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Funkhausanthologie 1. Woche 2016


Beiträge 31-40

von: Rudolfine Haiderer (Kotremba), Herbert Pirker, Ingrid Hoffmann, Christl Greller, Lore Heuermann, Hermann Hendrich, Eugen Scherer, Elisabeth Amann, Elisabeth Schöffl-Pöll


Rudolfine Haiderer (Kotremba), Freie Mitarbeiterin des ORF Nr. 44.265: Als wir beim ORF waren

Eines Tages im Jahre 1982 war Franzi Poyntners größter Traum in Erfüllung gegangen: der „Literarische Kreis Traismauer” hatte ein Buch herausgebracht. Schwarz auf weiß standen unsere Namen darinnen und das, was wir uns mühsam vom Herzen und der Seele geschrieben hatten. Wir Hobby-Dichter waren mit einem Schlag zu Schriftstellern aufgestiegen. Jeder von uns beglückte vorerst die Verwandten, Bekannten und Freunde, aber um unseren Ruhm in alle Welt zu tragen, schickten wir das Buch auch an Zeitungen, Bibliotheken, Buchhändler und an den Rundfunk. Und was niemand zu hoffen gewagt hatte, geschah: Der ORF lud uns ein, unser Werk in einer Sendung vorzustellen. Wir fuhren nach Wien. Am Westbahnhof nahmen wir ein Taxi, nicht, weil wir uns etwa in der Stadt nicht ausgekannt hätten, sondern weil wir mit einer lässigen Gebärde dem Fahrer unser Ziel nennen wollten. Imponierend das Gebäude, imponierend die Eingangshalle, das Stiegenhaus weniger imponierend, Gänge und Büros fürchterlich. Es wurde umgebaut. Zahllose, armdicke Kabel schlängelten sich von den Decken herab, krochen auf Fußböden dahin und zwängten sich durch Maueröffnungen. Wir stiegen darauf, darüber und unten durch, bis uns jemand aufhielt. Es war ein bekannter Fernsehsprecher. „Das ist ja...” entfuhr es Franzi leise, und doch gerade so laut, dass der Schöne sich daran erfreuen konnte. Der Literarische Kreis Traismauer war ihm bekannt, wir waren gleich beim richtigen Mann gelandet, der das Interview mit uns machen wollte. Er bat uns in sein Büro.„Ich werde Ihnen also nachher ein paar Fragen stellen”, sagte er lächelnd „und Sie antworten mir darauf möglichst natürlich und ungezwungen”. Ich stieß Franzi in die Seite, denn ich hatte ihr auf der ganzen Fahrt geschworen, dass ich den Mund nicht aufmachen werde, weil ich sowieso nur stottern würde, wenn ich aufgeregt bin. Sie nahm daher sofort das Wort und fragte, was er sie denn fragen würde. „Also am besten, Sie erzählen ganz locker etwas davon, wie Sie auf die Idee kamen, einen Literarischen Kreis zu gründen, was Ihre Ziele und Absichten sind und so ähnliches mehr.” Er glaubte, sie beruhigen zu müssen. „Das wird ja nicht so schwer sein?” „Nicht im geringsten!” Franzi lächelte nachsichtig und ich bewunderte sie dafür. „Zuerst werde ich aber mit Frau XY sprechen, das dauert etwa 15 Minuten, und dann kommen Sie daran”, meinte er zufrieden. „Sie können inzwischen hier warten.” Damit führte er uns in einen Raum, in dem sich die Kabelschlangen Rendezvous gegeben hatten. Die steckten ihre Köpfe in geheimnisvolle Apparaturen, die mit hunderterlei Knöpfen geschmückt waren. Ein Mann saß davor, der darauf wie am Klavier spielte.” Dort drinnen sind Sie dann absolut ruhig und sprechen nur, wenn ich Sie etwas frage!” sagte unser Schönling noch und verschwand in einer Kabine, die durch eine große Glasscheibe vom Raum getrennt war. Ehrfurchtsvoll schweigend warteten wir und hörten der Musik zu, die gerade in diesem Augenblick über alle Ätherwellen schwamm. Inzwischen war auch Frau XY erschienen, sie durfte gleich im Glashaus Platz nehmen. Endlich war es soweit. Nach der Kennmelodie ertönte die muntere wohlbekannte Stimme des Ansagers. „Hereinspaziert aus Niederösterreich”. Das charmante Lächeln dazu sahen aber nur wir. Während die berühmte Schriftstellerin XY und ihr neuestes Werk vorgestellt wurden, flüsterte ich: „Franzi, du weißt, ich rede kein Wort! Höchstens lese ich ein Gedicht vor, da kann nichts passieren.” "Ja, ja!” sie tätschelte meine Hand. „Du musst nahe ans Mikrophon herangehen, so wie die das macht!” Ich deutete auf die Sprecherin hinter der Glasscheibe. „Da versteht man dich besser!” „Ja, mach ich!” flüsterte Franzi zurück. „Und vergiss nicht, du musst auch etwas sagen über Traismauer und den Bürgermeister!” „Ja, natürlich!” „Und sag ruhig, dass wir alles selbst bezahlen müssen! Von unseren finanziellen Opfern musst du sprechen!” „Ja, das auf jeden Fall!” „Und erwähne auch unsere jungen Autoren, sonst glauben die, wir sind lauter Pensionisten!” „Du hast Recht! Warte, das muss ich mir aufschreiben!” Franzi begann bereits nervös auf einem Block zu kritzeln. „Und du musst sagen, dass wir froh sind, so viele Zuhörer zu haben! Unser Publikum ist wohl das wichtigste für uns! Ohne die gäbe es keinen literarischen Kreis!” Franzi verschmierte einen Zettel nach dem anderen, konnte es dann nicht lesen und fing wieder von vorne an. Und immer flüsterte ich ihr neue Ratschläge ins Ohr. Als die Dame XY erhobenen Hauptes die Kabine verließ und wir auf Zehenspitzen hineinschlichen, hatte ich in meiner Nervosität Franzi vollkommen aus der Fassung gebracht. Sie stolperte über die Schwelle, ließ ihren Block fallen, rutschte auf dem Sessel herum, setzte die Brille verkehrt auf, gab falsche Antworten und versprach sich. Und das alles während der bedeutungsvollsten zehn Minuten unseres Daseins. Zu Hause saßen unsere Freunde vor den Radioapparaten und Tonbandgeräten, alle Traismaurer hörten zu, in sämtlichen Wohnungen, Geschäften, Büros, überall wo ein Radio stand, war es vernehmbar, ganz Österreich – was heißt – die ganze Welt merkte es, dass die Gründerin und Leiterin des Literarischen Kreises Traismauer aufgeregt war, wie noch nie. Und weil so etwas überaus ansteckend ist, begann selbst der Conferencier nervös zu stammeln. Das einzige, was ruhig und gelassen klang, war meine Stimme, und ich muss sagen, das wundert mich heute noch!


