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Judith Gruber-Rizy: Der Mann im Goldrahmen

Roman.
Verlag Wortreich, Wien 2016.
296 Seiten; gebunden; EUR 19,90.
ISBN 978-3-903091-06-1.

Autorin

Leseprobe

Eine Frau, eine Kamera, ein kleiner Ort in den Bergen, der Frühling mit blühendem Kirschbaum. Was auf den ersten Blick wie ein romantisierendes Setup wirkt, ist in Wahrheit eine artifizielle Lebensanordnung, in der es um innere Einkehr, Rückbesinnung und die Erlangung von Klarheit und Abschluss geht.
Die namenlose Ich-Erzählerin in Judith Gruber-Rizys neuem Roman „Der Mann im Goldrahmen“ ist um die fünfzig, Fotografin aus Wien (freilich wird im Buch immer nur von W. gesprochen), die sich ein Jahr Auszeit verordnet, um sie in der relativen Einsamkeit einer nicht näher bezeichneten Ortschaft wenige Autostunden von ihrem regelmäßigen Großstadtleben entfernt zu verbringen. „Ich werde viel Zeit haben in diesem Jahr. Sehr viel Zeit. Zeit zum Erinnern, zum Nachdenken über so vieles und über mich, über mein Leben, über Versäumtes und nicht Gelebtes“ (S.10).

Ihrer Umwelt gegenüber begründet sie das mit einem Fotoprojekt: 365 Tage lang, vom 01. Mai bis zum 30. April des Folgejahres, wird sie aus einem Fenster heraus den immer gleichen Kirschbaum fotografieren. Diese Dokumentation steht exemplarisch für die bewusste Verlangsamung ihres Daseins, um über Gewesenes zu reflektieren – vor allem über eine kurze, aber intensive Beziehung, die bereits drei Jahre her ist, zu einem Mann namens Stephan, die sie vor ihrem gesamten Umfeld einschließlich ihres Sohnes geheim gehalten hat. Stephan ist fast zwanzig Jahre jünger als die Protagonistin, doch mit ihm erfährt sie zum ersten Mal in ihrem Leben eine authentische Gleichrangigkeit im Zusammensein: „Bei Stephan verschwamm nichts, er hatte klare Konturen, er war als Mensch insgesamt klar und deutlich“ (S.107).
Doch die Ich-Erzählerin fühlt sich außerstande, die Beziehung fortzusetzen, als ihr Sohn, damals bereits fast erwachsen und auf Klassenfahrt in England, nach vier Wochen wieder nach Hause kommt. Sie vermeint die Vergeblichkeit einer Amour fou zu verspüren und findet für sich auch im Nachhinein noch etliche Gründe für deren von ihr herbeigeführtes abruptes Ende: den Sohn, den Altersunterschied, das Gefühl, ihre Unabhängigkeit nicht aufgeben zu wollen (wäre das tatsächlich notwendig gewesen?) sowie letztlich wohl auch einen Rest von anerzogen-konservativer Selbstverleugnung.
Ein schüchterner Kontakt bleibt über die Jahre, eine Karte, ein Neujahrsgruß, ein paar Neuigkeiten, die ein gemeinsamer Freund (der jedoch ebenfalls von der Beziehung, zumindest offiziell, nichts weiß) ihr zukommen lässt. Aber es gibt keinen entschlossenen Versuch, weder von der Protagonistin noch von Stephan, die Beziehung wieder aufzunehmen. Doch die Option bleibt immer fast greifbar: „Und jeden Tag kommen neue Zweifel hinzu und werden gleichzeitig alte Sicherheiten stärker. Es war die richtige Entscheidung, sage ich mir, aber vielleicht wäre eine andere Entscheidung nicht ganz falsch gewesen“ (S.229). Bis ein Umstand eintritt, der alles verändert und den die Ich-Erzählerin fast bis zum Schluss des Buches verdrängt.
Dieses Ende soll hier nicht verraten werden, es ist auch für die Rezeption von Judith Gruber-Rizys neuem Roman nicht ausschlaggebend. Vielmehr ist es interessant, sich in diese verlangsamte Prosa zu versenken, die es versteht, aus vielen kleinen alltäglichen Geschehnissen und Beobachtungen einen fein gewobenen Lebensteppich der Protagonistin zusammenzusetzen, einer modernen Künstlerin, die trotz aller Erfahrung und Selbständigkeit das Gefühl nicht loswird, an einem entscheidenden Punkt ihres Daseins falsch abgebogen zu sein.

