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Funkhausanthologie 10. Woche 2016


Beiträge 121-130

von: Der Biersepp (Teil 2), Gerhard Ruiss (Teil 5), Renate Welsh-Rabady, Isabella Breier, Jörg-Martin Willnauer, Regine Lyon, Markus Lindner, Werner Swossil, Franz V. E. Ginner, Horst Lothar Renner


Der Biersepp:
Über die Qualität eines Namens und die Wirkung eines Hauses auf die in seinen Mauern hergestellten Arbeiten

„Funkhaus“. Was für ein schöner Name! Funk erinnert mich an weihnachtliche Sternspucker und könnte einen sogar an den Göttlichen Funken denken lassen, wenigstens an die Macht zündender Ideen, die beim Erstellen von Radiosendungen nicht fehl am Platz sein sollen. Apropos Radio – wer immer das Gebäude „Funkhaus“ und nicht etwa „Radiohaus“ getauft hat, muss sich mit Rhythmus und Sprache ausgekannt haben. Auch keine schlechten Voraussetzungen für das Betreiben einer solchen Institution. „Haus“ ist schlicht, kraftvoll und ein echtes Understatement („House“ heißen ja auch gerne englische Schlösser). Doch das Funkhaus ist kein Prunkhaus. Seine wahre Größe ist an seiner Atmosphäre zu erkennen. Weihevoll stimmt sie die Besucher/innen bereits beim Betreten des Hauses ernsthaft und aufmerksam. Man lässt diese „Atmo“ ein paar Minuten auf die Gäste wirken, bevor sie beim Entree zum Interview abgeholt werden. „Das fördert die Konzentration und die Qualität der O-Töne“ denke ich, während ich auf Doris Glaser warte, die mich in ein Studio holt, weil ihr die Gründung meines kubus-Verlages einen Sendungs-Beitrag wert ist. Ich hatte Peter Ahorner im Programm und kurze Zeit später den damals noch blutjungen und völlig unbekannten David Schalko. (Dessen Bekanntheitsgrad innerhalb des ORF gleicht inzwischen dem Wahlergebnis eines zentralasiatischen Diktators). Das Ganze ist jetzt ein paar Jahrzehnte her und ich war inzwischen in vielen Studios. Aber nirgendwo anders habe ich die Heiligkeit der Hallen so erlebt und als so wirksam auf die Güte des dort Hergestellten empfunden, wie im wundersamen Funkhaus in der Argentinier Straße 30A.


Gerhard Ruiss: Gehts-Zugabe-Gstanzln
(Nach der Melodie von „Hollodaridio hollodaro“)

(getragen)
          Zum Frühstück in Feansehn, sogt da Wrabetz, do schtö ma wos hi,
          zen Müllionan fia a Dreivialjoa, sunst schted de Patie.

(flott) Jetzt sog scho, nau jo,
          jetzt sog scho, nau guat,
          is ka Feia aum Doch
          und brennt a ned da Huat.

(getragen) Wos bei uns gschpoat wiad, des mecht ma ned glaum,
                 sogt de ORF-Schefität, bis mad Boni zaum haum.

(flott) Is ned bled, is ned gscheid,
          is ned wos, is ned nie,
          is so ned, ned so weid,
          und bins no ollawäu ned i.

(getragen) Wos mia wedln und breln, des kaunn kana seng,   
                drum gibts sunst wo a Podest, miaß ma si ois easte drauf schtön.

(flott) Wosd ned glaubst, wos ned sogst,
         von oin hosd scho gnua.
         Wosd ned brauchst, wosd ned mogst,
         kriagst a no dazua.


