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Amaryllis Sommerer: Wie das Leben geht.

Roman.
Wien: Picus Verlag, 2016.
268 Seiten; gebunden, 24 Euro.
ISBN 978-3-
7117-2036-8.

Autorin          Leseprobe

Ein in jeder Hinsicht trauriger Verlierer

Amaryllis Sommerer hat im Milena Verlag bisher drei Krimis/Thriller veröffentlicht und nun mit dem Verlag auch das Genre gewechselt: "Wie das Leben geht" ist ein Roman über ein verpfuschtes Leben.
Das Grundgerüst ist simpel: Anfang der Achtzigerjahre wird beim frühpensionierten Franz inoperabler Lungenkrebs diagnostiziert; und während es mit ihm über einige Monate zu Ende geht, versucht er sich an die Episoden aus seinem Leben zu erinnern, die er sich noch ins Gedächtnis rufen kann.
Franz ist Ende der Zwanzigerjahre geboren und hat von Anfang an miserable Karten in Gestalt eines prügelnden Säufers als Vater, die Mutter hat Mann und Kind verlassen. In der HJ macht Franz endlich mal etwas richtig, aber als er am Ende des Krieges für die Verteidigung Wiens eingezogen wird, ist es mit allem Heldentum vorbei, das findet Franz einfach nur grauslich. Der Vater ist nach dem Krieg das vollkommene Wrack, tut Franz aber den Gefallen, bald zu sterben. So hat Franz eine eigene Wohnung und macht sogar eine Ausbildung als technischer Zeichner. Seine Sehnsucht nach ein bisschen Glamour und nach Frauen führt ihn in die Bar Vegas, zuerst an die Bar, bald aber ins Hinterzimmer, wo er sich als talentierter Pokerspieler entpuppt, der schnell zum Prinzregenten des Unterweltkönigs von Ottakring aufsteigt, maßgeschneiderte Anzüge und betörende Hure inklusive.
So verlaufen seine Tage – schlafen, Geld ausgeben, im Vegas trinken, spielen und sich mit Prostituierten amüsieren –, bis er im Prater Helli begegnet: sehr jung, sehr schön, völlig unverdorben. Es ist für beide Liebe auf den ersten Blick, Franz und Helli werden ein Paar, heiraten 1955 und bekommen eine Tochter. Franz möchte für seine Familie ein guter Mann und Vater sein, und eine Zeitlang scheinen sie das perfekte pastellfarbene Fünfzigerjahre-Idyll leben zu können.
Aber Franz gehört nicht wie sein Freund Günther zu den unverwüstlichen Stehaufmännchen, er kann nicht auf Dauer von den Nachtlokalen lassen und gerät in eine Abwärtsspirale aus Trinken, Spielen, spät oder gar nicht Heimkommen, Job verlieren, Angstzustände. Helli wartet treu ergeben Nacht für Nacht auf ihn, sie sucht sich eine Arbeit als Konsum-Verkäuferin, hält den Alltag aufrecht; ihr Eheleben besteht an guten Tagen aus gemeinsamem Fernsehen. Tochter Katja flüchtet aus Ottakring, so bald sie kann; was sie studiert, weiß Franz nicht einmal.
Mit fünfzig wird Franz in Frühpension geschickt, kauft sich einen Schrebergarten und trinkt und raucht vor sich hin, bis er mit dreiundfünfzig erfährt, dass sein Leben sehr bald sehr elend enden wird. Zeit, Bilanz zu ziehen, und die schaut natürlich nicht gut aus.

Kommunikation ist nach Niklas Luhmann der entscheidende Faktor im Zusammenleben. Kommunikation muss aber, um gelingen zu können, verständlich und ehrlich sein, und das ist das Drama dieser Ehe. Franz und Helli sind als Vertreter einer Kriegsgeneration, die schweigen muss, um mit Erlebtem fertigwerden zu können, absolut nicht imstande, miteinander zu kommunizieren; im Grunde sind sie nicht einmal imstande, reflektierend mit sich selbst zu kommunizieren. Daraus muss sich eine Erzählhaltung ergeben, in der die Figuren beschreiben, was ihnen zugestoßen ist, das aber nicht oder kaum deuten können, was Amaryllis Sommerer im Großen und Ganzen konsequent durchhält. Schlüsse ziehen muss der Leser allein – und die Tragödien hinter manchen Sätzen haben es in sich: „Helli war die erste Frau in seinem Leben, die aus dem Mund nicht nach Alkohol, sondern nach Schokolade roch“, stellt Franz fest.
Erzählen kann Franz seiner Frau nicht, was der Arzt gesagt hat; er kann ihr nur schweigend ein zerknittertes Papier entgegenhalten. Helli versteht nicht, was darauf steht, bis auf „Karzinom“ und „inoperabel“. Und was macht sie dann? Sie geht mit dem Hund raus. Franz und Helli können nach der Diagnose Versäumtes natürlich nicht nachholen, an ihrem Alltag ändert sich nur, dass Helli mehr trinkt. Immerhin Tochter Katja ist in den letzten Monaten häufiger da, damit Franz nicht den ganzen Tag allein ist, und sie ist auch da, als Franz – wovor er sich gefürchtet hat – in rauen Mengen Blut zu husten beginnt und die Rettung vermutlich zu spät kommen wird.
Franz selbst hat Schwierigkeiten, sich an die schönen Zeiten in seinem Leben zu erinnern, und entsprechend dünn gesät sind schöne Szenen in diesem Roman. Aber nicht der schwer verdauliche Inhalt macht das Lesen streckenweise anstrengend, sondern die Tatsache, dass Amaryllis Sommerer ihre Figuren quasi unzensiert nachsinnen lässt, und da wird es mitunter langatmig und manches wiederholt sich unnötig in Variationen. Helli und Katja kommen auch jeweils kurz zu Wort, vielleicht um neben Franz’ dominierender Perspektive eine andere Seite zu zeigen, was dem Bild allerdings keine neuen Facetten hinzuzufügen vermag.
Dennoch: ein beklemmend düsteres Porträt von einem, der es nicht geschafft hat, aus dem, was er hatte, das Beste zu machen.

Bernd Schuchter
2. März 2016

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

 

 

 

 

 

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