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Eva Schmidt: Ein langes Jahr.


Leseprobe:


(1) Früh am Morgen

Über Nacht hatte es etwas abgekühlt. Die Luft war klar, keine Wolke am Himmel über dem See. Nur über dem Berg ein paar weiße Wolken, wie Rauch. Die Sonne war noch nicht aufgegangen. Es gab wenig Wind, das Wasser plätscherte kaum hörbar an die Pfähle der in den See gebauten Badeanstalt, die früher zu einem Militärstützpunkt gehört hatte, inzwischen aber öffentlich zugänglich war. Der Steg zum Eingang der Badeanstalt war erneuert worden, die Planken waren heller als die verwitterte Holzfassade des Gebäudes. Noch war die Kassa nicht besetzt. Im Wasser, wie kleine Türmchen aufragend, trieben drei Bierflaschen.
Von einer Feuerstelle am Ufer stiegen Rauchschwaden auf. Ganz in der Nähe saßen zwei Menschen. Ein Mann und eine Frau. Ein junger Mann und eine junge Frau. Sie bewegten sich, als würden sie etwas einpacken. Und bald erhoben sie sich, entfernten sich von dem Platz, wo wie vermutlich geschlafen hatten. Jeder trug eine Tasche. Es waren große Taschen, in denen Platz war für Decken, Kleidung, Proviant. Die beiden waren barfuß, balancierten vorsichtig über das steinige Ufer, gingen dann auf dem asphaltierten Weg nebeneinander stadteinwärts. Der Mann trug eine weite Hose, in seine Haare waren Zöpfe geflochten. Auch die Kleidung der Frau war weit und sah aus, als hätte sie seit Tagen darin geschlafen.
Es war kurz nach sechs, als die Sonne aufging. Zwar war sie wegen des steil ansteigenden Bergs vom Ostufer aus noch nicht sichtbar, aber ihre Strahlen erreichten die Hafenstadt am Nordufer der Bucht, beleuchteten die lange Häuserzeile. Weit draußen auf dem Wasser war ein Motorboot zu sehen. Es schien sich kaum von der Stelle zu bewegen, schaukelte, als sich der Fahrer, vermutlich ein Fischer, aufrichtete. Etwas weiter westlich Richtung Stadt – von dem jungen Paar mit den Taschen waren inzwischen nur noch die Silhouetten zu erkennen – hatten zwei andere ihr Lager aufgeschlagen. Wieder waren es zwei, einer von ihnen jung und männlich, der andere, oder die, ein Wesen, das bis zu den Ohren in eine Decke gehüllt war. Zwei Fahrräder, das eine über dem anderen, lagen in unmittelbarer Nähe der Schlafenden. (...)

(S. 7f)

© 2016 Jung und Jung, Salzburg

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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