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Wilhelm Hengstler: flussabwärts, flussabwärts.

Graz, Wien: Literaturverlag Droschl 2015.
240 Seiten; gebunden; Euro 19,00.
ISBN: 9783854209683.

Autor

Leseprobe

Schreiben ist Widerstand. Gegen den Sprachstrom, gegen den Strom, gegen alles Vorbestimmte, Feststehende, durch die Form, gegen die Form. Und Erzählen kann die Zeit aufheben. Wer erzählt, lebt, überlebt, dem Fluss der Zeit enthoben. „Können Flüsse reisen?“ wird im Text zweimal gefragt. Wenn dem so ist, dann reist die Donau – konträr zu anderen Flüssen, die die Entfernung vom Ursprung ausgehend zählen – ihrem Nullpunkt und damit ihrer Auflösung im Schwarzen Meer entgegen. Wilhelm Hengstler, Urgestein aus der sogenannten Grazer Gruppe, Autor, Filmregisseur, Kritiker und begnadeter Essayist, macht sich diese Symbolik zunutze und schreibt sich in seinem jüngsten Reise-Buch „flussabwärts, flussabwärts“ dem „Aufbruch“ – so der Titel des letzten Kapitels – entgegen, die „Rückkehr“ von der Flussreise hat er da längst hinter sich, sind doch Chronologie und Linearität im Text aufgehoben, Fiktion eben. Aber der Reihe nach:
Ein möglicherweise letztes großes Abenteuer, eine Fahrt mit dem Rad die mythenbehaftete Donau entlang über Slawonien, Serbien, an der Enge des Eisernen Tors vorbei und durch Rumänien bis ans Schwarze Meer, gemeinsam mit Audrey, der Lebens-Gefährtin, hätte es werden sollen, Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ am Kindle mit dabei, da zwingt kurz vor Antritt der Reise ein Gefäßverschluss im linken Bein den autobiografischen Ich-Erzähler aufs Krankenlager. Zwei Operationen an beiden Beinen folgen. Aus der Radtour wird eine „Reise rund um das Krankenzimmer“: „Die Donau abwärts zu fahren, diese große Reise hatte ich mir als Experiment gedacht, um noch einmal meine Welttauglichkeit zu prüfen. Aber mein Körper war nicht mehr reißfest, er hatte sich zerschlissen“ (9). Als hätte die parabolische Lesart, die Fluss- und Lebensreise, Mündung und Tod in eins setzt, in Art einer self fulfilling prophecy Realität angenommen, meldet sich der Körper zu Wort, verfügt das Ende noch vor dem Aufbruch. Eine ganz andere große Reise ohne Wiederkehr kündigt sich an, wird Thema einer Reiseerzählung (frei nach dem 1794 während eines Zimmerarrests von Xavier de Maistre erdachten Genre der Zimmerreise), aber zwei Jahre später holt „er“ die geplante Radtour flussabwärts doch noch nach, erreicht das Ziel, die Donaumündung – kehrt zurück und berichtet.

In einem Akt der Rebellion gegen die Beschränktheiten des Körpers, gegen die eigene Endlichkeit, wird dabei die Wiederkehr von der Flussmündung an den Anfang gesetzt, während die Erreichung des Mündungsdeltas, irgendwo im ersten Drittel des Texts, seltsam farblos, bar jeder auratisch-utopischen Verheißung geschildert wird. Selbst noch Audreys Siegerpose wirkt ironisch herbeizitiert.

Schreiben ist Widerstand. Gegen die Vergänglichkeit, gegen das Vergessen, gegen den Tod. Schreiben ist aber auch „Reisen auf einem Sprachstrom“, „flussabwärts, flussabwärts“ ins Offene, „richtung runter zu“ bis zum „offenen mehr“, um Reinhard Priessnitz zu zitieren. Die Mündung wird so ambivalent. Diese Mehrdeutigkeit macht der Text durch eine gefinkelte Erzählkonstruktion zum Thema.

