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Christine Mack: Solange wir träumen.

 

Textprobe, Seite 56:

Hinter dem Spiegel wohnte eine Seele. Sie war mein Publikum, meine Regisseurin, meine Souffleuse. Sie applaudierte, sagte, welche Rolle ich hervorragend spielte, wie ich sie noch bedeutungsvoller darstellen könnte. Und sie flüsterte mir Worte zu, wenn sie mir fehlten. Die Seele gehörte meiner toten Schwester. Bernadette war als Kleinkind an einem Sonnenstich gestorben, noch bevor ich geboren wurde. In diesem Raum war sie aufgebahrt gewesen, wurde mir erzählt. Hinter diesem Spiegel wäre eine Tür, stellte ich mir vor, die in den Himmel führte. Nur für Bernadette würde sich die Himmelstür öffnen. Der Pfarrer hatte einmal gesagt, mein Gesicht sei das von Bernadette, von der es kein Foto gab. (…) Manchmal stand ich vor dem Spiegel und redete mit ihr. Bernadette, sagte ich, zeig dich mir. Zeig mir, dass du da bist.

Textprobe, Auszüge Seite 128:

Ich öffnete den Hängeschrank, und als ich Stück für Stück von den Bügeln nahm, entdeckte ich den blauen Morgenmantel mit eingewebten rot-grünen Kreisen. Wie lange hatte Mutter ihn nicht mehr getragen? Um die Schultern war er sehr schmal geschnitten. War Mutter früher so zart gewesen? In diesem Mantel war sie morgens immer durch die Kammer gegangen und hatte im Stubenherd Feuer gemacht. Ich vergrub mein Gesicht in diesem Mantel. Wann hatte ich je diese Zärtlichkeit für Mutter empfunden? Oder war es die Sehnsucht nach einer Nähe zu ihr, wie sie nur als Kind möglich gewesen war? Mit dem Mantel in den Händen setzte ich mich auf Mutters Bett. Ich würde ihn gerne behalten, sagte ich. Josefa setzte sich neben mich. Wir hingen unseren Gedanken nach und weinten still vor uns hin. Irgendwo im Hof ging eine Tür. Stimmen drangen durch das Fenster. Josefa stand auf und schloss es. In dem Mantel ist Mutter eine andere Frau gewesen, sagte Josefa, und beinahe flüsterte sie. Eine, die von einem anderen Leben geträumt hat.

 

© 2016 Picus Verlag, Wien.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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