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Ingo Schneider/Martin Sexl (Hg.): Das Unbehagen an der Kultur.

Hamburg: Argument Verlag 2015.
(Ar
gument Sonderband Neue Folge 318)
19 Euro.
ISBN 978-3-86754-318-7.

Mit dem Kulturbegriff wurde einstmals eine Reihe festgefahrener Denkweisen umgepflügt und forsch das Establishment herausgefordert. Erfolgreich besetzte er frei gewordene Denkräume – in Zeiten des Aufschwungs und demontierter Systemalternativen – und verdrängte als Basiskonzept alte Fragen nach Gleichheit, Ökonomie und Politik. Inzwischen sind die Kulturwissenschaften institutionalisiert, selbst Teil des Establishments und versorgen auch deutschsprachige Disziplinen mit Begriffen und Pep. Vor allem aber hat Kultur als praktisches Analyseraster in Alltags- und Mediendiskurs Verbreitung gefunden und avancierte zu einem der beliebtesten Deutungsmuster. Auf dem Weg in die Praxis sind Begriffsschärfen allerdings verloren gegangen. Auch führen essentialistische Lesarten das konstruktivistische Prinzip immer wieder ad absurdum. Dessen ungeachtet erscheint die massive Tendenz zur Kulturalisierung und Ethnisierung, ja auch zur Rassialisierung, durch langjährige Kulturforschung mitangefacht und legitimiert zu sein. Menschengruppen kulturell zu differenzieren, statt nach sozioökonomischen Faktoren und politischem Potenzial zu fragen, ist Frucht langjähriger Wissenschaftstradition, deren Effekte auf Gesellschaft und Politik wirkmächtig und bisweilen verheerend sind.

Dieser Problemhorizont, verknüpft mit einer unmissverständlichen Forderung nach Antwort und Rechenschaft der Wissenschaft, war 2014 Thema einer Tagung in Innsbruck sowie Grundlage des vorliegenden Bandes, der vom Ethnologen Ingo Schneider und dem Komparatisten Martin Sexl herausgegeben wurde. Namhafte WissenschafterInnen (11 Männer und eine Frau) aus Anthropologie, Diversity Studies, Philosophie und Literaturwissenschaften brachten ihr Unbehagen am Kulturverständnis zum Ausdruck und stellten eigene Denktraditionen mit Blick auf die katastrophalen Auswirkungen in vielen Teilen der Welt auf den Prüfstand. Entstanden ist eine gehaltvolle Sammlung von Texten, die – ausgehend von der eigenen Forschungstradition – aktuelle Konflikte und Erklärungsmuster problematisieren. Dabei lesen sich die Beiträge als mehr oder weniger erfolgreiches Ringen um eine Vergesellschaftung des Kulturverständnisses. Indem das Unbehagen der AutorInnen explizit wird und Auswege aus dem Dilemma projektiert werden, bietet das Buch hervorragende Anknüpfungspunkte für wichtige Auseinandersetzungen sowie Grundlagentexte für unsere Kulturtheorieseminare. Verbreitung und Diskussion im öffentlichen Diskurs wären ebenfalls sehr wünschenswert, wenngleich didaktisch herausfordernd. Die Heterogenität der Aufsätze in thematischer Perspektivierung, begrifflicher Fassung und sprachlichem Duktus bildet prominente Positionen der Kulturforschung ab und zeigt sich auch als Skalierung kritischer Haltungen. Empfehlenswert erscheint jedenfalls, die Beiträge in Referenz auf die Texte der Herausgeber zu lesen, um die unangenehmen Fragen an die folgenreichen Kulturkonzepte nicht aus den Augen zu verlieren.

So argumentiert Siegfried J. Schmidt, Doyen der empirischen Literaturwissenschaft, für die Schärfung des Kulturbegriffs, indem er die Differenz von Setzung und Voraussetzung stark macht, und wirft Fragen auf, die insbesondere in der französischen Kulturtheorie bearbeitet wurden. In der medientheoretischen Perspektivierung scheinen sich allerdings die politischen Kräfte zu verflüchtigen, die in der Problemskizze der Herausgeber fokussiert werden. „Auf der Suche nach der verlorenen Kritik“ analysiert Wolfgang Fritz Haug die Unterscheidungspraxis, die mit dem Kulturbegriff einhergeht, und ortet das kritische Potenzial insbesondere im “flüssige[n] Moment des Kulturellen“. Auch wenn Arbeit als Basis für das spezifisch Menschliche zu gelten habe, macht sich der Autor zuletzt doch wieder für die kulturellen Unterscheidungen stark, die gerade in globalen Verhältnissen bedroht wären. Der britischen Tradition der Cultural Studies widmet sich John Storey. Indem er mit Gramscis Hegemoniebegriff Williams’ Kulturverständnis klärt, macht der Beiträger nicht nur die gesellschaftskritische Anlage der Cultural Studies sichtbar, sondern auch die machtvolle Rolle der Medien. Als Beispiel führt er vor, wie aufgrund der aktuellen Medienideologie nur jenen Argumenten in der Migrationsdebatte Relevanz zuerkannt werde, die der Logik des Zahlenspiels folgen.

