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Barbi Markovic: Superheldinnen. Roman

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Rezension

Leseprobe Seite 156-161:

Wir hatten uns so sehr bemüht, damit alles okay sein würde, während Städte/Länder an uns vorbeiströmten. Neben uns strömte das Wiener Leben in seiner geschwätzigen Vielfalt, es strömte das Leben in Zagreb und Graz in seinem abgeschiedenen Seitenarm, es strömte auch das Leben in Belgrad in seinem Versuch, sich selbst den Schwanz abzubeißen. Uns juckten die rosa Narben von den Wunden, die wir uns selbst zugezogen hatten, als wir blind versuchten, uns aus dem Schlamm zu ziehen, in den wir durch Geburt und Auswanderung geraten waren. Wir waren unzufrieden. Wir kamen aus dem Dreck, aber wir waren nicht gekommen, um ewig von einer schlechten Arbeit zur nächsten zu hetzen. Diesbezüglich habt ihr uns falsch eingeschätzt. Wir waren gekommen, um das Leben aus der Werbung zu leben. Ich bemühte mich mit allen Kräften, an etwas Positives zu denken. Zum Beispiel liebte ich Tiere, die von mir abhängig waren, und Menschen, die über meine Witze lachten. Gelungene Kommunikation motivierte mich, wie Erfolg im allgemeinen. Aber all das war ein schwacher Trost angesichts der vielen Schrecken. Die Menschen stürzten Treppen hinunter und kotzten sie voll. Die Tauben nutzten die Situation, um sich auf den Treppen an der gelben Säure satt zu essen. Es waren genau die Treppen, die Mascha, Direktorka und ich langsam hinaufstiegen, hinauf zur Mittelschicht, aber ein Ende war nicht in Sicht. Wir wollten bis ganz nach oben, an die Erdoberfläche, um plötzlich ganz andere Personen zu werden, wie Larven, die an der Erdoberfläche alle Organe verlieren, die nötig waren, um sich einen Weg durch die unterirdischen Tunnel zu bahnen, und denen stattdessen kitschige, banale, bunte Flügel wachsen. Wir konnten den Tag kaum erwarten, an dem wir uns als zufriedene Optimistinnen entpuppen würden. Unsere Treppe befand sich in Wien. Wir wussten, dass es unbedingt nötig war, Treppen zu steigen, aber die Stufen waren steil und gefährlich. Wir waren vorsichtig. Bist du eine Taube, musst du ununterbrochen vorsichtig sein. Bist du ein Mensch ohne Rückendeckung, ebenfalls. Wir konnten in jedem Augenblick ums Leben kommen. Wir konnten in jedem Augenblick ums Leben kommen. Es war dieses Mantra, das mich während der zehnstündigen Reise von Belgrad nach Wien belagerte. Es war dasselbe Mantra, das mich übermannte, als die Nacht über den Samstag und über das Sette Fontane hereinbrach.
Wir kehrten in unser Separee zurück, noch bevor das Konzert vorbei war. Als ich in meine Papiere sah, wurde mir klar, dass ich ein wenig betrunken war.
Fällt man einmal aus seiner täglichen Ordnung heraus, kommt es zur wilden Improvisation, das ist die höchste Lebenskunst, zugleich die größte Gefahr. Es war so verraucht, dass man nichts mehr sehen konnte. Mascha sagte, sie hätte auf dem Weg zum WC gehört, dass das Sette Fontane zwar eine Klimaanlage hatte, es aber nicht möglich war, gleichzeitig die Klimaanlage und die Heizung einzuschalten. "Genau so ist es im Leben", dachte ich. Keine von uns konnte einer leuchtenden Zukunft entgegensehen. Es ist schwer, Kellnerin zu sein, aber noch schwerer ist es, eine Kellnerin zu sein, die in die Jahre gekommen ist. Sollte Direktorka einfach so weitermachen, würde sich sich irgendwann nicht mehr erklären können, wie das aus ihr geworden war, und noch weniger würde sie sich erklären können, warum sie dabei geblieben war. Mascha würde früher oder später ein Burnout bekommen. Ich würde zusehends verfallen. Ich hatte nicht den Mut, die Geschichte zu Ende zu denken. Es war an der Zeit, dass ich dieser ausweglosen Situation entkam. Der Augenblick war gekommen, auf den ich den ganzen Abend gewartet hatte.
"Ich warte schon den ganzen Abend darauf", sagte ich. Draußen wälzte der Wind die verletzten Vogelkörper herum. Ich schaute Mascha und anschließend Direktorka direkt in die Augen, um eventuellen Vorurteilen oder bereits getroffenen Entscheidungen auf die Spur zu kommen, aber ihre Gesichter waren weich vom Bier, und das Belgrader Säckchen an Direktorkas Hals befand sich in einem entspannten Zustand. "Stellt euch die folgende Frage", sagte ich, "warum hocken Menschen wie wir am Grund ihrer Seele? Warum führt alles, was wir unternehmen, bloß dazu, dass wir uns noch tiefer in den Schlamm eingraben, in dem wir ohnehin schon stecken? Inzwischen steht uns der Schlamm bis zu Hals! Wie sollen wir unsere hungrigen, nervösen Biografien erklären?"
"Ich habe keine Ahnung. Was ist die Antwort?", erwiderte Direktorka. "Hast du jemals Tauben in die Augen geschaut? Hast du gesehen, wie sie mit diesen rot-schwarzen, unersättlichen Knöpfen alles verschlingen: Gebäude, Menschen und Hunde, wobei sie in Wahrheit nichts anderes tun, als nasse Brotkrumen zu picken? Wir sind genauso. Unsere Augen sind gierig, unsere Lippen schmal, die Beine dürr, die Arme so gut wie nicht vorhanden... Ich weiß, euer erster Impuls wird darin bestehen, meinen Vorschlag abzulehnen, aber ich bitte euch, lasst mich ausreden und denkt dann erst nach über das, was ich sagen werde. Mascha und Direktorka richteten sich auf und stützten sich mit den Ellbogen am Tisch ab, um mich besser zu hören. "Euch ist bestimmt aufgefallen, dass ich in letzter Zeit ungewöhnlich nervös bin." "Naja, mehr oder weniger", sagte Direktorka, "etwas mehr als sonst." "Ich stecke in der Klemme. Nichts gelingt mehr. Vor ein paar Tagen hatte ich ein Vorstellungsgespräch, und als der Mann mich bat, etwas über mich selbst zu erzählen, brach ich in Tränen aus. Aber es geht nicht nur um mein persönliches Unglück oder um Selbstmitleid. Ich bin eine wandelnde Katastrophe, und was uch immer ich anfasse, erleidet einen Kurzschluss. Ich habe inzwischen Angst, Verkehrsmittel zu benützen..." Ich hatte den Eindruck, dass die Aufmerksamkeit der beiden nachließ, also kam ich zur Sache: "Ich behaupte, Marijas Fluch erfüllt sich nun, und ich denke, ich stelle eine reale Gefahr für meine erweiterte Umgebung dar."
[…]

"Also", sagte ich, "ich bitte euch, mich auszulöschen."

© 2016 Residenz Verlag, Salzburg-Wien

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