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Funkhausanthologie 9. Woche 2016


Beiträge 110-120

von: Der Biersepp (Teil 1), Wolf Harranth (Teil 1), H. H. Hadwiger, John Morrissey, Wolf Harranth (Teil 2), Wolf Harranth (Teil 3), Hermann J. Hendrich (Teil 3), Mechthild Podzeit-Lütjen (Teil 2), Gerhard Ruiss (Teil 4), Christine Haidegger


Der Biersepp: Nur der ORF blieb unbeugsam

Die Republik Österreich verkauft das Parlament. Künftig werden die Abgeordneten in einem eigens dafür errichteten Anbau in der Shopping City Süd tagen; der Hauptsponsor hat vertraglich zugesichert, sich dezent im Hintergrund zu halten. Nur bei den Live-Sendungen, die jetzt etwas häufiger auch zu einer besseren Sendezeit stattfinden, werden öfters Zwischenschnitte von außen und Wähler/innen-Befragungen direkt aus der „Mall“ eingeblendet. Die katholische Kirche hat beschlossen – und der Vatikan hat es bereits gebilligt – den Stephansdom zu verkaufen. Das Goldene Quartier wird damit über den Graben gezogen und reicht nun von der ebenfalls von einem chinesischen Investor erworbenen Michaelerkirche bis zum „Saint Stephens Wonder-Wheel“, das in einer gewagten Konstruktion rund um den alten Steffl wirbelt. Von dort aus kann man das Goldene Quartier gut überblicken und die Betreibergesellschaft verdient auch etwas an den vielen Schaulustigen, die sich die Fetzen bei Gucci und Chanel nicht leisten können. Das Riesenrad wurde längst abgebaut, zerlegt und nach den immer noch erhaltenen Plänen in Shanghai wieder aufgebaut. Das Hologramm, welches die Praterbesucher an dessen Westend begrüßt, ist eigentlich genau so schön und kostet viel weniger in der Wartung. Nur das Funkhaus ist den Wienerinnen und Wienern geblieben. Der ORF (der schließlich uns allen gehört, beziehungsweise gehören sollte) blieb unbeugsam und hat alle verlockenden Angebote dankend abgelehnt.


Wolf Harranth: DIE SAU

Harry Harranth, mein Vater, genoss in den ersten Jahren nach 1945 eine gewisse Popularität als „Hiaslbauer“ in der Kinderstunde von Radio Wien, die er gemeinsam mit Dora Miklosich gestaltete. Stadtleben kontra Landleben war das Thema der Sendungen. Sie kamen life aus dem RPL oder RPM. Regie-/Proberaum Literatur und Regie-/Proberaum Musik im ersten Stock waren die einzigen betriebsfähigen Studios für kleine Produktionen. Sie grenzten an den Sportplatz des Theresianums, das vom sowjetischen Soldaten besetzt waren, die auch auf dem Rasen campierten – und eines Tages ein Schwein schlachteten. Das Quieken  des Tieres in Todesangst war laut und deutlich zu hören, denn in den Studiofenstern fehlten einige Scheiben. Schreckstarre bei der „Tante Dora“. Aber der „Hiaslbauer“ reagierte prompt. „Ah, da Nachboar sticht wieda a Sau o“, extemporierte er und stellte klar: „Wanns ehs Stadtleut a Fleisch essen wollts, muass bei uns a Viech sterbn.“ Tags darauf kam der Glaser und passte Fensterscheiben ein. Ich erinnere mich: mehrere Streifen, mit Bleistegen verbunden. Glas war rar in diesen Tagen. Bestimmt mindestens so rar wie Schweinefleisch.

NB: Life oder Live? Bitte halten Sie sich an Ihre Schreibgewohnheit. Der DUDEN empfiehlt: Livesendung, Live-Sendung, die; Wortart: Substantiv, feminin; Gebrauch: Rundfunk, Fernsehen


H. H. Hadwiger:
GEGEN DIE FUNKHAUSDEMONTAGE

Der ORF haut sehr viel Stunk raus.
Das dehnt er jetzt aus auf das Funkhaus,
den Hörern liebgeword'nen Schatz,
sieht ihn nunmehr als Arbeitsplatz
für seine Angestellten nur
und der Beschäftigten Großmeute,
und nicht als Wiege der Kultur
und Zentrum int'ressierter Leute,
sieht nur die äuß're, leere Hülle,
beraubt der künstlerischen Fülle,
wo Gleichgesinnte gern verkehren
und neue Wege sich entfalten.
Geplante Funkhausdemontage
bringt die Wohlwollenden in Rage!
Dagegen heißt es sich jetzt wehren,
indem man gegen Herrn Wrabetz
und seine Hampelmänner hetz'
und gegen deren Gremien ätz',
die doch nicht wissen, was man schätz'.
Nur so ist das noch aufzuhalten!
Statt neuem Unfug bleibt beim Alten!


