihre Dialogpartnerin wünschen konnten, noch ob die Paare mit Absicht mit jeweils einer älteren und einer jüngeren Autorin besetzt wurden. Gerade diese Gegenüberstellung oder das Zusammenspiel quasi der Mutter- und der Tochtergeneration bringt aber einige interessante Aspekte ein – zum Beispiel den, dass in jedem Fall die Ältere „das Gespräch“ beginnt.

Patricia Brooks und Judith Nika Pfeifer eröffnen mit „on a bling bling trip“ den Reigen. Brooks gibt den Ton an, den Pfeifer sofort aufnimmt. Unter den Kürzeln PB und c_osm0_ werfen sich die beiden in flottem Tempo Kurztexte zu, die darauf tippen lassen, dass sich dieser Dialog im Internet abgespielt haben mag. Spielerisch, leichthändig, experimentierend, fröhlich, humorvoll tasten sie die Sprache mit- und untereinander ab, werfen sich Worte wie Bälle zu, die die andere auffängt und zurückwirft, sich dabei dreht oder in die Hände klatscht, phantasievoll an den Wortkaskaskaden werkend. c_osm0_: „alles beginnt mit dem ersten schritt, alles beginnt mit dem atmen, alles beginnt mit a, alles beginnt mit der sehnsucht...“ PB: „Zeremonie auf einem fremden Gebiet. Und wie viel Knoten hat der Wind? Wanderer auf Luftstraßen mit Taschen voller Tricks. Bitte entschuldigen Sie die Kinder, wir fliegen über die Alpen.“ (S.15) Es geht viel ums Fliegen in diesem Dialog, um Inseln und Urlaube, um fremde, ferne und nahe Länder, aber im Prinzip geht es nicht um Reiseziele, sondern darum, wohin die Sprache führt, wenn man sie niederschreibt, welche Bilder in den Kopf gezaubert werden und welche Macht die Stimmung hat, die die beiden Autorinnen so reizvoll suggieren. PB: „So happy to have you by my side, Schwester, on that bling, bling trip...“(S. 34).

Noch einen Schritt weiter gehen Petra Ganglbauer und Sophie Reyer, unter dem Titel „Selbst-so“ wird Sprache frei assoziierend verhandelt. Die beiden Autorinnen machen als einzige in dem Band ihre jeweilige Autorenschaft nicht erkennbar – wenn sie sich doch auch mit kleinen Zitaten (zum Beispiel Ganglbauer: „mein Pflanzengesicht“) outen. Wie in Strophen sind die Textblöcke angeordnet: „Fütter den Stein./Sprich mit deiner Hand./Schlaf mit dem Meer./Iss die Morgensonne auf./Wer muss kauen lernen./Wer muss gehen lernen./Wer braucht eine Sprache.“ Die Antwort darauf lautet: „Schwellen!/(Und wohin nach dem Verlassen/Des Falkenhorsts etwa, dem Taubengurren,/Dem Windstoß, wohin dann?)/Smile. Luftblase./Zärtlich streicht Sprache die Dinge:/Laszive Idee/Unter der Oberfläche der Landschaft,/GeRaume Zeit!“ (S. 47f) Es ist ein Text, dessen Strophen schließlich in gegenseitige Zurufe zerfallen, der zum Nachdenken anregt und intensiv um das Thema Sprache kreist: Woher kommt sie, diese Sprache? Was bedeutet sie uns? Was macht sie mit uns? Welche „gespeicherten Wortbilder“ (nach Saussure) finden wir in uns, wie lösen wir sie aus ihren Zusammenhängen in der Tiefe des Unbewussten und an der Oberfläche des Bewussten? Die beiden Autorinnen feuern einander an, immer neue, immer ungewohntere Bilder zu schaffen, die mit allen Konventionen brechen, und reüssieren im gleichgestellten Miteinander.

Karin Ivancsics und Katharina Tiwald verfolgen eine andere Strategie, und zwar in Prosa. Beide - aus dem Burgenland stammend - widmen sich unter dem Titel „Drüben“ dem Thema Grenze. Teile des Textes sind aus dem jüngst erschienenen Buch von Karin Ivancsics „Aus einem Strich die Landschaft“ bekannt. In kursiv geschriebenen Sätzen mischt sich eine zweite Stimme mit eigenen Erinnerungen in den Text ein. Katharina Tiwald erzählt aus einem anderen Blickwinkel, der schräger auf die Geschichte fällt, da sie doch um einige Jahre jünger ist, noch ein Kind war, als der Eiserne Vorhang fiel, und lenkt das Bewusstsein stärker in Richtung Sprache: „Auf der palästinensischen Mauer; in Ramallah, konnte man bis vor kurzem über Online-Bestellung eine Nachricht platzieren lassen (...). Eine Wandzeitung der Gefühle, ein Strauß von Worten. Eine Nachlese des Aufstands, den die Sprache immer wieder versucht.“ (S. 70) Karin Ivancsics’ Text hält fest an der „Grenze“, die reale politische Grenzziehung, die sie zu Borderline, zu verbalen Schamgrenzen und zur gegenseitigen Ab- und Ausgrenzung weiterführt: „Menschen prallen an Mauern, die andere zum Schutz gegen sie und gegen ihre Ängste errichtet haben, und jeder einzelne ist tagtäglich dazu angehalten Grenzen für sich selbst zu setzen...“ (S. 84) Ähnlich wie das Paar Ganglbauer-Reyer arbeiten die beiden Autorinnen an „einem“ Text, der aus zwei Stimmen gewoben wird, alle Bilder zur Idee auslotend und in Sprache umgesetzt.

