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Marjana Gaponenko: Das letzte Rennen.

Roman.
München: C. H. Beck Verlag 2016.
268 Seiten; geb.; 20,60 Euro.
ISBN 978-3-406-68955-0.

Autorin

Leseprobe

Präsentation im Literaturhaus am 07.03.2016

Kutschen. Jede Menge Kutschen. Wien. Fiaker. Huzulenponys. Ein enorm reicher Erfinder, dessen Erfindungen aber nie den Weg in die Welt finden, weil er sie, als angestellter Ingenieur, als Sperrpatente an die Konkurrenz verkauft (die sie somit in den Safe legt, aber weiterhin lukrative Gebührenzahlungen an ihn leistet). Und sein Taugenichts-Sohn, dem der sinnige Vorname „Kaspar“ mit auf den Lebensweg gegeben wurde.
Die Ausgangssituation im Roman „Das letzte Rennen“ der 1981 in Odessa geborenen Marjana Gaponenko, die heute in Mainz und in Wien lebt und seit dem 16. Lebensjahr auf Deutsch schreibt, ist wildwuchernd, abseitig, wie aus der Zeit gefallen, von bestrickend kühner Exzentrizität.
Adam Niec, aus Polen stammend (sein Bruder lebt als Straßenkehrer in Krakau) und sein Sohn Kaspar, der ein Langzeitstudium der Informatik aufnimmt, das er eines Tages, da es ihm an Ehrgeiz gebricht, versanden lässt, bilden ein widerspenstig-charmantes Paar. Der Mutter scheint ein tödlicher Badeunfall widerfahren zu sein; wie Kaspar aber viel später herausfindet, ist sie von einer Hotelhausbar und daraus herabstürzenden Flaschen erschlagen worden. In einer riesenhaften Villa zu Wien residierend, widmet sich der Vater, finanziell vollständig vom normalen Erwerbsleben abgekoppelt, der Ponyzucht und dem Sammeln wie der sorgfältigen Pflege alter Kutschen. Ab und an wird aus der großen Kollektion etwas an Fiakerunternehmen veräußert.

Zugleich ist dieses Buch auch ein Selbstfindungsroman – es wird nämlich aus Kaspars Sicht erzählt, also nicht immer ganz zuverlässig. Bereits in Marjana Gaponenkos hochgelobtem, 2013 im Suhrkamp Verlag erschienenem Roman „Wer ist Martha?“, der mit dem Alpha-Literaturpreis ausgezeichnet wurde, ging es um Vergangenheit und Verschwinden, um Exzentrisches und Zwischenmenschliches. Auch in ihrem neuen, ebenso unterhaltsamen Buch zeichnet sie mit spitzer Feder die Wiener Gesellschaft, vor allem die höhere, bessere (inklusive Parade-Piefke), und schließlich den Einbruch von Behinderung und Tod in die gepflegte oberflächliche Normalität. Hat doch Kaspar, von seinem Vater nach etwas mehr als halber Strecke des Romans zu einer Kutschfahrt mitgenommen, infolge eines nahebei landenden Rettungshelikopters, der die Pferde scheuen lässt, einen fatalen Unfall. Dabei werden ihm beide Unterarme unrettbar zerquetscht und müssen amputiert werden. Am Ende gleitet der Vater, der nochmals kurzzeitiges Liebesglück in den Armen einer Ukrainerin findet und ein letztes Pferdewettrennen organisiert, in die Demenz ab. Vor dem endgültigen Erlöschen fasst er aber noch einen Entschluss, bei dessen selbst bestimmter Umsetzung der Sohn Kaspar anwesend zu sein hat.
So grundiert Marjana Gaponenko das Nebeneinander von Karikatur und Empathie, von Heiterem und Amourösem, von Sinnsuche und Orientierungsverlust, von Parodie und Pittoreskem – wobei der anspielungsreiche Bogen von Bohumil Hrabal bis zu Marina Lewycka reicht – – schließlich zunehmend dunkel.

Die Autorin findet eine feine, an den späten Theodor Fontane, einen der Großironiker der deutschsprachigen Literatur gemahnende Tonlage, die sie bis zum Ende des Romans angenehm durchzuhalten versteht. Vor allem für feinsinnig-doppelbödige Dialoge besitzt Marjana Gaponenko ein genaues Ohr.

Alexander Kluy
15. Februar 2016

Originalbeitrag
Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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