Renate Welsh-Rabady

In den frühen Siebzigern des vorigen Jahrhunderts gab es unter der Schirmherrschaft von Hubert Gaisbauer die Serie „Keiner lebt für sich allein“. Die verschiedenen Mitglieder der namenlosen Wiener Gruppe schrieben – oft vierhändig, weil das mehr Spaß machte – in wechselnder Besetzung Kurzhörspiele zu den unterschiedlichsten Facetten des Zusammenlebens. Für mich war es am spannendsten, wenn ich in alle Stadien des Prozesses mit einbezogen wurde, auch in die Gespräche zu den aufgeworfenen Problemen mit Kindern, die anschließend an die Hörspiele gesendet wurden. Ich glaube, dass diese Gespräche mit Kindern auch einen Anteil an den Schreibwerkstätten haben, in denen ich seither versuche, Menschen Mut zur eigenen Sprache zu machen. Die Diskussionen in der Redaktion waren anregend , auch wenn es mir auf dem Heimweg nur selten gelang, die Ideen in meinem Kopf zu sortieren.  Leider habe ich mich oft nicht getraut, aktiv etwas anzubieten, sondern nur dann mitgearbeitet, wenn ich dazu eingeladen wurde. Wenn ich heute das Haus in der Argentinierstraße betrete, spüre ich immer noch einen Hauch von diesem Gefühl, Teil zu haben an einer Veränderung zum Besseren, Lebendigeren, zum Öffnen von Türen, das damals in der Redaktion Jugend und Familie so greifbar und ansteckend war.


Isabella Breier: A dream, my dear, a fullmoony Funkhaus dream

Abgehalfterte Erwartungen und entlaufene Ideen liegen des Nachts
im abgeernteten Feld im derben Clinch mit gekrönten Ad-Hoc-Vorschlägen.

Eine zeitgetönte Show. Mein Gott. 

Beim Intro stehen ordinäre Wendungen im Glitzeranzug im Mittelpunkt,
bis ein blinkender Stern vom finstren Wiener Himmel schwebt.
Dessen Riesenballon entsteigen strahlende Gestalten
mit bildungsverbürgenden Ausweisen.

Schuberts Winterreise, drei, vier Takte.

Moderieren wird das funky Versöhnungsfest
ein nasenoperierter Nasenbär mit idealem Brustumfang.
Bei Konfettiregen und Tusch treten endlich herein: Bonobos,
die debattieren mit einem weiß gekleideten Sloterdijk
über ihre Doku zu „Liebe, dann Frieden“.

Geslamt wird abwechselnd von Droste-Hülshoff und Rudi Radiohund.
Leute wie Nina Hagen konvertieren live zum rationalen Denken.
Mit Punkfrisuren punkten nette Designer auf Glückssuche.
Und irgendein Kanzler singt irgendein Lied,
zu Glöckchen und Wind und Handlungsbedarf.

Bachs Air, im Hintergrund.

Dazu bieten frisch gekürte Comedy-Stars einen traditionellen
   Fruchtbarkeitsritus dar.
Später gibt’s Special Effects! Oder so. Und Riot Grrrls!

Am Schluss schnalzen die gekrönten Ad-hoc-Vorschläge
dem Zaumzeug der Erwartungen, den Schlingen der Ideen hinterher.
Und unter brandendem Applaus zählen ausgerechnet paar aussterbende
   Arten
die rhythmisch gefallenen Zacken des Zufalls.


Jörg-Martin Willnauer: DAS TURNIER

Wer wirkte bis 1968 in einer ORF-Jugendsendung und wechselte nach dreiwöchiger Pause in den „Seniorenclub“? Willy Kralik. Er hatte mich eingeladen. Zur Vorbesprechung. Damals residierte sein Stammhaus „Radio NÖ“ * noch in der Argentinierstraße. Ich war nicht zum ersten Mal im Funkhaus: erinnere Giselher Smekals übervollen Schreibtisch ebenso lebhaft,  wie Georg Kreislers wunderbaren Abend zu seinem 80. Geburtstag im Großen Sendessal. Vorbesprochen wurde die Sendung "Turnier auf der Schallaburg". Mein Kontrahent: Peter Orloff, Pfarrerssohn wie ich. Die Begegnung mit Willy Kralik war herzlich. Wir waren uns schnell einig und trafen uns kurz vor der Sendung vor Ort. Peter Orloff erschien und sprach: " Ich finde das echt toll, was Sie machen! Ich würde auch gerne Kabarett machen, aber so lange die Fans meine Lieder hören wollen, mache ich Schlager." Ich dachte: "Chapeau. Er geniert sich."  Klartext sprach sein Manager: "Wenn Sie ihn verarschen, greif ich ein!" Die Sendung enthielt Zwischentöne, aber keine Zwischenfälle und wurde zwei Mal ausgestrahlt. Einmal live und einmal zeitversetzt. Willy Kralik chauffierte mich in seinem Wagen zurück nach Wien und wir verabschiedeten uns in der Argentinierstraße. Willy Kralik starb 2003. Die Argentinierstraße wird es noch lange geben. Das Funkhaus dort hoffentlich auch.