flussabwärts, flussabwärts“ folgt einer doppelten Reisebewegung, deren Richtung im Titel angedeutet, durch den Text zugleich unterlaufen wird. Zwei Erzählstränge – der Krankenhausaufenthalt als Stationendrama bis zur Genesung und die Radtour mit ihren Etappen – werden im Text kapitelweise verschnitten, wobei der Krankenbericht, exakt datiert auf Juli bis September 2011, von einem distanziert registrierenden Ich im Präteritum chronologisch erzählt wird, wohingegen der ebenfalls genau, nämlich von 1.8.-8.7.2013 datierte Reisebericht von einem namenlosen Er in umgekehrter Chronologie im Präsens referiert wird. Zukunft und Vergangenheit, Innen und Außen, das Ich und das Er - als Reisender oder als „Rohrpost“ (40) in den Krankenhausgängen wie in den täglichen Routinen und Ritualen der Radexerzitien -, die Blutzirkulation mit ihren bedrohlichen Engstellen und die Stromfahrt mit ihren Hindernissen, das Körperinnere, die Innenwelt der Spitalsreise und der mit dem Rad er-fahrene Außenraum werden im Text überblendet, sodass eins das andere kommentiert, eins ins andere übergeht. Die „Große Erzählung des Patienten“ von außen betrachtet nur „eine anonyme Bewegung im Strom wiederkehrender Routinen“ (170).

Zwischen Innen und Außen, radikaler Selbstentblößung und narrativer Zurichtung, schonungslos offen und verhüllt zugleich präsentiert sich autobiografisches Schreiben seit jeher. Wilhelm Hengstler wählt das Paradigma der Entdeckungsreise und nähert sich mittels teilnehmender Beobachtung und in der präzisen Beschreibungssprache des Ethnologen dem eigenen Leben. Erzählen, „was als nicht erzählenswert gilt“ (219), die Monotonie der täglichen Reise-Routinen – das frühe Aufstehen, die morgendlichen Rollstuhlfahrten durch die Spitalsgänge, die Visiten, das frühe Essen, die Besuche, die Bettnachbarn, das Fernsehen, das frühe Zu-Bett-Gehen im Krankenhaus, die wortlosen Morgen- und Abendrituale auf der Radtour, das anfängliche Glück des Aufbruchs und der tägliche Kraftakt des Durchhaltens und Ankämpfens gegen unterschiedliche Erschöpfungszustände, abends dann die aufreibende Quartiersuche, das Duschen, Umkleiden, Waschen der Radkleidung, das Bier vor dem Abendessen, das frühe Schlafengehen – die Wiederkehr des beinahe Gleichen, die Riten des Außen mit ihrer ekstatischen Wirkung als Zugang zum Innen, das freilich ebenfalls wieder als Maschine präsentiert wird. Erzählen, „was als nicht erzählenswert gilt“, und dabei zugleich preisgeben, was anders nicht gesagt werden kann: die Liebe und die Angst vor dem Tod, das Begehren, die Eifersucht, das Versagen und Scheitern auch und die Einsamkeit, das Glück, „Teil einer Maschine zu werden“ (89) und die „Hoffnungen als Selbsttäuschung“ (90). Michel Leiris’ autobiografischer Essay „Mannesalter“ hat dem Autor zufolge Pate gestanden. Das Bild des jungen Mannes, eines „Clowns der Vergeblichkeit“ (45), wie es im Text heißt, der sich in seiner durchsichtigen Plastikkugel abmüht, auf den Beinen zu bleiben, während die Wellen des Flusses ihm immer wieder den Boden unter den Füßen wegziehen, wird zum eindrücklichsten Bild der Reise.

Und wie in der teilnehmenden Beobachtung üblich, legt der Autor als Feldforscher am Ende seinen Beobachterstandpunkt, die Prämissen seines Schreibens offen. Wäre nämlich Ich ein anderer, könnte alles auch ganz anders sein – und das Mündungsdelta doch noch eine utopische Verheißung bergen: der „Anblick von David, der seiner Frau den Arm um die Schulter legt - ein lange verschollenes Bild von Philemon und Baucis als junges Paar aus dem Goldenen Zeitalter, das die Reisenden mit der menschlichen Rasse versöhnt“ (45).

Rezension von Daniela Bartens
1. Februar 2016

Originalbeitrag
Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.


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