John Morrissey

7h30, in einem Badener Gymnasium: „Hea Fessa, haben Sie wieder Radio gehört? Gibt es etwas Interessantes?“ Die von den meisten Lehrern ungeliebte Frühgangaufsicht bereitete mir immer großes Vergnügen – sei es wegen des stillen Beobachtens der  hereintrudelnden Schülerinnen und Schüler, sei es wegen der kurzen Gespräche, die  irgendwo zwischen skurriler Kleinkunst und wissenschaftlichem Symposium oszillierten. Was aber auch bedeutete, dass so mancher Plan für die nächsten sechs Unterrichtsstunden über den Haufen geworfen wurde, weil sich  aufgeweckte Kinder aus der 2B oder 4C dafür interessierten, was gerade in der Welt passierte. Und wenn ich nicht zur Gangaufsicht eingeteilt war, erkundigten sie sich  zu Beginn des Unterrichts nach politisch Aktuellem. Sie wussten, dass ich bei der Autofahrt zur Schule immer das Ö1-Morgenjournal hörte (und dass auch sonst, quer durch alle möglichen Fachgebiete, Ö1 und fm4  meine Unterrichtsgestaltung beeinflussten). Und so wurde aus einer Geschichtsstunde zu Columbus&Co eine politische Diskussion über den Islamischen Frühling oder über die Mühen Obamas gegen die Republikaner ein ordentliches Sozialsystem oder eine Einschränkung des Rechts auf Waffenbesitz durchzusetzen (wobei wir  oft die Kurve retour zu Columbus kratzten, weil das die Kinder auch interessierte). Was Oberstufenschüler betrifft (die um 7h30 viel zu verschlafen waren, um mir neugierige Fragen zu stellen) – auch da war das tägliche Hören von Ö1 und fm4 sehr hilfreich: „Hea Fessa, woher kennen Sie in Ihrem Alter diese Band?“


Wolf Harranth: PUNSCHKRAPFERL

1946 war ich fünf Jahre alt und konnte noch nicht schreiben und lesen. Wenn eine Kinderrolle anstand, lernte ich sie auswendig. Bei der Sendung stand mein Vater hinter mir, und wenn er mich in die Schulter zwickte, lieferte ich meine nächste Textstelle ab. Mit einer Ausnahme. Mein Vater zwickt, ich bleibe stumm. Er zwickt noch einmal, ich habe meinen Part vergessen. Irgendwie wird die Panne überspielt, mein Vater zerrt mich weg vom Mikro und verpasst mir eine Ohrfeige. Man muss sich die heftige Gestikulation aller Beteiligten vorstellen. Wir senden life, und wenn das Kind nun losbrüllt ... nicht auszudenken! Das Kind ist brav. Es brüllt nicht los. Es heult stumm und sagt bis zum Ende fehlerlos seine Sätze auf. Kaum ist das Rotlicht erloschen, wäscht man meinem Vater den Kopf. Entschuldigen kann er sich nicht bei mir, klar. Aber er geht mit mir ins Funkhaus-Buffet und spendiert ein Punschkrapferl. Es war die erste und einzige Ohrfeige, die ich von meinem Vater bekommen habe. Und das erste und einzige Punschkrapferl.


Wolf Harranth: AUF UND AB

Der Aufstieg eines Kinderdarstellers ist ein Abstieg. Zuerst steht das Kind auf einem Sessel, um in Mikro-Höhe zu kommen, dann auf dem Dirigentenpult, dann auf den Zehenspitzen und erst zuletzt mit beiden Beinen auf dem Boden.


Hermann J. Hendrich: Funkhaus 3

Heidi Grundmann, die Erfinderin und jahrzehntelange Leiterin des Kunstradios im ORF in der Argentinierstraße wusste seit Ende der 60er Jahre von meinen Tonband-Arbeiten und Vorführungen, da sie und Bob (Robert Adrian Smith, verstorben 2015) die Aktivitäten unsererseits in der werkstatt breitenbrunn, später der IntAkt als Journalistin aufmerksam verfolgt hatte. Nach Beginn der Spätabendreihe des Kunstradios meinte sie des öfteren bei persönlichen Begegnungen, wir sollten nun zusammen etwas machen. Als ich Anfang 2000 ein Interview mit ihr über die IntAkt und Christa Hauer durchführte, blieb ihr wohl nichts anderes übrig, als mir einen Termin vorzuschlagen. Also fuhr ich am Funkhaus vor, mein Auto ziemlich vollgeladen mit Taperecordern und Bändern, samt den nötigen Kabeln. Wir machten es uns in einem Studio gemütlich, und ich schloss meine Geräte an die ORF Maschinen an. Einige Bänder, die ich mithatte, fanden wenig Gefallen, aber bei der Aufnahme von pfingsbukett sang die Cutterin einige Songs sehr hübsch mit. Nun: es kam zu keiner Sendung, aber einige meiner Arbeiten sind nun im Archiv.