Herbert Pirker: Wieder. Eine Funkhausgeschichte.

Es ist nichts Weltbewegendes, das ich da vom Funkhaus zu berichten habe. Für jeden aber, der so wie ich Sprachgefühl hat, ist es ja doch ein Ereignis. Es war zu der Zeit vor vielen Jahren, als die Verkehrsdurchsagen von Ö3 noch mit dem berühmten „Didldi“ eingeleitet wurden. Und da kam es immer wieder zu Warnungen vor Geisterfahrern. Fuhr jedoch ein solch Geistesgestörter von der Autobahn ab, ertönte die Entwarnung, und die lautete jedesmal: „Der Geisterfahrer hat die Autobahn wieder verlassen.“ Ich kam damals – heute kommt jeder ohne Probleme ins Funkhaus – nur mit dem Ausweis am Portier vorbei, der mich als freien Mitarbeiter auswies, und so gelangte ich zu der Leiterin des Verkehrsfunks und wies sie darauf hin, dass der jeweilige Geisterfahrer die Autobahn ja nicht schon wieder, sondern einfach, ohne wieder, gottlob verlassen habe. Und dass mich das „wieder“ furchtbar störe.  Eigentlich hatte ich erwartet, dass sie mich fragen werde, ob ich keine anderen Sorgen habe. Aber nein. Sie dankte mir überschwenglich für meinen Einwand. Und schon zwei Stunden später hörte ich, wie der Sprecher sagte: „Der Geisterfahrer hat die Autobahn verlassen.“ Das ist bis heute so geblieben. Ich hatte eine wiederkehrende Sprachkatastrophe erfolgreich für immer bekämpft ...


Ingrid Hoffmann: Lavendlgschichte (Meine Lavendlgschichten befassen sich mit dem Alltag und umfassen immer 100 Worte, Lavendl und lila kommen immer vor und sie beginnen und enden immer mit 3 ...)