* Radio NÖ: Für norddeutsche Ohren ein Ausschaltimpuls.


Regine Lyon: Sehr geehrter Stiftungsrat des ORF!

Tief besorgt um Eigenständigkeit und Niveau des österreichischen Rundfunks, die ich durch den geplanten Verkauf des Funkhauses gefährdet sehe, ersuche ich dringend von diesem Vorhaben Abstand zu nehmen und den Menschen unseres Landes die Bürgernähe, Unabhängigkeit und die nicht hoch genug einzuschätzende Qualität von Sendungen wie Ö1, FM4 und Radio Wien  zu erhalten.


Markus Lindner: Transmitter Argentinierstraße

Am Anfang war die Stille. Der erste Funken, dann Wellen, die durch Äther und Wände gehen, unaufhaltbar, wie ohne Grenzen. Zu jeder vollen Stunde der Gong. Es ist 0 Uhr. Walter Richard Langers Stimme kündigt die Jazznacht an. Aufgewachsen bin ich in einem kleinen Tiroler Dorf, aber Langers Stimme, die Musik ankündigt, die Fenster aufgehen ließ, das waren Lichtbalken in schwarzer Nacht. Eine Welt jenseits der Gebirge des Hump-Ta-Tas und des Bananen-K.s wird vorstellbar. Namen wie Duke Ellington, Benny Goodman, Dizzy Gillespie, Miles Davis, John Coltrane traten durch die beiden Ohren und Gehörgänge fast synchron ins Hirn. Dort für immer eingeätzt. Und diese verrückte Musik, die ich immer mehr liebe. Von Langers Tod im Radio gehört. Ich war 30 Jahre alt, als ich das erste Mal durch die Argentinierstraße spazierte. Manchmal spricht mich Architektur an, wie dort. Das Ohr vor der verfugten Wand. Die Spannung, allein dadurch, wie es dasteht, unser Funkhaus. Seither ist das Radio dort verortet. Jeden Sonntag brodelt dort abends der Sumpf auf. Eines meines heimeligsten Gefühle. Ob und welche Effektgeräte wohl in der Argentinierstraße bei Ostermayer im Einsatz sind? Das Kunstradio auf der anderen Frequenz. Ein paar intergalaktische Reisen damit gemacht. Im Funkhaus steht ein Transmitter, für immer. Häuser sind aus Ziegeln. Manche werden wieder zu Ziegeln. Es gibt solche und andere Ziegel. Das Funkhaus sollte nicht verkauft werden.

Werner Swossil

1968 engagierte mich Walter Davy als Dramaturg für die von ihm geleitete Abteilung Oberspielleitung/Fernsehspiel. Walter Davy war auch – alternierend mit Wolf Neuber – Regisseur der Sonntagmorgensendung DER WATSCHENMANN. Diese Zeitsatire – ursprünglich vom Sender ROT WEISS ROT entwickelt – war von Gerd Bacher für den ORF wiederbelebt worden und lief dann bis 1974. Für die pointengebenden Musikeinspielungen waren mein Kollege H. P. Holasek und ich Mitglieder dieses legendären Teams. So saß ich denn jeden Samstag im Schallplattenarchiv mit den Textbeiträgen vor mir und hörte mich durch deutschsprachige Vokalmusik, quer durch die Genres und Zeiten. Mittags traf man sich in der Kantine, sommers auf der Terrasse (!!!), um den Stand der Produktion zu besprechen. Am Nachmittag dann Mischung und Endfertigung. Vor der Übersiedlung des TV auf den Küniglberg waren die Unterschiede der inneren Betriebstemperaturen zwischen Funkhaus und TV-Direktion nicht wirklich gravierend. Bei späteren fallweisen Tätigkeiten wurden die Unterschiede immer deutlicher. Die Ballung von vier Führungsinstanzen (zwei Intendanten, kaufm. und techn. Direktion) im ORF Zentrum ergab schon Distanzen auf den Gängen, während im Funkhaus Gänge und insbesondere das Foyer Begegnungszonen waren. Eine weitere Konzentration auf dem Küniglberg mag wohl rationell erscheinen, für die Charakteristik des Hörfunks und seine Besonderheit aber fürchte ich ...