Mechthild Podzeit-Lütjen: gehört gehört (Teil 2)

Manchmal begegnete ich vor dem funkhaus mayröcker und jandl, fest hand in hand und im gespräch, machten rast „im wohlleben“,  man grüsste sich, man freute sich. Mein weg führte durch den vierten von 1991 – 2010 beinahe täglich in ein büro in der plösslgasse, zu fuss oder dann mit tretroller, im umfeld der arbeiterkammer. Aus dessen fenster ich einen blick in die gärten der liegenschaften gegenüber des orf hatte, und wo im frühling schneeglöckchen einen gesprenkelten teppich und der bambus von gärtnern zurecht geschnitten wurde. Ausser diesem zurechtstutzen wurden die gärten mit den hohen, alten bäumen nicht genutzt. Es war eine große stille in einer beinahidylle. Ich konnte die infrastruktur einer firma des hafenpalettenkranbaus nutzen, wie pc, drucker und fax, manchmal im morgengrauen, das licht der orfredakteure brannte auch dort nachts,  nahm ich den duft der bäckerei janele wahr, die im vierten ihren stammsitz hatte. Es war eine möglichkeit, meine texte umzusetzen, wofür ich unendlich dankbar bin. Im restaurant ostmeer nahm man gesunde kost zu sich und zurück immer am funkhaus vorbei, dessen straßenzug hinauf den blick zur elisabethkirche, backsteinbau, hinunter über den resselpark zum künstlerhaus und musikverein. Der anton benya park, das belvedere waren orte der sonnenstunden oder die bänke orte, die österreichische geschichte zu lernen, auch exegese oder hebräisch, gespräche, besprechungen, auch wenn peter pilz auf der nebenbank saß. Die achse zwischen jandlpark der schlüsselgasse - wiedner hauptstraße – taubstummengasse – argentinierstraße - plösslgasse - prinz-eugen straße fand immer ihre begehung über den orf. Hörfunk ö1 gehört gehört war mein tägliches brot. Ist es – denn erinnerungen sind es auch, die teil des lebens, unsere gegenwart, unsere zukunft mitbestimmen (können).


Gerhard Ruiss: Gehts-Gstanzln (Teil 4)
(Nach der Melodie von „Hollodaridio hollodaro“)

(getragen)
Ö Ans kost zvü Göd, mid Ö Ans is a Gfrett,
                wos gscheidas schpün goa ned, dafia wiad dauand bled gredt.

(flott) Geds nie und geds no,
         geds zach, geds ruck-zuck,
         geds auf und davo
         und glei noamoi zruck.

(getragen) Im Stiftungsrot sitzn lauta gschtaundane Leit,
        ausn Glücksschpü undn Baugscheft, de wissen üwa Zoin guat Bescheid.

(flott) Kuitua is nix Bessas,
         ka Kuitua is ka Schaund,
         wos Klanas is nix Greßas,
         nix au haum ka Gwaund.

(getragen) Vom Stiftungsrot is da Hoscha da Schef,
                 a Haschal deafst ned sei, muaßt wissen, wias ged.

(flott) Kuitua is nix Gscheidas,
         ka Kuitua ois imschtaund,
         wos a Schas is is nix Grewas,
         owa da Gruch ollahaund.

(getragen) Hüft ois nix, sogt da Hoscha, bein Lotto haummas a,
                eizoin tan olle, gwinna tuat ana ala.

(flott)
Hollodari,
         hollodaro.
         Und ged wos goa ned,
         geds no ollawäu aso.


Christine Haidegger: „Literatur passt nicht ins Radio.“

„Literatur passt nicht ins Radio.“ Das hat ein wichtiger Salzburger ORF Mann allen Ernstes behauptet und so gibt es hier nur mehr einmal im Monat sonntags etwas Primätliteratur ... Ich denke an die guten alten Zeiten, als der damalige Leiter der Literaturabteilung mich alle paar Wochen anrief um zu fragen, ob ich nicht wieder einmal einen Text hätte! Als eine berühmte Schauspielerin einmal Gedichte von mir las (leider zeiemlich outriert, wie ich fand) und ich herausfand, dass sie für diese Rezitation ein Vielfaches von meinem Autorenhonorar erhielt, war ich sauer und las von da an alle meine Texte selbst im ORF. Inzwischen bergnügt sich das Studio mit Veranstaltungsankündigungen, die irgendwo dazwischengestreut werden ...

 

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