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Peter Steiner: Wenn mein Vater polnisch spricht.


Leseprobe (S. 109f):

Endlich, das Denkmal. Aber wo ist Vera? Unter Lenins linker Hand könnte sie nicht sein, dazu müsste sie auf den Sockel hinaufklettern. Der ist freilich viel zu hoch, das habe ich übersehen, als ich vor Tagen das erste Mal daran vorbeifuhr. Natursteinquader, darauf Lenin, der in die Ferne zeigt, eine große leere Geste. Und dort sitzt Vera auf einer Bank! Jetzt hat sie mich erblickt, springt auf, läuft mir entgegen und hält mir vorwurfsvoll das Handgelenk mit der Uhr hin. Aber sie lacht, sie sieht ja, dass ich außer Atem bin. „Das ist meine Schwester Nadja.“ Damit wendet sie sich der Bank zu, wo sich ein etwa gleich altes, etwas schlankeres Mädchen erhoben hat. Ihre Schwester. Nadja lacht auch. Sie wirkt ein bisschen jünger als Vera, trotz des gröberen Gesichts. „Nadja wird auf mich aufpassen“, zeigen Veras Blicke mir an. Ist das Koketterie oder Anstandsregel, ein erstes Rendezvous nur in Begleitung einzugehen? Wir setzen uns, Vera rechts von mir, Nadja an die Seite ihrer Schwester. Passanten beobachten uns diskret. Die hellen Stiefel, ironischerweise „russisch“ genannt, obwohl sie mir ein Grieche in Montreal gemacht hat, und die weiße Daunenjacke aus Italien geben mich weithin als Mann aus dem Westen zu erkennen. Die Mädchen haben Ansichtskarten der Stadt und ihrer Umgebung mitgebracht, aufgenommen zu allen Jahreszeiten, Blumen, buntes Laub, Schnee, der See zugefroren. Die Farben der drei Druckplatten passen nicht exakt übereinander, so erübrigt sich ein Weichzeichner, um die Bildchen lieblich verschwommen erscheinen zu lassen, kahle Straßenprospekte, Wohnviertel, neu und trostlos. Fortschritt pur, ohne Zutaten. Manchmal sieht man den nahen Wald. Ich denke an die Pilze hinter dem Hotel. Die Umgebung im Winter. Es schneit überraschend wenig. Wie hoch liegt der Schnee, Sneg, frage ich Vera, und sie zeigt nicht einmal bis ans Knie. Wir sind weit weg von den Ozeanen. Allenthalben ragt dürres Gras aus dem Schnee. Es gibt auch eine Rodelbahn. Der Angara eine Eisfläche. Uferpromenade mit einem Pärchen, das sich auf die Mauer stützt, den Blick ins Weite gerichtet, wo Eis und von Sonne aufgehellter Nebel ohne Horizontlinie ineinander übergehen. Beim nochmaligen Hinsehen ist es kein Pärchen, es sind zwei Mädchen, eine in rotem Mantel und roter Mütze, die andere in schwarzem Mantel und weißer Mütze. Vera und Nadja? Nein, wo dächte ich hin! Sie lachen.
Ich finde das gar nicht weit her gegriffen. Veras Strickmütze hat dasselbe weitmaschige Lochmuster, aus hellbrauner Wolle, und sie trägt einen ebenso gefärbten Mantel. Nadja liebt dunkle Farben, ihr Mantel ist schwarzblau, die Mütze weinrot. Und sie hat ein Wörterbuch bei sich, Russisch-Englisch. Sie lacht noch mehr als Vera, für sie scheint es vor allem lustig zu sein, dass ihre Schwester ein Rendezvous mit einem Fremden hat. „My name is Nadja.“ Veras Lachen bricht nicht aus wie das von Nadja, sie hält es zurück. Doch ihre Wangen sind rot und die Augen glänzen. Das Wörterbuch ist blau.
„Hier kannst du dein Hotel sehen.“ Ich kenne die Leere vor den Stufen des BAIKAL mit Blick auf den großen See und ein fast unbesiedeltes Gebirge am an deren Ufer. Transbaikalisches Gebirge steht auf den Landkarten. Irgendwo dort oben verläuft die Grenze zur Mongolei. Und hier ist das Lenindenkmal, das darf nicht fehlen, da unsere Bank, aufgenommen von dort drüben, aber die Leute darauf sind nicht wir, weil keiner von uns etwas Rotes anhat.
Bevor wir etwas unternehmen, muss ich etwas essen, sage ich, das Bankett im ANGARA habe ich sausen lassen. Vera hat schon gegessen, im Institut, Nadja noch nicht. Die beiden beraten, ich höre Namen von Restaurants. Nur nichts Besonderes, hört ihr, sluschite, mische ich mich ein. Wenn ich schon einmal der offiziellen Breitspurigkeit entkäme, wolle ich wie ein Irkutsker mit zwei Irkutskerinnen unterwegs sein, wolle essen, wo und was sie essen würden, wenn ich nicht da wäre. „Stellt euch vor, ich sei ein unsichtbarer Geist, der mit euch durch diesen letzten warmen Tag des Jahres huscht.“
Mein Wörterbuch ist gelb, aber es schluckt die Spontaneität genauso wie das blaue Büchlein von Nadja. Vera macht es besser. Sie spricht ungehemmt auf mich ein und sieht mir dabei in die Augen. „Ponimaesch?“ Verstehst du? fragt sie zwischendurch, und ich sage „Da“, begleitet von einem Kopfnicken oder Lachen oder beidem. Manchmal verstehe ich tatsächlich, oft glaube ich etwas zu erraten, bis ich merke, dass es völlig falsch war. Aber was tut das zur Sache?

© 2015 edition laurin, Innsbruck

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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