„Es zappelt am Rande der Sprache“ bringt uns wieder näher an die Sprache, das Schreiben und die Selbstwahrnehmung. „ilse erinnert sich nicht, wie es war, lesen zu lernen, wie sich kombinationen aus verschiedenartigen strichen zu worten zusammenfügten...“ (S. 93) hebt Ilse Kilic an und fordert ihre Partnerin Melamar heraus. „mel hingegen sieht sich noch, als mädchen, und während sie dies schreibt, bemerkt sie, dass sie sich genau genommen nicht sieht, was eine außenperspektive nahelegte, sondern sie erlebt vielmehr die welt wieder durch die augen der fünfjährigen...“ (S. 93). Wir ahnen, dass die beiden Autorinnen gewillt sind, sehr nahe am Thema dran zu bleiben, was sie im Folgenden auch tun. Es entspinnt sich ein sehr aufmerksamer Dialog in voneinander abgesetzten Textsequenzen über das Schreibenlernen, über die frühe Freude am Schreiben, über Schule und Lehrerinnen, Großmütter, Förderer und Verhinderer. In diesem abwechselnden Erinnern mit Stichwortübergabe und zunehmenden Erzählstimmen - je weiter die Reise in die (Sprach-)Welt hinausgeht - wird die innere Verbindung zwischen ilse und mel immer stärker, immer größer die Freude über die magische Reise des gemeinsamen Schreibens. Es ist die Kombination einer ebenso träumerischen wie lebhaften Textarbeit, die die beiden mitunter in verschiedene Richtungen treibt, dann aber immer wieder zurück zum gemeinsamen Unternehmen ruft bis zum zu früh empfundenen Ende, das kurzerhand und impulsiv (durch)gestrichen wird.

Den Abschluss bilden Erika Kronabitter und Marianne Jungmaier mit einem Brief(?)wechsel unter dem Titel „Vom Leben denken“, der so beginnt: „Liebe Marianne, ich schreibe Dir aus einer Pause heraus. Nicht aus einer Arbeitspause – die Arbeit fällt durch die Fenster, kippt durch Schlüssellöcher. Paart sich in Schubladen. Zeugt Nachwuchs auf allen Tischen.“ (S. 117) – womit mir Erika Kronabitter, nur nebenbei gesagt, aus dem Herzen spricht. In ihren kurzen Briefen – die der heutigen Zeit angemessen wahrscheinlich Emails sind, aber die traditionelle Form des Briefes mit Anrede und Datumsangabe haben - denkt auch sie über das Schreiben nach, das Schreiben, das ihr Leben ist. Die Antwort der jüngeren Marianne Jungmaier lautet: „Liebe Erika, die Pause, aus der ich komme, ist eine Lebenspause, eine große Inspiration, in spirit bin ich längst unterwegs, seit vielen Sommern unterwegs.“ (S. 119) Aus ihr spricht die Freiheit des Nicht-festgelegt-seins und die Lust am Neuen, an der Entdeckung. Damit vertreten die Autorinnen von Anbeginn verschiedene Standpunkte, von denen sie auch später nicht abweichen: die eine im Nachdenken über ihr sesshaftes, die andere über ihr unstetes Schreibleben, die eine in der Wahrnehmung einer problematischen Gesellschaft und Welt, die andere im Glauben an das Schöne und Gute, unter den Eindrücken zum Teil exotischer Reisen. Hier gehen nicht zwei Autorinnen in Symbiose auf, es ist mehr ein Darstellen der Positionen, eine Diskussion (auch) zwischen Generationen: die eine gefestigt, die andere im Aufbruch.

Spannend sind alle Dialoge, alle Paare, jede Herangehensweise für sich. Sprache braucht ein Gegenüber, das Schreiben nicht: Wie verändert sich das Schreiben im Augenblick des Dialogs? Wie verhält sich das Individuum, das gerade beim literarischen Schreiben allein oder sogar ein-sam ist, sobald es sich auf ein Gegenüber einlässt? Die gesammelten Dialoge geben viele Antworten. Zwischen den Texten sind Fotos der Schriftstellerinnen eingefügt, die eine große Bereicherung des Buches darstellen. Die Schreibpädagogin und Autorin Barbara Rieger stellt in ihrem Beitrag den französischen Künstler Alain Barbero vor, der die Schrifstellerinnen in Wiener Kaffeehäusern getroffen und inszeniert hat. Auf hoch qualitativen Schwarz-Weiß-Bildern ist es Barbero gelungen, die Originalität der Frauen herauszustreichen: Es sind die Blicke und Gesten, die es gilt, in einem (un)beabsichtigten Moment einzufangen, die Persönlichkeiten nicht zu entblößen, sondern sie im Gegenteil zu unterstreichen, ihre Schönheit zu sehen und zu zeigen. Über diese Porträts bekommen die Dialoge noch eine weitere Dimension, sie geben eine Ahnung vom Hintergrund und den Hintergedanken der Schreibenden.

Beatrice Simonsen
21. Dezember 2015

Originalbeitrag.
Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.



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