... funkhaus aus funkloch funken blitz und donner freude schöner götterfunken geistesblitze hören hörer aus der röhre aus dem äther sternschnuppen am kunsthimmel ein schmelztiegel mit großem löffel umgerührt gekleckert gespuckt gelöffelt und diniert ein gugelhupf im cafe die vertrauten gespräche im sendesaal die qual der wahl im klangtheater mit hang die musik ist schrill geworden lila wetter leuchten am funkhorizont vermöbeln herausreißen abreißen verscheppern zerdeppern das haus die kultur den auftrag die künstler die kunst kein funken anstand ausstand die wand am rand verband aufgebunden die verbundenheit wo ist der nächste anker im lavendlrausch kein funkenmeer kein funkhaus fünkchen funkstille …


Christl Greller: Das Unhörbare

Da sind sie schon, die Stiegen zu den unberechenbaren Schwingtüren. Nun hinein mit mir – ins Unhörbare – In die unhörbare Atmosphäre, die man nicht bepreisen kann in Anboten und Ausschreibungen. Links die unsägliche Draht-Garderobe, an deren Haken praktisch nie etwas hängt. Rechts die kühle Sitzgarnitur, darauf Zeitungen, Programme. Ganz rechts bei der Zwischenstiege noch eine versteckte Bank. Darauf der berühmte Schriftsteller. Offenbar ist er zu früh dran, vertieft sich bis zur Aufnahme in die Autoseiten einer Zeitschrift. Und vor mir, wieder durch Stiegen erhöht, der alles vereinnahmende Empfangstisch. Dahinter – als verliefe er sich am Horizont – der lange Gang. Türen, Türen. Der schnelle Schritt einer bekannten Nachrichtenredakteurin pocht durch die Stille. Ein Prominenz-gesättigtes Milieu. Der Rezeptionist. Ja, mein Redakteur erwartet mich schon im Studio. Das ist im soundsovielten Stock, dann rechts halten bis nach vor, und dann links. Ich rüttle an einer falschen Tür, doch mein Redakteur findet mich und bringt mich ans Ziel. Der Aufnahmeraum. Nach vielen Jahren immer noch ehrfurchtsvoll trete ich vor die Technik, die mein Publikum symbolisiert. Diese Mikrophone sind die Ohren meiner Zuhörer, in die ich eindringen will. Hören dringt unmittelbar ein, erreicht das Hirn, das Herz. Unzählige KünstlerInnen, WissenschaftlerInnen, PolitikerInnen haben hier in diese Mikrophone gesprochen und unser Leben, unser Wissen, unsere Kultur in die Menschen hineingetragen. Haben Kultur hörbar gemacht. Ich bin ein winzigkleiner ehrfürchtiger Teil davon.  Die verwirrenden Gänge – sie gehören ebenso zum Funkhaus wie der labyrinthische Keller. Zu seinen Räumen ist die Führung durch Einheimische überlebenswichtig. Ja, in modernen Gebäuden gibt es das nicht. EBEN! Ihnen fehlt das Gewachsene, das Verwurzelte. Diese Verwurzelung über all die Jahrzehnte, diese unnachahmliche Atmosphäre ist nicht ersetzbar und nicht mit Geld ablösbar.  Das Funkhaus ist eine unverzichtbare Wegmarke unserer Hör-Kultur.


Lore Heuermann

Ein mir vertrauter Ort mitten in der Stadt und für mich bequem und gut zu mit den Öffis zu erreichen. Und wo ich einige Male – ziemlich aufgeregt – versuchte klare Sätze zu formulieren und für Ö1 einige Interviews gab. Diese körperliche Nähe des Interviewers , wo man sich sehr nah gegenübersaß und mit allen Involvierten Augenkontakt halten konnte. Es waren immer diese sehr kleinen Kabinen, wo der Tontechniker zu Beginn und am Ende heraus kam und mir Kontakt aufnahm. Noch einige Jahre früher – sehr spät abends – war ich auch bei der „Langen Nacht der Frauen” mit Heidi Grundmann, sehr intensiv, durch die ungewöhnliche Nacht-Zeit gefüllt mit dieser lebendigen Aktivität. Zuletzt war ich dieses Frühjahr bei dem Vorstellen des Hörspieles „Wer bist Du” von Dieter Sperl im großen Saal anwesend mit anderen Mitbefragten, zu dem auch ich einige Sätze beigetragen habe – und hörte die Sendung dort einen Tag vor der offiziellen Radiosendung. Dreimal war ich wegen meiner chinesischen Elementebücher dort – das erste Mal 1994 zu dem Element Wasser „Bewegung im Zeitstrom”, wo mich Peter Huemer in der Sendung von „Tag zu Tag” interviewte – und durch die Live-Sendung  gab es manchmal auch sehr merkwürdige Fragen von Anrufern dazu. Einige Jahre später war ich für eine Literatursendung dort mit dem Element Feuer „Undurchsichtig wie bewegtes Wasser” das sogenannte Japan-Buch, das später der deutsche Fischereiverband als Lieblingsbuch empfahl, ich nehme an – weil unter anderem auch ein paar Photos von mir – mit Fischen darin waren. Hier wurde aus einem Irrtum heraus ein viel zu hoher Preis angegeben, daraufhin trafen zahlreiche Bestellungen für das Buch beim Verlag ein, weil die Hörer bei diesem Preis sich einen aufwendigen Prachtband – gut geeignet als Geschenk für das kommende Weihnachtsfest – vorgestellt hatten. Als sich das Buch dann doch als ein kleines schmales Bändchen zeigte wurde alles schnell wieder storniert. Für das letzte Elementebuch Erde fuhr ich vergangenes Jahr wieder um die Mittagszeit in das Funkhaus von der Arbeiterstrandbadgasse weg. Es war wieder für die Sendung „Von Tag zu Tag”, das Element Erde „Bewegtes im Wandel”, und es war sehr heiß – ich zu müde und hatte deshalb viel Kaffee getrunken um munter zu werden. Und war deshalb viel zu aufgedreht und unkonzentriert und ich bekam deshalb für mich auch für gute Antworten nicht immer die richtigen Fragen.