Während Storey, wie die meisten BeiträgerInnen, den Kulturbegriff zu retten versucht, erteilt ihm Terry Eagleton pointiert eine klare Absage. Dies gilt etwa für die Auffassung von Kultur als Lebensweise, die der marxistische Literaturwissenschafter als glattes Gegenteil von Politik ausmacht. Aber auch neuere Konzepte von Kultur, mit Begriffen wie Diversität, Gender, Identität, wären aktiver Teil eines „postrevolutionären Zeitalters“ und würden mit dem „Mantra der Einbeziehung“ Kultur als Letztbegründung durchsetzen – und das auch dort, wo es blutig wird. Eindrucksvolles Beispiel für das via „Kultur“ legitimierte und expandierende Gewaltpotenzial liefert Iman Attia, Professorin für Diversity Studies, die darlegt, wie aus Eingewanderten MuslimInnen, aus universellen europäische Werte gemacht werden, wie das Deutsche als Leitkultur (wieder)erfunden wurde und der Rasserassismus zum Kulturrassismus mutierte. Auch der Anthropologe Chris Hann kritisiert Lesarten aktueller Probleme. Nachdem Gesellschaft und Soziales in den 1950er Jahren als Forschungsfeld an die Soziologie abgetreten wurden, wäre es schwierig, gegenwärtige Konflikte wie jene in der Ostukraine mit anderen Krisen, etwa in Griechenland, in den Blick zu nehmen. Während Hann das Verhetzungspotenzial des Kulturbegriffs deutlich macht, versucht ihn Ulf Hannerz nach kritischer Analyse durch Erweiterung zu halten. Dazu schlägt er vor, zu den für Kultur konstitutiven Rahmen Staat, Markt und soziale Bewegungen den marginalisierten Aspekt der „Mit-Menschlichkeit“ hinzuzufügen.

Eine Ausweitung des Kulturbegriffs nimmt auch Wolfgang Kaschuba vor, wenn er nach einem aufschlussreichen Abriss über die Geschichte der Kulturwissenschaften, in dem er den Wandel von der Vergesellschaftung der Kultur zur Kulturalisierung der Gesellschaft aufzeigt, das kulturelle Repräsentationsparadigma expliziert, in das wir alle involviert sind: „Wobei wir allmählich ahnen und teilweise auch bereits wissen, dass es sehr häufig mittelschichtige Interessen und bürgerliche Milieus sind, die auf dieser kulturellen Klaviatur besonders virtuos spielen.“ Reizvollen Diskussionsstoff liefert der Versuch, Wissenschaftstraditionen zu vergleichen bzw. zu kulturalisieren, wie es Peter V. Zima anhand von Bourdieu und Luhmann vorführt. Auch ist die Bezugnahme zur französischen Kulturtheorie sehr begrüßenswert, die mir im Band etwas zu kurz zu kommen scheint. Zu Auseinandersetzung oder Widerspruch regt schließlich jener Beitrag an, in dem das nachgefragte Unbehagen an der Kultur in aufrührerischen Plätzen, wie Majdan, Tahrir und Taksim, Prager Wenzelsplatz oder Tian‘anmen, ausgemacht wird. Die Bandbreite, mit der Jürgen Wertheimer diese „Kulturkonflikte“ begreift, reicht von den antiken Begriffen der Agora und Arena über Foucaults Heterotopie und den Neologismus „Teilchenbeschleuniger ‚Platz‘“ bis hin zu aufgeladenen Bezeichnungen wie „Mutter der Platz-Massaker“ oder „Gesamtkunstwerk“.

Wichtige Bezugspunkte für solche Diskussionen bieten, wie gesagt, die von den Herausgebern gemeinsam verfassten Artikeln am Anfang und Ende des Buches. Hier finden sich neben versierten Einblicken in Entwicklung und Differenzen des Kulturbegriffes Schilderungen der Paradoxa, die sich aufgrund von analytischen Potenzialen der Wissenschaft und naturalisierenden Effekten der Praxis ergeben. Auch wird daran erinnert, dass „Kultur“ oft eher der Simplifizierung und Herrschaftslegitimierung dient, während „Politik“ die Gestalt- und Veränderbarkeit der Verhältnisse aufruft. Inwiefern die von Schneider und Sexl geforderte Entkulturalisierung durch Kunst und Literatur realisiert werden könne, wird im abschließenden Dialog andiskutiert. Für eine literaturtheoretische und literaturdidaktische Vertiefung dieser Frage wären ein weiteres Symposium und ein weiterer Band notwendig – und sehr willkommen!

Sabine Zelger
29. Februar 2016

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