Franz V. E. Ginner: Funkhausreminiszenz

Das Radio lernte ich als Knirps durch das von meinem Vater selbst gebastelte Detektorradio kennen. Aus einem Bakelithörer ertönten musikalische Töne. Damals stellte ich mir vor, daß im Funkhaus in der Argentinierstraße eine Musikkapelle war, die auf Befehl des Kapellmeisters vor einem Mikrophon musizierte. Meine Mutter hatte ein Koffergramophon das mit einer Kurbel, so wie eine Spielzeugeisenbahn angetrieben wurde und einige Schallplatten. Daß die Musik im Radio von solchen Schallplatten kommt kam mir lange nicht in den Sinn. Als Angehöriger der Gendarmeriezentralschule Mödling wurde mir als dienststellenbekannter Liebhaber klassischer Musik die Ehre zuteil, Konzertbesuche im großen Sendesaal des Funkhauses in der Argentinierstraße zu organisieren. Anhand eines Konzertprogrammes gab ich einem Sachbearbeiter des Funkhauses die Anzahl der gewünschten, kostenlosen Konzertkarten bekannt. Ein Gendarmeriekraftfahrer holte anläßlich einer Dienstfahrt diese Karten beim Portier ab und ich verteilte sie an die interessierten Kameraden. Auf diese Weise konnten wir mit unseren Ehefrauen lange Jahre hindurch wundervolle Konzerte erleben und viele bekannte Dirigenten wie: Milan Horvat, Horst Stein, Karl Etti, Kurt Rapf, Hans Swarowsky, Miltiades Caridis, Ernst Märzendorfer, Dietfried Bernet, Carl Melles, Hans Gattermayer, Robert Heger, Jesus Lopez Cobos, Heinz Wallberg, Franz Bauer-Theussl, Karl Österreicher, die Solisten Paul Badura Skoda, Alfred Hertel, Friedrich Gulda, Alexander Jenner, Manfred Geyrhalter, Ludwig Hoelscher, Josef Sivo, Heinz Medjimorec, Hans Petermandl, Heinrich Schiff, Hilde Somer, Anton Maier und die Komponisten Gottfried von Einem, Egon Wellesz, Friedrich Cerha, und unter den Konzertbesuchern manche weltbekannte Persönlichkeiten persönlich kennen lernen. Zum Glück gab es damals in der Argentinierstraße für in Niederösterreich wohnende Konzertfreunde, kaum Parkplatzprobleme. Durch die Pensionierung des gendarmeriefreundlichen Sachbearbeiters endete der bevorzugte Kartenbezug, aber die Erinnerung an zahlreiche herrliche Konzerterlebnisse blieb durch die sorglich aufbewahrten Konzertprogramme unvergesslich.


horst lothar renner

nein,
ich habe keine romantische beziehung zum rundfunkgebäude in der argentinierstrasse. in den sechziger jahren hatte ich dort – hörspiel und literaturbeiträge – öfters zu tun. ich musste dabei vorsichtig agieren, ein verlassen des bürgerlichen pfades war nicht gefragt. diese konservative grundhaltung war, und ist noch heute, die basis des öffentlich-rechtlichen rundfunks.
trotzdem
bin ich gegen den verkauf des rundfunkgebäudes. warum wird etwas verkauft? entweder aus gewinnsucht, oder man will etwas bestimmtes los werden.
gut, irgendwer wird schon seine provision  bekommen, aber dem loswerden des gebäudes, folgt die eingliederung der beschäftigten in eine fremde arbeitskultur,
folgt die zentralisierung der „stimme österreichs“. vorgebrachte organisatorische verbesserungen empfinde ich als fadenscheinige ausrede, angesichts elektronischer möglichkeiten. es geht um machtdemonstration und machtkonzentration!
und ja,
ich habe angst. angst vor der zukunft, angst vor dem nächsten wahlausgang. angst, dass aus der „stimme österreichs“ ein demokratiepolitisch bedenklicher
rundfunk wird. zentralisierte sendemacht ist dann verfügbar. und diese ist natürlich leichter einsetzbar.
ja!
zu freien medien. ja! zu unterschiedlichen ausgangspunkten, ja! zu differenzierten programmen, ja! zu verschiedenen örtlichkeiten und strukturen.
kreativität muss unbegrenzt bleiben.
darum
lasst den rundfunk im funkhaus. diesem bollwerk gegen einen nationalen rundfunk.

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