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Friederike Gösweiner Traurige Freiheit.

Roman.
Literaturverlag Droschl, Graz 2016.
144 Seiten; gebunden; 18 Euro.
ISBN 978-3-85420-976-8.

Autorin          Leseprobe

Jung, qualifiziert, flexibel, verloren

Freiheit ist eine zweischneidige Sache – die Freiheit, tun und lassen zu können, was man möchte, bräuchte entsprechende Rahmenbedingungen. Wenn einem für freie Entscheidungen nicht die entsprechenden Möglichkeiten zur Verfügung stehen, ist man nicht frei, sondern verloren.
Hannah Weiss ist vollkommen frei. Sie hat irgendetwas Geisteswissenschaftliches studiert – hat also bösen Zungen zufolge keine praktische Ausbildung –, Erfahrung in diversen Studentenjobs, als freie Mitarbeiterin auch journalistisch gearbeitet, aber nichts Fixes in Aussicht. Da muss sie die Möglichkeit, in Berlin ein Praktikum bei einer Zeitung machen zu dürfen („Von dreihundert Bewerbern haben sie acht genommen. Nur acht!“ S.11) natürlich nutzen. Freund Jakob, ein Kinderarzt, will nicht mit nach Berlin und auch keine Fernbeziehung. Hannah trennt sich und ist absolut frei, für acht Wochen nach Berlin zu fahren. Die beste Freundin Miriam ist schon seit einiger Zeit in Berlin, darf aber plötzlich selbst eine berufliche Möglichkeit in Moskau nicht ungenutzt lassen, so hat Hannah Miriams winzige Berliner Wohnung für sich allein.
Das Praktikum entpuppt sich nicht als Sprungbrett, sondern als Sackgasse. Der Chefredakteur verabschiedet die acht Auserwählten mit der Aufforderung, kämpferisch und originell zu sein, um in der Branche Fuß fassen zu können, „die Konkurrenz schläft nicht, am Montag fangen acht Neue hier an“ (Seite 20), und dann ist es auch schon vorbei.
Hannah bleibt in Berlin, bewirbt sich, bietet Texte an, aber keine Chance tut sich auf, weit und breit keine vielversprechende Zukunft in Sicht. Nach einem Vorstellungsgespräch für einen Platz in der Lehrredaktion der größten Tageszeitung der Stadt ist Hannah zwar zufrieden mit sich, bekommt aber doch nur das Es-tut-uns-sehr-leid-Mail – Hannahs absoluter Tiefpunkt. Schonungslos breitet Gösweiner Hannahs Enttäuschung und ihre Suche nach einer Erklärung aus: Ist sie zu nichts nutze, braucht wirklich niemand sie – oder stellt sie sich zu dumm an? An diesem düstersten Punkt stößt Hannah sich immerhin ein bisschen vom Grund ab, schneidet sich – Klischee!, möchte man rufen – die Haare ab und sucht sich einen Job als Kellnerin.
Jetzt steht Hannahs Leben irgendwie still. Sie wird dreißig, die Tage sind gefüllt, immerhin, aber ist sie dafür nach Berlin gegangen? Eine Bekanntschaft namens Martin Stein bleibt rätselhaft; er ist Journalist in Hamburg und sie treffen sich einige Male, aber mehr ergibt sich nicht, weder privat noch beruflich. Als Hannah nach einem Unfall im Krankenhaus landet, endet die Freiheit. Ihre Eltern holen sie ab, sie verbringt den Sommer auf dem Balkon ihres Elternhauses und wartet, bis ihr Arm wieder heil ist. Sie kann nicht zu Jakob zurück, der bekommt mit einer anderen ein Kind. Er hat sich nicht freigehalten für sie.
Miriam verliert ihre Stelle in Moskau, da hat Hannah immerhin Grund, wieder nach Berlin zu fahren. Sie will Miriams Wohnung in Ordnung bringen und die Freundin vom Flughafen abholen. Und dann? Wer weiß. Kein Anker, kein Strohhalm, kein Fels in der Brandung. Friederike Gösweiner widersteht der Versuchung, Licht am Ende von Hannahs Tunnel anzudeuten.

Die Autorin ist 1980 geboren, hat Deutsche Philologie studiert, über Einsamkeit in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur dissertiert, arbeitet als Lektorin, Literaturwissenschaftlerin und Rezensentin. Womöglich weiß sie allzu genau, wovon sie da schreibt; die Ängste der Protagonistin, die Beklemmungen und Enttäuschungen gehen beim Lesen sehr nahe. Das Mitleid mit Hannah ist groß, man wünscht ihr nichts mehr als endlich eine Chance, aber –
Es gibt ein Aber, ein erzähltechnisches Aber. Da sind diese nicht rechtzeitig erzählten Details, diese Informationen ex machina, die nicht für die Geschichte da sind, sondern für die Lesenden, damit diese sich nicht wundern. Da ist Hannah wochenlang allein in Berlin und macht angeblich nichts – und dann ist am Ende die Rede von einer Berlinkarte, auf der sie alle Orte markiert hat, an denen sie war. Und erst als die Figur Martin Stein einen Grund braucht, die Figur Hannah Weiss anzusprechen, kommt ins Spiel, dass sie Zeitgeschichte studiert hat – nach über sechzig Seiten, auf denen sie versucht, nach dem Studium beruflich Fuß zu fassen! Erst als Hannah sich als Kellnerin bewirbt, wird aus dem Hut gezaubert, dass sie sich mit Kellnern das Studium finanziert hat. Vielleicht, spekuliert man unwillkürlich, kennt die Autorin die Figur Hannah so genau, dass sie aus den Augen verloren hat, wie auch der Leser Hannah besser kennenlernen könnte – und das ist schade. Man würde sie nämlich sehr gerne genauer vor sich sehen, diese sympathische, traurige, enttäuschte, tapfere Hannah, die sich trotz allem noch einmal aufrafft. Wie beim Klavierspielen, wo man die missglückte Stelle einfach wiederholt und dann weiterspielt, so will sie weitermachen: „Von hier nehmen, das musste man das Leben.“ (S.141)

Bernd Schuchter
Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

 

 

 

 

 

 

 

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