„Jeden Tag um halb zehn Uhr mache ich mein Foto“, heißt es zu Beginn eines jeden Kapitels so oder in leichter Abwandlung. Als ob sich die Ich-Erzählerin an diesem Fels im Erzählfluss festhielte, festhalten müsste. Auch ihr sonstiger Tagesablauf ist geprägt von immer wiederkehrenden Ritualen, zu denen je nach Wetter und Jahreszeit der Gang auf den Markt, kleine Fotoausflüge, Telefonate mit und gelegentlich auch Besuche von und bei Freunden und vor allem ihrem Sohn gehören. Doch pünktlich um 9.30 Uhr am Morgen ist sie immer zurück zur täglichen Aufnahme des Kirschbaumes.
Diese Passagen werden vom Leser direkt miterlebt und sind daher im Präsens abgefasst, die Rückblenden zu der Zeit mit Stephan folgerichtig im Präteritum. Die beiden Erzählstränge fügen sich nahtlos ineinander und greifen die Stimmungen aus dem jeweils anderen in sinnfälliger Weise auf, was die ihm innewohnende Ruhe, die dieser Text bei aller selbstkritischen Reflexion der Ich-Erzählerin ausstrahlt, noch befördert. Der Redewendung „hier heroben“, mit der die Autorin das Ortsbefinden der Ich-Erzählerin immer wiederkehrend charakterisiert, wohnt etwas Charmant-Regionales inne, man entnimmt ihr unwillkürlich die tiefe Zugewandtheit der Protagonistin zu diesem selbstgewählten Exil in den Bergen, das ihr zur Aufarbeitung ihrer inneren Zerwürfnisse unabdingbar erscheint. Und wenn in einem schweren Sturm ein großer Ast des Kirschbaums bricht, erscheint uns das wie eine Verletzung der Ich-Erzählerin selbst und gleichsam als Parallele zum Fortgang ihrer mitunter schmerzlichen Erinnerungsbewältigung.
Die Beziehung zu ihrem Sohn David ist innig und von großer Mutternähe geprägt, und so wird der Sohn letztlich als Hauptgrund für das Ende der Beziehung vorgeschoben – dabei hat David Stephan überhaupt nie kennengelernt. Jedenfalls wird klar, dass der wichtigere „Mann“ im Leben der Ich-Erzählerin eindeutig ihr Sohn ist. Es stellt sich beim Lesen gar die Frage, ob die Verheimlichung der Affäre mit Stephan nicht als ein Akt der Unaufrichtigkeit zu werten wäre. Einen männlichen Bezugspunkt hat David offenbar nie wirklich gehabt, sein Vater wird nur als der „Mann im Hintergrund“ (S.16f) bezeichnet, dessen Verschwinden keine Lücke hinterlassen habe: „Und David hat nicht einmal nach ihm gefragt“ (S.17). Da allein aus der Position der Mutter erzählt wird, bleibt Davids eigenes Empfinden im Dunkeln.
Gleichzeitig führt ihre Eremitage die Mutter zu der Erkenntnis, dass sie ohne weiteres „hier heroben“ auch länger als ein Jahr, vielleicht für immer, bleiben könnte. Dies würde für sie jedoch unwiderruflich bedeuten, mit ihrer Entscheidung in Bezug auf Stephan einen Fehler gemacht zu haben: „Das aber wäre ein Ausstieg aus meinem bisherigen Leben. Dann hätte ich auch im Jänner zu Stephan sagen können: Komm vorbei, wenn du in W. bist“ (S.281). Beim Vorbeikommen, das ist ihr in diesem Moment natürlich klar, wäre es nicht geblieben.

Frauen, insbesondere auch Künstlerinnen, die ihren Weg suchen, sind auch in der Vergangenheit ein wichtiges Thema im Schaffen von Judith Gruber-Rizy gewesen. Mit „Der Mann im Goldrahmen“ setzt sie die Arbeit an diesem Sujet fort. Allerdings steht nicht mehr wie noch in ihrem letzten Roman „Schwimmfüchslein“ der weiblich-künstlerische Behauptungskampf in einer immer noch patriarchalisch geprägten Gesellschaft im Zentrum – ihre Daseinsberechtigung als unabhängige Künstlerin wird weder von der Protagonistin selbst noch von ihrem Umfeld in Zweifel gezogen – das Buch hinterfragt vielmehr die eigenen Entscheidungen der zentralen Frauengestalt und deren Folgen für ihre Selbstwahrnehmung bis hin zum Erkennen von Schuld und Verstrickung in ein aktiv mitgestaltetes Schicksal.
Mit „Der Mann im Goldrahmen“ versetzt Judith Gruber-Rizy ihre Leserschaft einfühlsam in eine innere und äußere Erlebenswelt, die das Buch trotz – oder vielleicht gerade wegen – der ihm innewohnenden Langsamkeit über die Distanz von fast 300 Seiten trägt. Die Autorin zeigt eindrucksvoll, dass es der Authentizität eines Prosatextes auch in der zeitgenössischen Literatur keinen Abbruch tun muss, sich einer konventionellen Erzählweise zu bedienen.

© Marcus Neuert, 14. März 2016

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.




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