Hermann Hendrich: Funkhaus 1

1951 war ich zweimal im funkhaus, einmal als mitglied des Badner Jugend-Kammerorchesters, gegründet von den späteren rechtsanwaltsbrüdern Franz und Friedrich Eckert, in dem ich als zweiter geiger spielte, und später im rahmen unserer staatsbürgerschaftskunde, in der unsere klasse eben das funkhaus, das parlament und unseren deutschlehrer in der Myrthengasse besuchten. Im funkhaus wurde unsere kleine streicher gruppe in ein enges aufnahmestudio geführt, wo wir unser Telemann-stück, das wir sowieso schon auswendig fiedeln konnten, nochmals proben durften, bevor die eigentliche aufnahme begann. Wann diese gesendet wurde habe ich vergessen, mir erschien das haus eher düster, viele gänge, kleine räume, die stimmung gezwungen. Ich konnte mir damals nicht vorstellen, dass dieses haus etwas mit freier kreativität zu tun haben könnte.


Eugen Scherer: À tout à l’heure

Ca. 1958 herum habe eine Funkerzählung beim damaligen ORF eingebracht, die auch gesendet wurde. Der von mir vorgegebene Titel: „Die Maske des Sennufer” wurde tatsächlich zu meiner Freude gesendet. Es war eine Story, zu der ich durch eine Konversation mit einem Stammgast im ungarischen Restaurant meiner Eltern angeregt worden war: Der gute Mann war in Ägypten gewesen und mithilfe eines Fremdenführers in eine Mastaba hineingegangen. Diese sind, wie Ihr sicher wisst, eine Art Totenhäuser für die Aristokratie der Pharaonen. Dem Pharao (eine typisch griechische Verschönerung des originalen Begriffes „Para”) war natürlich die Pyramide vorbehalten ... Der Führer geht auf einen offenen Sarkophag zu, und siehe da, es liegt eine Mumie mit goldener Totenmaske vor ihm. in diesem Augenblick zieht der Fremdenführer einen Hammer und einen Schlegel hervor, setzt diesen an die Totenmaske und frägt den Österreicher: How much? It will be yours ... Darauf antwortet der wackere Mann zu seinem Glück: No thank you, I do not want to get into your jails … Was natürlich sehr weise war ... Meine Aufgabe war dann nur mehr, dem Verstorbenen Herrn einen Namen zu geben, eben Sennufer, klingt ja ähnlich wie Senmut etc. So entstand meine Funkerzählung. Daraufhin verfaßte ich eine Geschichte, die dann der ORF sendete. Einige Studienfreunde, Verwandte und Bekannte fragten bei mir nachher an, ob ich dieser Eugen Scherer sei, der da agierte. ... und wie ich denn sowas fertigbrachte ... Naja ... Ich schreibe jetzt ohnehin eine Story als Buch. Bisher habe ich nur ein erfolgreiches Buch verfaßt: „Die Fährte der Wölfin-Rom in Niederösterreich”. Eines noch: Als Ergebnis einer wissenschaftlichen Arbeit auch noch eine Broschüre „Der Heilige Severin in Favianis” ... Nach zahlreichen Auslandsaufenthalten und sonstigen Verzögerungen arbeite ich derzeit an einem eher humorigen Roman, der in Belgien spielt und ein wenig die Politik der EU-Spitze humoristisch und leicht kritisch behandeln soll. Solche gigantomanische Systeme haben ja nach der ernsten und durchaus erfolgreichen Entwicklungsphase eine leichte Kurve in die Dekadenz. Diese ist ja nicht immer die Frage, wer mit wem schläft, sie tritt auch auf als Erodierung bedeutender Institutionen, wovon nicht zuletzt die Französische Revolution zeugte ...


