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Jan Kossdorff: Leben spielen.


Textprobe S. 69/70

„Vielleicht wärst du mit dem ganzen System besser klargekommen, wenn du einfach nur für dich gespielt hättest. Stattdessen hast du für deine Mutter gespielt, für Otto, für die gerade aktuelle Flamme … vor allem aber für irgendeine himmlische Instanz, die mitschreibt, wer sich die größte Mühe macht und am meisten Seelenpein in seine Arbeit steckt. Aber nicht für dich selbst.“
„Und du? Spielst du etwa nicht für andere?“
„Doch, natürlich, wir sind ja alle gierig danach, bewundert, gelobt und geliebt zu werden, ich nicht weniger als du oder irgendjemand in diesem Raum. Aber ich würde auch auf der einsamen Insel für ein Publikum von drei Kokosnüssen auftreten. Es hat schon einen Grund, warum unser Beruf nicht Schauarbeiter heißt. Wir spielen. Und es ist doch sinnlos zu spielen, wenn man selbst keinen Spaß daran hat.“
„Na, dann ist ja gut“, sagte Misha hart, „denn ich spiele nicht mehr.“
„Was ich sehr, sehr schade finde!“, sagte Sebastian beschwichtigend, „und alle, denen ich davon erzählt habe, übrigens auch.“
Sebastian griff nach Mischas Glas, um es wieder aufzufüllen.
„Vergessen wir das einfach“, seufzte Mischa, „was tut sich denn bei dir?“
„Um ehrlich zu sein, versuche ich selbst gerade, das System zu umgehen.“
„Ach, erzähl mal!“
„Ich denke an ein Theater, das auf alles verzichtet, was wir gemeinhin mit diesem Begriff verbinden: auf ein fixes Haus, auf Publikum, einen Text, die Presse, Kritiker, Förderungen, Preise, und so weiter…“
„Das klingt gut“, sagte Mischa anerkennend nickend, „damit sollte man aus dem Gröbsten heraußen sein.“

 

© 2016 Deuticke Verlag, Wien

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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