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Bodo Hell: Stadtschrift

Fotos und Texte.
Edition Seidengasse im Verlag Bibliothek der Provinz: Bibliothek urbaner Kultur Bd. 5.
303 S., ca. 300 meist farb. Abb.,
Hardcover, 24 Euro.
ISBN: 978-3-99028-185-7.

Autor

Leseprobe

Es sind verschmitzte und witzige Paradoxien und Widersprüche, Hinweise auf die kleinen Absurditäten des Alltags und seiner Selbstinszenierungen, die der eifrige Stadtwanderer Bodo Hell aufgreift. Was ihm auffällt, sind offensichtliche Bizarrerien und versteckte Hinweise, Relikte aus der Weltkriegszeit (etwa Pfeilmarkierungen zum Luftschutzkeller), cyrillische Aufschriften aus der sowjetischen Besatzungszone, ein Ladenschild eines vermutlich enteigneten jüdischen Optikers, Reklame und Graffiti aus dem danach aufblühenden Konsumzeitalter. Diese Zeichen und Hinweise mit ihrer Tiefengeschichte choreografiert Hell in Vierergruppen auf Doppelseiten, und daraus ergeben sich Intervalle, Spannungsverhältnisse. Manches hat sprachspielerischen Charakter, anderes ist witzig (im Sinn von Fürwitz: vifer, rascher Verstand) und trägt immer auch eine Art Vanitas in sich: Viele dieser Ladenschilder, deren Schriftzüge zum Material einer assoziativen Sprach-Assemblage werden, preisen Dinge an, die es nicht mehr gibt, Menschen, die nicht mehr vorübergehen.

Es wird also eine andere Stadt sichtbar, eine der unsichtbaren Städte, die hintergründig durch die gegenwärtige schimmern. Epochenspezifische Wünsche, Bedürfnisse, Angebote einer Epoche mit ihren Peripherien und Zentren, Achsen und Linien ziehen sich durch, verlangen nach Interpretation und Deutung. Viele dieser Zeichen sind appellativ, sind Exklamationen, Verweise und Versprechungen, die auf eine Bedürfnis- und Sehnsuchtsstruktur verweisen. Darin liegt das Vergängliche und das, was Texte wie Bildstrecken in diesem Band gleichermaßen ausmacht: Die Recherche eines Feldforschers, sein Tüfteln und Observieren, Mithören und Aufschnappen, die schnelle Reaktion des Festhaltens in Wort und Bild. Dieses Material wird selektiert, verdichtet, bewusst akausal angeordnet, es läuft entlang einer Erzählstrecke, kreist um ein Thema, kann Begehung sein, Routen folgen, ist voll von Anspielungen auf Mythologie und peripheres Wissen, setzt grundlegende Kenntnisse voraus im quirlenden Spiel ihrer assoziativen Vernetzung.

Ein Beispiel: Was als „Radau“ auf dem Cover beginnt, endet mit „Glück im Tank“ am Rückumschlag. In beiden Fällen spricht der Autor durch ein Bild, hier mit Fotografien von Schriften, Zeichen, Worten, Namen: „Radau“ ist Ortsname, Hinweisschild einer Autobahnausfahrt auf der A1, kommend aus Salzburg (woher der Autor stammt), mit Pfeil Richtung Wien (dem Thema des Buches). Rad hat natürlich mit Fahrt zu tun, Radau ist sowohl das Tosen des Verkehrs, verspricht aber auch einen gewissen Aufruhr im Buch, kündigt damit schon die Fülle der Signale, Hinweise, die Stimmenvielfalt der Stadt an. Das Buch schließt mit dem fotografierten Fingerzeig auf den Tankdeckel eines VW-Käfers mit dem japanischen Schriftzeichen für Glück: hab Glück im Tank, so ließe sich das lesen, sei glücklich getankt.

Dazwischen aber findet sich von „Alpha“ bis „Omega“ (zwei Ladenschilder-Fotografien) Literatur als Zitat visueller Wahrnehmungen. Hier erstellt sich eine Lesbarkeit der Welt, die diachron und synchron, horizontal und vertikal durch Raum und Zeit geht, eine Archäologie der Schriften, Typen, Zeichen, Designs, Farben und Formen, die Hell aus dem Kontext löst, indem er auf den Prätext verweist, mit Subtexten spielt und sich seinerseits in einen Ryhthmus der Gestaltung begibt: Da finden sich Jamben und Daktylen, Dreiergruppen, Doppelungen, Echostrukturen, Schnitttechniken und Montagen, schlaue und kokette, dann aber wieder hintergründige Verweise, die aus dem Material seiner sprachlichen Objets trouvés eine Bricollage in weit ausgreifenden Bögen einer emanzipativen Sinnsuche erstellt.

In den Texten folgt Hell dabei peripheren Linien wie dem Wienfluß von seinen Quellen bis zur Urania, legendär ist seine Bildgeschichte aus dem Oberstock der Buslinie 13A, aber auch die zuckelnde Straßenbahnlinie 5 mit ihren seltsamen Ausgangs- und Endpunkten kann Textlinie werden, oder es sind thematische Zentren der Observation und des Überblicks, wie jene aus der Türmerstube von St.Stephan (Adalbert Stifter ist hier Referenz) oder die Imitation einer „Rede unterm Himmel“ von einer Außenkanzel an der Rückseite des Doms; genial, wie hier der medial vermarktete Stratosphärensprung eines Stuntmans mit Jean Pauls „Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab, daß kein Gott sei“ gegengeschnitten wird, wie der Text immer wieder auch mythologisch deutet und Prototypen erkennbar macht, vom Prometheus-Mythos bis zu Ikarus, vom Göttersturz bis zum verstoßenen Luzifer, wenn ein Mensch dorthin zurückstürzt, von wo er hergekommen ist.

Stadtschrift“ umfasst 14 Texte und drei Bildstrecken aus drei Jahrzehnten, weitgehend chronologisch geordnet erfassen sie Markierungen einer städtischen Nachkriegs-Identität. Dass dieses Buch in einer „Bibliothek urbaner Kultur“ im „Verlag der Provinz“ erscheint, passt zusätzlich. Gerahmt ist dieser Band durch ein Vorwort und einen nachgestellten Apparat mit Bilderklärungen, Textnachweisen, Bio-Bibliografie, Namensregister: ein Hand- und Lesebuch zur Ikonografie der Stadt mit den Wort- und Bildtexten des so akribischen wie umtriebigen Rechercheurs und Connaisseurs des peripheren wie des tangentialen Wissens.

Martin Kubaczek
8. Februar 2016

Originalbeitrag.
Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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