Elisabeth Amann

In der Sendung „Menschenbilder” im Rundfunk Oe1, die im Jahr 1984 von Hubert Gaisbauer begründet wurde, werden seither Sonntag für Sonntag Menschen eingeladen, aus dem Stegreif ihre Lebensgeschichten in das Mikrophon zu sprechen. Gaisbauer war der geistige Vater seines Nachfolgers Heinz Janisch, der nach ihm die Leitung der Sendung und der Redaktion übernahm. Keine Fragen, die vor der Aufnahme besprochen werden. Heinz Janisch beeinflusst die/ den Sprechenden nicht. Worüber die eingeladene Persönlichkeit zu erzählen bereit ist, ist deren Entscheidung. Diese Stunde ist die Zeit des Erinnerns, Reflektierens, Hinterfragens. Während des Sprechens werden nicht nur persönliche Lebensgeschichten, verwoben mit Zeitgeschichte, erzählt. Eine Ära, Sozialgeschichte, Lebensphilosophie, Kunstgeschichte kommen in den Lebenserinnerungen zur Sprache, sie sind Spiegelbild ihrer Zeit. In dieser seit 1984 erfolgreichen Sonntagsendung in Oe1, jeweils um 14,05h, gehen Menschen aus allen Gesellschaftsschichten ihren biographischen Spuren nach. Sie halten Rückschau, überprüfen in der einen Stunde Aufnahmezeit – die auf eine halbe Stunde Sendezeit gekürzt wird – Begegnungen, Ereignisse, Spuren. Sie legen Zeugnis ihres Lebens ab. Sich zu erinnern ist wichtig, denn je weiter man sich zurückerinnert, umso mehr erklärt sich einem das Leben. Diese Erkenntnisse gehen uns alle an, darum ist die Sendung so erfolgreich und beliebt.


Elisabeth Schöffl-Pöll: Das Funkhaus soll keine Erinnerungsstätte werden, sondern Erlebnisstätte bleiben

Für mich als Schreibende wäre es undenkbar, hätte es das Funkhaus nicht gegeben! Da mich das Schicksal aufs Land verschlug, war diese Adresse für mich leicht erreichbar. Ich erinnere mich noch an die ersten Rundfunkaufnahmen mit Ingeborg Tiwo, Willy Kralik ... und die Begegnungen mit Johannes Twaroch, der sich in unvorstellbarer Weise für uns Autoren einsetzte und uns, damals junge Autoren, in alle nur möglichen Sendungen in mehreren Programmen mit unseren Texten unterbrachte. Als ich in seinem Arbeitskreis Literatur die Nachfolge antreten sollte, verneinte ich jedoch, denn zu groß war mein Respekt vor dieser selbstlosen intellektuellen Persönlichkeit. Das Funkhaus war für mich also leicht erreichbar, man konnte es sogar von der Innenstadt zu Fuß erreichen. Manches Mal platzte ich in die einzelnen Studios vor oder nach den Aufnahmen, es wurde zwar nicht wirklich gerne gesehen, aber ich wurde trotzdem immer wieder angehört, und meine jeweils neuen Bücher in Empfang genommen und besprochen. Zahlreiche Sprecher trugen meine Texte im Rundfunk vor, ich erinnere mich noch an Werner Schneyder bei „Jazz und Lyrik” um Mitternacht. Edwin Möser wohnte meiner ersten Buchpräsentation in den Achzigern im Cafe Landtmann durch Erhard Busek bei. Heute noch habe ich Kontakt zu Edwin Möser. Nicht zu schweigen von den großartigen Programmpunkten im RadioKulturhaus!

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Ausstellung
KEINE | ANGST vor der Angst

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Tipp
REANIMATION LAGEBEZEICHNUNG
flugschrift von Christian Steinbacher

Lediglich in Stichwörtern, ja so möchte sich eine besonnene Konzeptliteratur verwirklicht...

Incentives – Austrian Literature in Translation

mit neuen Beiträgen zu Marco Dinic, Raphaela Edelbauer, David Fuchs, Nadine Kegele, Angela Lehner,...